Seit Donnerstag lodert die Flamme, entzündet im antiken Olympia. Sie kommt am 3. Mai in der Hauptstadt Brasilia an.Aber was bringt sie mit an Symbolkraft? Endlich die Lust auf Olympische Spiele, die für die gebeutelte brasilianische Gesellschaft den vielbeschworenen Wendepunkt auf dem Weg aus der Krise sein sollen? Man mag es nicht glauben. Die Menschen in Rio de Janeiro haben nicht einmal die Kraft, wie noch vor dem Konföderationencup 2013 und der Fußball-WM 2014, gegen das sportliche Großereignis zu demonstrieren. Und tun es nicht, obgleich sie sich die immensen Bau-und Organisationskosten am Mund absparen müssen.

Die Uhr tickt herunter, die Zeit rennt davon. Am Mittwoch sind es noch 100 Tage bis zur Eröffnungsfeier der ersten Olympischen Spiele in Südamerika und, nach Mexiko 1968, der zweiten in Lateinamerika. So kurz davor macht sich Sorge breit, Sorge, ob alles gut geht, mangels besserer und spannenderer Nachrichten, die dann wohl erst die Entscheidungen in 28 Sportarten mit 306 Wettkämpfen liefern werden.

Miese Stimmung gab es eigentlich immer vor Olympischen Spielen. 2000 in Sydney liefen die Umweltschützer zu großer Form auf. 2004 in Athen gefiel den Kritikern die Laissez-faire-Haltung der Griechen nicht. 2008 in Peking mussten Smog und Menschenrechtsverletzungen herhalten, und 2012 in London war es die Terrorangst, die sich breitmachte. Am Ende ging immer alles gut.

Jetzt sind es das Zika-Virus, die Wasserqualität und der Müll in Rio. Aber nicht nur. Brasilien macht die tiefste Rezession seit 80 Jahren durch. Die Wirtschaft schrumpft, die Preise explodieren, die Arbeitslosigkeit steigt. Und um es sportlich zu sagen: Wie der Ringkampf ums Präsidentenamt ausgeht, weiß kein Mensch. Aber Wilma Rousseff ist angezählt.

Das alles war im Oktober 2009, als Rio in Kopenhagen gegen Madrid, Tokio und Chicago zur Olympiastadt ausgerufen wurde, noch ganz anders. Damals strotzte das fünftgrößte Land der Erde vor Kraft. Damals wurde Brasilien als die kommende Großmacht des Südens gefeiert. Und nun? Nun geht es drunter und drüber. Mit der Kunst des Improvisierens aber wird sich das Internationale Olympische Komitee nicht abfinden wollen. Trotzdem verspricht IOC-Präsident Thomas Bach „spektakuläre Spiele, obwohl wir wissen, dass die ökonomische und politische Situation in Brasilien die letzten Vorbereitungen wirklich schwierig macht“.

Natürlich ist längst noch nicht alles fertig in Rio de Janeiro. Die in diesen Tagen angesetzten Testwettkämpfe aber haben ihren Zweck erfüllt: Alle Schwächen sind offengelegt, die Liste der Probleme wurde lang und länger, und die Organisatoren wurden sensibler. Das Wort „Optimierungsbedarf“ ist greifbar geworden.

Die Kunstturnerin Elisabeth Seitz (22) ist gerade aus Rio zurückgekehrt. Mit der im Nachsitzen geschafften Olympiateilnahme mit dem deutschen Team und dem Einzelsieg am Stufenbarren. Ihre „gigantischen Eindrücke für das tolle Land“ mochte sie nicht verstecken, sagte aber auch: „Ich denke, es gibt noch viel zu tun. Mit dem Strom hatten sie teilweise noch Probleme, die bis zu den Spielen behoben werden müssen.“

Elisabeth Seitz hat naturgemäß ihre Blicke auf ihre Sportart gerichtet: „Die Halle selbst sah in dem Grün, mit den Geräten und dem grüne mBoden, sehr gut aus, jedoch finde ich sie mit 11.000 Zuschauern für Olympische Spiele zu klein. Es waren jetzt nicht viele Zuschauer da, aber die, die da waren, haben gut Stimmung gemacht“.

Rios größtes Problem indes ist noch nicht gelöst: Wird die U-Bahn, die die Menschen von der Copacabana in den Olympiapark in Barra de Tijuca bringen soll, nicht fertig, droht der Verkehrskollaps. Mit Bussen wird man nicht weit kommen. „Die Südamerikaner nehmen es mit den Zeiten nicht ganz so genau“, erfuhr Eli Seitz, und „die ganze Art der Brasilianer ist langsamer, als wir das gewohnt sind.“

Auch der Ticket-Vorverkauf geht nur schleppend voran. Für ausländische Zuschauer werden Flug, Unterkunft und Tickets zu einem teuren Spaß. Andererseits: Rio, die Cidade maravilhosa, die wunderbare Stadt, hat eine ungemeine Anziehungskraft. Wunder für einprägsame Spiele wird es letztlich nicht brauchen. „Am Ende wird alles gut“, denkt Eli Seitz

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
05.–21.08.2016 Olympische Sommerspiele 2016 Rio de Janeiro (Brasilien)