Habe fast durch- und bin ziemlich ausgeschlafen! Sonntagmorgenstimmung. Den Lärm, der in der Nacht aus der nahen kleinen Siedlung herüberwaberte, haben die Cariocas, die Einheimischen, mit in ihre Betten genommen. Die Sonne drängelt sich ins Zimmer. Ich schaue direkt auf ein kleines Kirchlein im bewaldeten Hang. Über uns, am Rande unseres Wohn-„Dorfes“, ein Berg, vielleicht 500 Meter hoch. Darunter versteckte Häuser. Wie viele? Keine Ahnung.

Es ist Sonntag – und Waschtag. Muss sein. Aber wir lassen waschen. Auf dem Weg zum Frühstück Vogelgezwitscher, die meisten Kollegen sind schon bei der Arbeit. So ruhig und leer war es hier bisher noch nie. Klar: Wenn die Spiele losgehen, ändern sich Rhythmus und Aufgaben eines jeden. Die Dutzenden Chinesen in ihren braunen Hosen und blauen Jacken, die als Techniker und Journalisten für das Fernseh-Weltbild verantwortlich zeichnen, sind wie vom Erdboden verschluckt. Es gibt jetzt ja auch Frühstück ab 5 Uhr.

Also: In den vier kleinen Spitzzelten stehen 20 Waschmaschinen. Die Hälfte davon kann man selbst bedienen. Aber die gut gelaunte Juliana Lima (23), die mit ihren beiden bezaubernden Freundinnen die Regie im Waschsalon übernommen hat, bezirzte uns. Sie versprüht Lebensfreude, ein richtiger Wachmacher. „Eure Säckchen könnt ihr morgen Früh wieder abholen“, sagt sie, „ganz sicher.“ Eine Jeans, Shorts, zwei Hemden, die Unterwäsche der ersten sechs Tage machen 50 Reais, umgerechnet ungefähr 17,50 Euro.

Nach dem Frühstück Zeit der Stille. Für ein Gebet. Dort drüben in der weiß-blaugetünchten Kapelle. Bernhard Kunz und ich haben am Abend davor, in der 18. Wachstunde, in der Tat über Gott und die Welt gesprochen. Sehr tiefgründig. Bei zwei Caipirinhas als Absacker und dann noch mal einem halben. Lall! Fazit: Es dreht sich alles um unsere Familien, wir sind sehr dankbar. Die Besinnlichkeit passt jetzt ganz gut.

Vor dem Kirchlein sitzen Einheimische und plaudern. Freundlich grüßende Menschen. Zwischen uns gibt es eine Sprachbarriere. Wir unterhalten uns mit „Daumen hoch“ oder so. Auch sie frühstücken. Im Freien an einer Bretterbude unter Bäumen. Es sind einfache, aber sehr einladende Verhältnisse.

Vor der Kirche ein Kreuz und eine Brandstelle. Eine Puppe liegt in der Asche. Überbleibsel der Ausübung von Macumba, dieser afro-brasilianischen Religion. Brasilianische Katholiken und Anhänger des Macumba-Kults, in dem es viel um Hexenglauben und Fetische geht, kommen nicht gut miteinander aus.

In der Bude sprudelt und dampft es. Davor pulsiert das Leben. Eine Reihe von laut lachenden und gestikulierenden Frauen sehen Bernhards Kamera und wollen geknipst werden. Unbedingt. Als er den Mann, der sich aufs Bild drängen wollte, für einen Moment verscheucht, kreischen die Mädels triumphierend. Sie sind, ich meine das nicht abwertend, die Putzkolonne, die in Kürze durch die Apartments zieht. Ohne Beanstandung reinigen sie täglich und bringen die Bude auf Vordermann. Es ist eine große Aufgabe für sie, so scheint es, für Journalisten aus aller Welt da zu sein, und sie sind froh, einen Job zu haben.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
05.–21.08.2016 Olympische Sommerspiele 2016 Rio de Janeiro (Brasilien)