Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

wenn wir uns jetzt im so genannten Sommerloch befinden würden, könnte ich Ihnen an dieser Stelle von JJ1 erzählen. JJ1 war ein Braunbär, geboren 2004 im Naturpark Adamello-Brenta nahe Trient; gestorben am 26. Juni 2006 nahe Bayrischzell in Bayern. Weite Teile seines Lebens verbrachte er damit, als „Problembär Bruno“ in nachrichtenarmer Zeit die Nachrichtenspalten der Zeitungen zu füllen – selbst in die ruhmreiche New York Times hatte er es seinerzeit gebracht. Weil er nämlich im Mai 2006 aus der italienischen Provinz Trentino nach Norden gewandert war, sich längere Zeit im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet aufgehalten und mehrfach die Landesgrenze überschritten hatte. Er war seit über 170 Jahren der erste Braunbär, der in Deutschland in freier Wildbahn auftrat. Und im Sommerloch. Das Gratislexikon Wikipedia will wissen, dass Bruno während seiner Streifzüge auch Haus- und Nutztiere, vor allem Schafe – zum Teil auch innerhalb von Siedlungen oder in deren Nähe – schlug. Für einen Bären nichts Ungewöhnliches, für die Bayerische Staatsregierung aber deutlich zu viel, weshalb sie ihn als „Problembär“ einstufte und schließlich zum Abschuss freigab. Wegen zahlreicher Proteste wurde drei Wochen lang mit verschiedensten Methoden versucht, JJ1 lebend zu fangen. Vergeblich. Am 26. Juni 2006 wurde er in der Nähe der Rotwand im Spitzingsee-Gebiet in Bayern erlegt. Einen Tag später ging bei der Fußball-WM in Deutschland, (vgl. auch „Sommermärchen“) das Viertelfinale los. Wir hatten also wahrlich andere Probleme im Sinn als „Problembär Bruno“. Dessen Kadaver wurde präpariert und ist seit 27. März 2008 im Schloss Nymphenburg im Museum Mensch und Natur ausgestellt. Wie gesagt: All das hätte ich Ihnen recht ausführlich erzählen können, wenn wir denn im Sommerloch wären. Sind wir aber nicht, weil seit der Nacht auf Samstag in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele laufen. Wie vor zehn Jahren steht zu vermuten, dass der Sport in den nächsten beiden Wochen die Schlagzeilen bestimmt, weshalb Brunos legitime Nachfolgerin, die „Problemkanzlerin Angela“, im Zeichen der Olympischen Ringe vermutlich von Horst Seehofer Schonzeit bekommen wird. Auch sie füllt wie weiland Bruno die Nachrichtenspalten der großen Zeitungen zwischen Zweibrücken und New York. Der bayerische Ministerpräsident aber wird jetzt zuallererst einmal mit den bayerischen Olympiateilnehmern bangen, ihnen kräftig die Daumen drücken. So wie das natürlich auch die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer und ihr Sportminister Roger Lewentz unter dem olympischen Motto „Dabei sein ist alles“ für die 14 Rheinland-Pfälzer am Zuckerhut machen. Und auch Julia Klöckner im Falle der rheinland-pfälzischen Sportlerinnen und Sportler tut. In einer Pressemitteilung, aus der ich an dieser Stelle nur zitieren würde, wenn wir im Sommerloch wären, hat die Vorsitzende der CDU jedenfalls geschrieben, dass die deutschen Olympioniken ein Aushängeschild seien. Die Christdemokratin hofft natürlich ganz besonders auf die rheinland-pfälzischen Olympioniken, denn aus unserem Land seien echte Medaillenhoffnungen in Rio dabei.

Judo (vielleicht ja sogar Jasmin Külbs) und Radsport nennt Julia Klöckner. Und natürlich die Leichtathletik – wobei sie da bestimmt vor allem den Zweibrücker Stabhochspringer Raphael Holzdeppe und die Zweibrücker Speerwerferin Christin Hussong meinen wird. Wen sonst?! Dass die Politikerin mit besonderem Nachdruck gleich in mehreren Sätzen auf die Olympioniken abhebt, tut Sprachpuristen weh. Olympioniken, das waren einstmals die erfolgreichen Olympia-Teilnehmer schreib: Sieger. So wie die Olympiade vormals die Zeit zwischen zwei Olympischen Spielen war, also vier Jahre umfasst. Aber an die Sprachpanscherei (alternativ laut Duden auch: -pantscherei) haben wir uns längst gewöhnt. Wir definieren ja auch Inhalte im Plural, wo es das Wort eigentlich nur im Singular gibt, schreiben von Unkosten, wenn wir Kosten meinen, und verteilen sogar Gelder, wenn schlichtweg das Geld richtig wäre.

Ja, wir begrüßen bei zahlreichen Veranstaltungen sogar dezidiert die Anwesenden – ganz so, als könnten sich am Ende die Nicht-Anwesenden angesprochen fühlen. Die Reihe ließe sich übrigens problemlos fortsetzen. Im Idealfall wären Sprachungetüme also auch mal ein geeignetes Thema, darüber schreibend eine Kolumne im Sommerloch zu füllen. Heute, am Weltkatzentag, natürlich nicht . . .

Michael Klein

Chefredakteur