Die Speerwurf-Europameisterin von Berlin ist nah dran an Bronze, dann wirft sich die Australierin Kelsee Lee-Barber mit 66,56 Metern noch auf den Goldrang. Mit 65,21 Metern schrammt die 25 Jahre alte Studentin aus Herschberg unglücklich am Podium vorbei. Die Chinesinnen Liu Shiying und Lyu Huihui gewinnen Silber und Bronze. Hussongs Zweibrücker Vereinskollege Raphael Holzdeppe wird beim Sieg von Sam Kendricks Sechster. Superstar Noah Lyles holt 200-m-Titel.

Die 65,05 Meter aus dem zweiten Versuch, mit dem sie lange auf dem Silberrang lag und der ihr ein gutes Gefühl geben konnte, reichten am Ende nicht. Erst rutschte sie auf Platz drei ab, dann fiel sie im übertragenen Sinne vom Podium. Christin Hussong – die enttäuschte WM-Vierte. „Das war schon oft so in dieser Saison. Das tut mir leid für sie. Das tut weh. Jetzt kann man nichts mehr ändern“, sagte Trainer Udo Hussong der RHEINPFALZ. „Sie hat aber noch mal gut gekämpft und dagegen gehalten. Na ja.“

Er war innerlich zusammengesackt, als die Australierin Kelsey-Lee Barber ihr 600 Gramm schweres Wurfgerät auf die 66,56 Meter schleuderte und damit auch die Chinesinnen Liu Shiying (65,88) und Lyu Huihui (65,49) aus ihren Träumen riss. Hussong klappte enttäuscht das Tablet zu, als seine 25 Jahre alte Tochter zwar konterte, aber nicht weit genug. 65,21 Meter mit dem allerletzten Versuch der Konkurrenz, den Christoph Harting in der ersten Reihe mit „Halt voll drauf“ anmoderiert hatte. Aber das ging im Jubel der Australier auf der Tribüne unter. Der tapferen Pfälzerin blieb nur Platz vier.

Niedergeschlagen wirkte sie, fand nicht die richtigen Worte, die roten Backen glänzten vor Aufgeregtheit nach dem Wettkampf. Es macht keinen Spaß, in solch einem Moment vor die versammelten Journalistenschar zu treten. „Ich habe mein Bestes gegeben, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe ja noch versucht zu kontern, der letzte Wurf war auch mein bester, es hat halt nicht gereicht“, sagte Christin Hussong, die die Nacht brauchen wird, um über den undankbaren vierten Platz hinwegzukommen.

Im Stabhochsprung, nicht erst seit der letztjährigen „EM-Schlacht von Berlin“ eine spektakulär anmachende Disziplin, ging’s bei 5,87 Meter so richtig ans Eingemachte. Das Favoritentrio der drei Sechs-Meter-Springer gleichauf, bis Sam Kendricks (USA) als einziger den zweiten Versuch riss. Kleiner Rückstand für ihn, doch der 27 Jahre alte Titelverteidiger, mit 6,06 Meer der Jahresbeste, versteht zu kontern, kaufte beim ersten Sprung über 5,92 Armand „Mondo“ Duplantis, dem schwedischen Europameister, und Piotr Lisek, dem polnischen WM-Zweiten von 2017, den Schneid ab. Aber: „Mondo“ blieb im dritten Versuch im Rennen, Lisek verlagerte zwei Versuche auf 5,97 und scheiterte. Raus! Dann die Entscheidung: „Mondo“ und Sam, der wegen der Fehlversuchsregel führt, fliegen im dritten Versuch drüber, langgezogene Schreie wie bei einem Tor einer hellwachen Zuschauerkulisse. Welch eine Dramatik!

Keiner schaffte mehr die 6,02 Meter. Als „Mondo“ riss, rannte Sam auf die Matte, und die beiden lagen sich wie beste Freunde in den Armen. Die Szene erinnerte an Berlin 2018, als Duplantis und Renaud Lavillenie sich gegenseitig feierten. Der Franzose war gestern im Finale nicht mehr dabei.

Raphael Holzdeppe probierte sich gerade zum dritten Mal an den 5,80 Meter, als auf der gegenüberliegenden Seite des Stadion seine Vereinskollegin vom LAZ Zweibrücken, Christin Hussong, zusammen mit ihren elf Finalgegnerinnen in der Speerwurfentscheidung, vorgestellt wurde. Holzdeppe, der Weltmeister von 2013 und „Vize“ von 2015, blieb aber genau so hängen wie Olympiasieger Diago Braz und alle anderen – außer den großen Drei. Youngster Bo Kanda Lita Baehre (20) lag deshalb vor dem Sechstplatzierten Zweibrücker und wurde starker Vierter, weil er die Anfangshöhe von 5,55 Meter im ersten, der Pfälzer aber erst im zweiten Versuch packte. „Ich bin sehr zwiegespalten, weiß nicht, ob ich enttäuscht oder zufrieden sein soll“, sagte ein recht entspannt wirkender Holzdeppe.

In der ersten Laufentscheidung des Tages setzte sich der US-Amerikaner Donavan Brazier mit einer sehr offensiven Laufweise und unglaublich viel Druck recht souverän durch. Er gewann die 800 Meter in 1:42,34 Minuten vor Amel Tuka (Bosnien und Herzegowina, 1:43,47) und Ferguson Cheruiyot Rotich (Kenia, 1:43,82). Schlusspunkt am fünften WM-Tag, wieder besonders mit einem kleinen Lichtspiel inszeniert: die 200 Meter.

Mit 19.50 Sekunden ist Noah Lyles der viertschnellste 200-m-Sprinter in der Geschichte, gelaufen am 5. Juli In Lausanne – hinter Usain Bolt (19,19), Yohan Blake (19,26) und Michael Johnson (19,32). Der 22-Jährige ist der Shootingstar der Sprintszene, trotz eines Christian Coleman auf der kürzeren Strecke, und mit dem Doppelsieg über 100 und 200 Meter in der Diamond League auch der Großverdiener. Zum Tagsabschluss verwies Lyles die Konkurrenten recht leichtfüßig in die Schranken, indem er auf den letzten 50 Metern erst vorbei schob. In 19,82 Sekunden schlug er den Kanadier Andre de Grasse (19,95 Sekunden) und Alex Quinonez (Ekuador, 19,98).

Ist Vierte im Speerwerfen geworden: Christin Hussong aus Herschberg.
Ist Vierte im Speerwerfen geworden: Christin Hussong aus Herschberg. (Foto: dpa)
Sechster: Holzdeppe.
Sechster: Holzdeppe. (Foto: Reuters)

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
27.09.–06.10.2019 Weltmeisterschaften 2019 Doha (Katar)