Kassel. So früh wie immer in Olympiajahren gehen die deutschen Leichtathletik-Meisterschaften über die Bühne: am Samstag und Sonntag im Kasseler Auestadion. Nur der Meister mit Olympianorm bucht direkt das Ticket nach Rio de Janeiro. Aber es geht auch um Tickets für die Europameisterschaften vom 6. bis 10.Juli in Amsterdam.

Ist der internationale Doppelstart Fluch oder Segen? Das sieht jeder Athlet anders. Fest steht: Wer sich in Kassel für Amsterdam qualifiziert, ist nicht automatisch in Rio dabei. Die Nominierungsrichtlinien des Deutschen Leichtathletik-Verbandes(DLV) indes geben über das Prozedere keine Auskunft, nur über Normen, und die sind nicht in allen Fällen für Amsterdam oder Rio die gleichen.

Nach derzeitigem Stand gibt es im Diskus- und Speerwerfen jeweils mehr als drei Normerfüller, außerdem im Frauensprint und Frauen Stabhochsprung. Auf diesen Disziplinen liegt in Kassel das besondere Augenmerk, aber auch auf 100-m-Sprinter Julian Reus, der den deutschen Rekord von 2014 (10,05 Sekunden) erneut verbessern könnte, oder auf den Weltmeistern Robert Harting und Raphael Holzdeppe, die lange verletzt waren. Holzdeppe ist guter Dinge. „Ich bin voll belastbar“, sagte der Zweibrücker vor seinem Saisondebüt. Außer ihm können fünf, sechs Athleten aus der Pfalz in den Titelkampf eingreifen, Lisa Ryzih und Christin Hussong, die wie Holzdeppe 2015 bei der WM in Peking dabei waren, sogar Tickets nach Amsterdam oder Rio lösen. Aufs Treppchen wollen auch Patrick Zwicker (LC Rehlingen, 800 m), Ricarda Lobe (MTG Mannheim, 100m-Hürden), Hanna Klein (SG Schorndorf, 1500 m) und Martin Seiler (ABC Ludwigshafen,Dreisprung).

Stabhochspringerin Lisa Ryzih (25, ABC Ludwigshafen) will gar nicht in die Wetterkarte schauen, den Regenschirm aber mitbringen: „Das bringt ja nichts, sich mit dem Wetter zu beschäftigen. Einen Titel zu holen, ist immer klasse, aber in Kassel hat das einen besonderen Stellenwert“, sagt Ryzih, die am 22. Mai in Rabat mit 4,50 m die Norm sprang und in Rom „nullte“. Man müsse auch etwas taktieren können, sagt sie, und ein bisschen fehle ihr Physiotherapeut Mike Steverding, der gerade mit den Österreichern bei der Fußball-EM ist.

Ganz eng zu geht es bei den deutschen Speerwerferinnen. „Aus vier mach drei“ heißt es vor EM und Olympia. Christin Hussong (LAZ Zweibrücken) kommt mit 62,57 Metern als Drittplatzierte der aktuellen Bestenliste nach Kassel – hinter Christina Obergföll (64,96 m) und Linda Stahl (63,10m), aber vor Weltmeisterin Katharina Molitor(62,12m).

„Die Form passt, ich bin gesund. Jetzt muss es am Sonntag nur noch klappen.Ich brauche da auch das bisschen Glück auf meiner Seite“, sagt Hussong, die in Rehlingen und in Halle/Saale die Norm übertroffen hatte und in der Diamond League am 2.Juni in Rom als Dritte beste Deutsche war. „Der Ausreißer nach oben fehlt noch, ich habe meine Technik noch nicht in einem gültigen Wurf umgesetzt. Wir sind alle vier auf gleichem Niveau, wer rausfliegt, hat Pech gehabt“, sagt sie. Aber an Optimismus mangelte es ihr noch nie.„Ich weiß, was ich kann“, sagt die 22-jährige Herschbergerin.