Merkur-Interview mit Mathias Brockelt, Trainer des U-20-Weltmeisters Till Wöschler im Speerwurf vom LAZ

Zweibrücken. Das Leichtathletikzentrum (LAZ) Zweibrücken hat einen neuen Shooting-Star, den U 20-Weltmeister im Speerwerfen, Till Wöschler. Merkur-Redakteur Werner Kipper unterhielt sich mit dem 44-jährigen Trainer des 19-jährigen Abiturienten, Matthias Brockelt.

Es sind nun etwas mehr als vier Wochen seit dem triumphalen Wurf Ihres Schützlings auf 82,52 Meter bei der U 20-WM im kanadischen Moncton vergangen. Müssen Sie sich noch kneifen, um den kapitalen Wurf noch einmal zu realisieren?

<blockquote><strong>Matthias Brockelt:</strong> So langsam haben wir es realisiert, was in Moncton passiert ist. Ich bin immer noch sehr beeindruckt von Tills phänomenaler Leistung. Zum Saisonhöhepunkt so einen großartigen Wurf auszupacken – Wahnsinn! Aufgrund seiner Leistungskonstanz auf höchstem Niveau haben wir ja schon vor der WM mit einem 80er Wurf gerechnet – aber dann gleich 82,52 Meter – damit wäre Till ja bei den Aktiven in Braunschweig Deutscher Meister geworden! Ich bin unbeschreiblich stolz auf diese gigantische Leistung.</blockquote>

Haben Sie mit dieser Leistungssteigerung von Till Wöschler um fast acht Meter gegenüber seiner Bestleistung von 74,71 Meter aus dem Vorjahr gerechnet?

<blockquote><strong>Brockelt:</strong> Ich habe sicherlich mit Weiten jenseits der 78 Meter gerechnet und nach dem tollen Saisonstart in Pirmasens auch auf den Deutschen Jugendrekord von 78,67 Meter gehofft. Doch dann hat Till den Deutschen Jugendrekord mit 82,52 Meter pulverisiert. Für diese enorme Leistungssteigerung spielen viele Faktoren eine entscheidende Rolle. Nach Tills erfolgreichem Abitur haben wir zwei Trainingseinheiten pro Woche mehr absolviert. Till hatte den Kopf frei. Den technischen Feinschliff haben wir uns im Ostertrainingslager in Albufeira in Portugal erarbeitet. Zudem haben wir unseren Rhythmus von Belastung und Erholung gefunden, nur auf wenigen, ausgewählten Wettkämpfen geworfen.</blockquote>

Wie hat Till Wöschler den ganzen Rummel um seine Person nach der WM verkraftet?

<blockquote><strong>Brockelt:</strong> Sehr gut, davon bin ich überzeugt. Das gehört eben auch zum Typen Till Wöschler dazu. Er lässt sich nicht verrückt machen. Beispielsweise schien er wegen des Trubels um seine Person nach dem Erfolg bei der Weltmeisterschaft schon etwas genervt und hat sich dann kurzerhand mit seiner Freundin eine kleine Auszeit genommen.</blockquote>

Till Wöschler hat sich auch mit 77,38 Meter die Deutsche Jugendmeisterschaft gesichert. Wie schaffen Sie es, dass er sich noch für den Rest der Saison weiter motivieren kann?

<blockquote><strong>Brockelt:</strong> Zu den angesprochenen Aspekten reduzierte ich vorübergehend sein Trainingspensum enorm – und spätestens seit seinem dritten Deutschen Meistertitel ist Till wieder hoch motiviert, sich auf dem ein oder anderen Meeting stark zu präsentieren.</blockquote>

Das LAZ hat prompt reagiert und dem 19-jährigen angehenden Bundeswehrsoldaten in der Sportfördergruppe Mainz einen besser dotierten Vertrag angeboten. Lagen bereits Angebote von etablierten Vereinen für den künftigen B-Kader-Athleten des DLV vor?

<blockquote><strong>Brockelt:</strong> Nein, offizielle Anfragen gab es bisher keine, weil die Leichtathletikszene unsere gute Zusammenarbeit würdigt und respektiert. Da beim LAZ Leistungen entsprechend honoriert werden, ist es nur logisch, dass der Shooting-Star Till Wöschler einen deutlich besser dotierten Vertrag erhält.</blockquote>

Nach dem Stabhochsprung und dem Hürdenlauf hat das LAZ nun noch eine weitere Disziplin mit internationalem Zuschnitt. Sind Sie mit den Voraussetzungen in Zweibrücken zufrieden oder was muss sich noch verbessern?

<blockquote><strong>Brockelt:</strong> Diesen internationalen Zuschnitt hatte der Speerwurf beim LAZ bereits 2005, als aus meiner Trainingsgruppe der damals A-Jugendliche Alexander Vieweg drei Deutsche Meistertitel und die Vize-Europameisterschaft gewann. Allerdings hat Till in der gleichen Altersklasse bereits sieben Meter weiter als Alex geworfen, was seine Extraklasse unterstreicht. Zugleich sind unsere Trainingsmöglichkeiten am Bundesleistungszentrum hervorragend. Den größten Vorteil in Zweibrücken sehe ich darin, dass wir hier ohne Störfaktoren unsere Periodisierung geduldig durchziehen können. Somit war es möglich, Tills sportliche Entwicklung langfristig zu formen und ihn über fünf Jahre stetig weiterzuentwickeln. Ich denke, an Tills Rekordwurf wird sich die deutsche Nachwuchselite jahrelang die Zähne ausbeißen. Konkurrenz könnte er vielleicht aus der eigenen Familie in rund vier bis fünf Jahren erfahren. Denn sein Bruder Nils ist ein ähnliches Wurftalent.</blockquote>

Sie sind mit Ihren Prognosen in der verletzungsanfälligen Disziplin äußerst vorsichtig. Doch was ist in Zukunft von Till Wöschler noch zu erwarten?

<blockquote><strong>Brockelt:</strong> Till hätte mit seiner Weite beim WM-Sieg den ersten Platz bei den Deutschen Meisterschaften belegt und wäre Vierter bei der EM in Barcelona geworden. Das spricht für sich. Aber das Ganze sollte man nicht eins zu eins vergleichen. Bleibt Till weiterhin von schwereren Verletzungen verschont, müssen unsere Ziele jetzt natürlich selbstbewusst formuliert deutlich höher angesetzt werden. Da die Qualifikationsnormen des DLV für die WM 2011 und die Olympischen Spiele 2012 zwischen 81 und 82,50 Meter liegen werden, müssen diese beiden Großereignisse natürlich in unserem Fokus liegen. Mittelfristig, das bedeutet in den nächsten beiden Jahren, sollte es uns gelingen, dass Till Würfe über 85 Meter abrufen kann. Langfristig sehe ich bei Till das Potenzial eines 90-Meter-Werfers.</blockquote>

Sie haben in dieser Saison einen 14-Tages-Rhythmus für die Wettkämpfe von Till Wöschler gewählt, um ihm jeweils die notwendige Erholungsphase zu gönnen. Liegt darin das Erfolgsrezept?

<blockquote><strong>Brockelt:</strong> Beim Speerwurf wirken auf den Athleten besonders in der Abwurfphase enorme Kräfte auf verschiedene Körperpartien. Bei Tills angeborener „Rückenproblematik“, die wir durch viele spezielle stabilisierende Übungen in den Griff bekommen, hat sich dieser Rhythmus seit 2009 bewährt.</blockquote>

Worin liegt seine Ausnahmestellung in dieser Altersklasse begründet?

<blockquote><strong>Brockelt:</strong> Kontinuität, langfristiger Trainingsaufbau, sein Ausnahmetalent, sehr gute Trainingsbedingungen, tolles Umfeld, Rückhalt durch Familie, Freundin, Freunde, Trainingsgruppe und Verein.</blockquote>

Welche Wettkämpfe stehen in dieser Saison noch an? Hat der WM-Sieg die Anfragen von Meeting-Direktoren erhöht?

<blockquote><strong>Brockelt:</strong> Natürlich steht Till seit seinem galaktischen WM-Gold-Wurf bei den Meeting-Direktoren hoch im Kurs. Till konnte am Wochenende beim renommierten Internationalen Werfermeeting in Thum mit 79,29 Meter überzeugen. Seine Form ist also noch super. Heute steht ein absolutes Highlight in Wöschlers Karriere an: Till Wöschler tritt in Brüssel beim Diamond-League-Meeting gegen die Weltelite an. Er soll dort in diese großartige Atmosphäre vor knapp 50 000 Zuschauern hineinschnuppern, um weitere Erfahrungen für die Großereignisse der kommenden Jahre sammeln. Er wird dort ab 20.40 Uhr in einem erlesenen Starterfeld gegen Weltmeister und Olympiasieger Andreas Thorkildsen aus Norwegen und den Deutschen Meister Matthias de Zordo aus Saarbrücken antreten. Doch sollte er als der mit Abstand jüngste Starter im Feld sich nicht verrückt machen und diesen Wettkampf als Sahnehäubchen genießen. Danach werden wir von Woche zu Woche entscheiden, ob Till noch weitere Wettkämpfe bestreitet oder diese bisherige „beste Saison seines Lebens“ beendet.</blockquote>
Till Wöschler bei der U20 WM in Moncton 2010
Ihre Zusammenarbeit beim LAZ Zweibrücken haben Speerwerfer Till Wöschler (links) und sein Trainer Matthias Brockelt mit der Goldmedaille bei der U 20-Weltmeisterschaft gekrönt. Foto: Bockelt