Kiel. Mit 24 Jahren schrieb Willi Holdorf ein Stück deutsche Sportgeschichte, als er als erster Deutscher Olympia-Gold im Zehnkampf gewann. Unvergesslich sind die Bilder, die ihn am Abend des 20. Oktober 1964 zeigen, wie er in Tokio im abschließenden 1500-m-Lauf auf die Ziellinie zutaumelte. Für eine Ehrenrunde reichte die Kraft nicht mehr. Heute feiert er in Kiel seinen 75. Geburtstag.

Es war schon ein besonderes Sportjahr, dieses 1964. Ljudmila Beloussowa und Oleg Protopopow schlagen bei Olympia in Innsbruck Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler, die dann sogar ihre Silbermedaille abgegeben müssen, weil sie einen Profivertrag unterzeichnet hatten, die sie aber 1987 wieder erhielten. Jacques Anquetil gewinnt den Giro und die Tour, Cassius Clay schlägt, als er noch nicht Muhammad Ali hieß, Sonny Liston. Der 1. FC Köln wird der erste Fußball-Bundesliga-Meister, und in Tokio tritt zum letzten Mal eine gesamtdeutsche Mannschaft an. Athleten aus der BRD und der DDR, die sich fremd sind und von den Funktionären auch so behandelt werden, starten unter dem Kürzel GER, als deutsche „Hymne“ wird Beethovens Ode „An die Freude“ gespielt.

Und da holte Willi Holdorf, der junge Mann mit der hohen Stirn, unter dem Nachthimmel von Tokio eine von zehn deutschen Goldmedaillen – wie beispielsweise auch die Hürdenläuferin Karin Balzer, der Segler Willi Kuhweide oder der deutsche Bahnradvierer.

Aber der „König der Athleten“ – das war dieser Willi Holdorf. Geboren im Zweiten Weltkrieg. Der Vater war an der Front (und kehrte nicht mehr heim), die Mutter bestellte den Hof in dem 1000-Seelen-Dorf Blomesche Wildnis bei Glückstadt an der Elbe alleine.

Klein-Willi spielte Fußball und gewann mit elf seine erste Urkunde bei den Bundesjugendspielen. Er war ein verdammt schneller Läufer. 1959 bekam er seine erste Einladung zu einem Sprinter-Lehrgang nach Mainz. Mit Carl Kaufmann und Manfred Kinder. Seine erste große Reise. Der Anfang. Im gleichen Jahr folgte eine Einladung zum Zehnkampf-Lehrgang in Hannover, zu Bundestrainer Friedel Schirmer. Holdorfs Vereinstrainer in Leverkusen hieß Bert Sumser.

Dann 1964. Tokio. Manfred Bock war verletzt, also starteten neben Holdorf noch Hans-Joachim Walde und Horst Beyer für GER. Der 19. und 20. Oktober waren trockene Tage nach Tagen des Dauerregens. Es gab eine neue Wettkampfregel, die den ausgeglichenen Zehnkämpfern zugute kam. Holdorf trug die Startnummer 263. Wie Armin Hary bei seinem Olympiasieg 1960 in Rom. Ein gutes Omen?

Nach dem ersten Tag führte Holdorf vor Walde und dem Russen Rein Aun aus Tallinn. Nach neun Disziplin wie gehabt: Holdorf, Walde, Aun. Die Journalisten rechneten auf den Tribünen. Nur 17 Sekunden durfte Holdorf über 1500 Meter langsamer als Aun sein. 19.19 Uhr der Start. In Deutschland war es 11.19 Uhr.

Im Olympiabuch der Deutschen Olympischen Gesellschaft schreibt der Journalist Wolfgang Wünsche: „Bei Holdorf ist es längst kein Laufen mehr, er quält sich dahin, die Augen fast verschlossen... Er torkelt und galoppiert zugleich dem Ziel entgegen, das der Russe längst passiert hat. Da wankt Holdorf heran, schwankt bedrohlich nach rechts und bricht direkt hinter dem Ziel zusammen.“ Er verlor zwölf Sekunden auf Aun. Es war der Sieg. Die Krönung und zugleich das Karriereende. Walde wurde Dritter.

Die Bilder des Kampfes um den Olympiasieg – sie sind unvergessen. Aber es gab keine Livebilder. Die Filme wurden – man mag es nicht glauben – mit dem Flugzeug nach Deutschland gebracht. Seine damalige Frau Doris hatte am Rundfunkgerät gesessen. Später erzählte sie: „Stundenlang hatte mir der Satz in den Ohren geklungen: Weitere Nachrichten aus Tokio bringen wir um 12 Uhr.“ Dann klingelte der Lebensmittelhändler von nebenan und rief die Doris ans Telefon, wo sie von ihrem Bruder die Nachricht vom Gold erhielt.

Nach seiner Karriere wechselte Holdorf in dem Bobsport, wurde mit dem legendären Horst Floth 1973 im Zweier Vize-Europameister. Er hatte Starkstromelektriker gelernt, gab Sportunterricht nach seinem Diplom-Sportstudium, arbeitete als Immobilienmakler, trainierte die Leichtathletikasse Günter Nickel und Klaus Schiprowski, der 1968 in Mexico-City Silber im Stabhochsprung gewann, war im deutschen Daviscup-Team zu Zeiten von Kapitän Wilhelm Bungert Konditionstrainer und sprang als Bundesligatrainer im Januar 1974 bei Fortuna Köln ein. Sein bescheidener Erfolg bis zum Sommer: Er führte die Fortuna vom letzten auf den vorletzten Platz. Abgestiegen ist sie dennoch.

Heute lebt er mit seiner Frau Sabine Schust bei Kiel und ist Mitgesellschafter der THW Kiel-Handball Bundesliga GmbH. Es vergeht keine deutsche, Europa- oder Weltmeisterschaft ohne Willi Holdorf, und auch keine Wahl zum Sportler des Jahres, der er selbst 1964 gewesen war. Holdorf hatte zwei leichte Schlaganfälle erlitten, er golft ein bisschen und sagt: „Es war schwer, als ich 70 wurde. Jetzt, mit 75, habe ich mich ans Altwerden gewöhnt. Doch ich fühle mich fit. “