Kaiserslautern. Der Sportbund Pfalz feiert in diesem Jahr sein 70. Jubiläum. Am 9. September wird dieses bei einer großen Gala in Neustadt gefeiert. Nicht erst als Geschäftsführer des Dachverbands hat Martin Schwarzweller viele dieser Jahre – und damit auch Veränderungen und Herausforderungen – miterlebt.

Herr Schwarzweller, 70 Jahre Sportbund Pfalz. Ist solch ein Geburtstag für Sie noch etwas Besonderes?

Martin Schwarzweller: Klar ist das auch für mich noch was Besonderes. Ich war ja beim 50. Jubiläum auch schon Geschäftsführer, das so ein richtig rundes Jubiläum war, mit großem Programm. Auch den 60. haben wir mit einer Zeitreise gefeiert – und eine über sieben Jahrzehnte des pfälzischen Sports soll es nun auch bei der Jubiläumsgala in Neustadt geben. Wir wollen diese nutzen, um die pfälzische Sportfamilie – Fachverbände, Vereine, Sportler – zu einem besonderen Rückblick einzuladen.

Das gesamte Jahr über laufen bereits sehr viele Veranstaltungen unter dem Motto „70 Jahre Sportbund Pfalz“, ist die Gala am 9. September in Neustadt der Höhepunkt?

Schwarzweller: Ja. Der Sportbund hat schon immer über das gesamte Jahr Veranstaltungen, die etwas Besonderes sind. Etwa den Sportabzeichentag. Die stellen wir natürlich auch unter das Motto und transportieren damit das Logo, aber die hätten wir ohnehin gemacht. Am 18. Oktober haben wir dann noch das sporthistorische Symposium in der Geschäftsstelle in Kaiserslautern, bei dem wir anlässlich des Jubiläums insbesondere die Gründungszeit der 50er Jahre beleuchten wollen. Bei der Jubiläumsfeier wird es Filmeinspieler geben, Live-Musik und Vereine mit Tanzvorführungen passend zu bestimmten Jahrzehnten. Es werden Ehrengäste da sein, die früher sehr bekannte Sportler waren, wie Heiner Dopp und Peter Truch als Legenden des Hockeysports, der ehemalige Weltmeister im Gewichtheben Rainer Dörrzapf, zudem aktuelle Sportler. Es wird ein abwechslungsreiches Programm.

Sie selbst sind schon lange Zeit beim Sportbund dabei, wie kamen Sie damals dazu?

Schwarzweller: Ich habe schon 1984 als Praktikant erste Schritte hier gemacht, von 1986 bis 1990 war ich durch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme nach meinem Studium beim Sportbund, dann auch als Bildungsreferent. Nach meiner Zeit beim Landessportbund als Laufbahnberater am Olympiastützpunkt habe ich mich zurück beworben – und bin nun seit 1995 Geschäftsführer. In dieser Zeit ist natürlich viel passiert.

Wie auch in den vergangenen 70 Jahren. Was sind die größten Herausforderungen, denen sich der Sportbund Pfalz im 70. Jahr des Bestehens stellen muss?

Schwarzweller: Ich habe mich schon immer für die Gründungsphase interessiert, Sitzungsprotokolle gelesen und erstaunlicherweise tauchen damals schon etliche Aufgaben des Sportbunds auf, die auch heute noch aktuell sind. Zum Beispiel Sportstätten aufzubauen und wieder in Schuss zu bringen, das Thema Sanierungen haben wir jetzt auch. Ganz zentral war damals das Thema Versicherungsschutz, staatliche Leistungen bei einem Unfall waren ja kaum gegeben. Der Sport hat dann selbst den Versicherungsschutz ins Leben gerufen, damit Sportler abgesichert sind. Es gab auch damals schon Rechtsberatung, zum Beispiel um Sportstätten von Besatzern zurück zu bekommen. Und all diese Bereiche – Sportstätten, Versicherungsschutz, Rechtsberatung – sind auch heute noch wichtige Themen. Dann kam in den 60er Jahren die Übungsleiterausbildung dazu, die es in der Form früher nicht gab.

Was sind die aktuellen Themen?

Schwarzweller: Der Sportbund heute? Da hat uns etwa die Digitalisierung vor einigen Jahren voll erfasst. Was zunimmt, sind Auflagen von Behörden. Das fängt an bei Vereinen mit eigenen Anlagen in Sachen Energieeinsparen, mit Gesundheitsauflagen – und die Europäische Datenschutzgrundverordnung. Die beschäftigt uns heftig, etwa mit Schulungsmaßnahmen und Informationen für die Vereine. Was beim Sportbund selbst wesentliche Veränderungen herbeigeführt hat, ist der Umzug der Geschäftsstelle vor sechs Jahren an den neuen Standpunkt an der Universität.

Was ein sehr wichtiger Schritt war?

Schwarzweller: Absolut, weil wir die Sportwissenschaft nun besser mit der Praxis verknüpfen können. Neueste Erkenntnisse im Sport können einfacher Einfluss nehmen in die Übungsleiteraus- und -fortbildung. Wir haben Dozenten aus der Sportwissenschaft, die permanent bei uns Vorträge halten, Seminare machen und Lehrgänge gestalten. Das ist ein Meilenstein für uns. Wir haben Möglichkeiten, den Standort mit zu entwickeln mit dem Heinrich-Heine-Sportgymnasium, mit dem Hochschulsport, der bundesweit mit zu den besten zählt. Zudem haben wir den Tennis- und den Leichtathletikverband im Haus. Da entstehen Synergieeffekte – das ist hervorragend.

Wie haben sich die Probleme und Anliegen der Vereine in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt?

Schwarzweller: Ich denke insgesamt ist unsere Vereinslandschaft sehr stabil. Wir haben rund 1000 Sportvereine mehr in der Pfalz als 1970. Und wir haben rund doppelt so viele Kinder und Jugendliche in den Sportvereinen. Das ist sehr stabil, auch wenn immer wieder mal anderes berichtet wird. Und: Es waren auch noch nie so viele Menschen ehrenamtlich tätig!

Das Ehrenamt bricht also nicht zusammen, wie so häufig befürchtet?

Schwarzweller: Nein, das ist so gar nicht der Fall. Das höre ich, seit ich Geschäftsführer bin. Ich wundere mich nur, dass nicht schon längst alles zusammengebrochen ist (lacht). Was die Menschen vergessen: Wir haben eine demografische Entwicklung, es werden weniger Kinder geboren, insbesondere auf dem Land. Daher kommen pauschale Urteile wie: Die Kinder kommen ja nicht mehr in die Vereine, die sitzen nur noch vorm Computer. Nee, es sind doppelt so viele im Sportverein wie 1970. Auch die Angebote der Vereine haben sich enorm ausgeweitet. Ein konkretes Beispiel, bei dem die Leute immer stutzen: Ich habe in der D-Jugend angefangen Fußball zu spielen in den 70ern. Heute ist der Fußballverband schon bei den Bambinis dabei, mit der FundG-Jugend. Und sie alle haben Hunderte Betreuer in der Pfalz, die man früher überhaupt nicht gebraucht hat. Und trotzdem sagen viele heute: ‚Früher war alles besser, früher haben die Vereine gut funktioniert, heute will niemand mehr ein Ehrenamt übernehmen.’ Aber wir haben eben 1000 Vereine mehr als früher – und nicht nur Sportvereine. Wenn man sieht, was in Dörfern und Städten gegründet wurde, was es früher gar nicht gab: Tafeln, Flüchtlingshilfen, Fördervereine von Schulen oder Feuerwehren.

Die Ehrenämter verteilen sich demnach anders?

Schwarzweller: Ja. Und, dass es dann punktuell in Vereinen auch zu Engpässen kommt, ist doch logisch. Aber, dass das Ehrenamt ausstirbt und keine Kinder mehr in die Vereine kommen, ist absolut nicht richtig. Das Bild ist einfach festgebrannt in den Köpfen, aber so falsch. Häufig bekomme ich Zuschriften nach dem Motto: Wenn ihr in Kaiserslautern wüsstet, was bei uns an der Basis los ist: Aber ich könnte auch dort riesige Listen an Vereinen aufzählen, bei denen es richtig brummt. Natürlich muss man sich dann fragen, warum brummt es da und bei dem anderen gibt es eine Delle.

Ist es auch an den Vereinen, sich auf den demografischen Wandel einzustellen und mit ihrem Angebot mit der Zeit zu gehen?

Schwarzweller: Ja. Wobei ich hier ein großes Lob aussprechen muss: Die Masse der Vereine in der Pfalz ist da gut aufgestellt. Auch die Mitglieder im Verein werden ja älter. Und wenn ein Verein auf seine Mitglieder hört, die nicht mehr aktiv Fußball spielen wollen oder können, wenn für diese ein Folgeangebot da ist, etwa im Gesundheitssport, dann ist der Verein nicht nur für die Mitglieder interessant. Da gibt es wirklich tolle Beispiele – auch auf dem Land.

Aber auch das Angebot für den Nachwuchs bleibt wichtig?

Schwarzweller: Ja, denn die weniger werdenden Kinder gehen genauso in den Sportverein. Der Organisationsgrad ist viel höher als in den angeblich goldenen Zeiten. Und ich bin sehr optimistisch, dass Kinder auch künftig eine Rolle im Vereinsleben spielen werden. Man muss immer nach den Gründen forschen, warum es womöglich nicht läuft. Sind Übungsleiter da? Gibt es überhaupt Kinder im Ort? Warum läuft‘s beim Nachbarverein? Man muss auch die Vereins- und Verbandslandschaft differenzierter betrachten. Als der Sportbund Pfalz gegründet wurde gab es zwölf Fachschaften, heute haben wir 60 Verbände. Und sie alle kämpfen um Jugendliche und wollen Talente finden. Da kommt es zu Engpässen. Aber insgesamt sind die Mitgliederzahlen da doch stabil.

Die Mitgliederstatistik im Sportbund Pfalz zeigt dennoch einen minimalen Rückgang an Mitgliedern. Der ist aber nicht beängstigend?

Schwarzweller: Nein. Es gibt natürlich Teile in der Bundesrepublik, in denen es massiven Zuzug gibt. Berlin und München haben deutliche Zuwachsraten im Sport. Städte sind momentan wie Staubsauger. Insgesamt haben wir im bundesdeutschen Sport überhaupt keine dramatischen Entwicklungen – das ist auch wissenschaftlich untersucht.

Wo liegt heute der Schwerpunkt in den Vereinen?

Schwarzweller: Es ist vielschichtiger geworden, auch für den Sportbund aufgrund von Entwicklungen wie der Digitalisierung. Zudem haben wir von der Politik die Aufgabe bekommen, zu integrieren, wir haben das Thema Inklusion. Letztendlich ist das Kerngeschäft in den Vereinen, was auch gut so ist, aber weiterhin der Wettkampfsport. Das ist noch immer das, was den Sport vom Kern her ausmacht. Dass dann auch Gesundheitsangebote kommen, man Neues ausprobieren sollte, ist auch klar. Aber Kinder gehen in Vereine, um Wettkämpfe zu erleben. Auch Erwachsene – im Tennis etwa bis ins hohe Alter. Im Wettkampf liegt das Gerüst des Sports. Und da liegt auch für uns der Schwerpunkt.

Wichtig ist in dieser Hinsicht auch die Aus- und Fortbildung guter Übungsleiter und Vereinsvertreter?

Schwarzweller: Ja, und das läuft auf ganz hohem Niveau. Von der Quantität her liegen wir seit Jahren bei rund 5000 Angeboten, da gibt es keinerlei Einbrüche. Aufgrund der Europäischen Datenschutzverordnung haben wir im vergangenen Jahr sogar einen Teilnehmerrekord gehabt. Diese Lehrgänge waren extrem gut besucht. Das war aber ein Ausreißer. Doch es gibt auch sonst hohes Interesse der Vereine.

In welcher Form leistet der Sportbund neben dem Bildungsprogramm Vereinen Unterstützung?

Schwarzweller: Insbesondere im Thema Sportstättenbau, in dem wir zwei Förderprogramme für Zuschüsse haben. Das sind im Jahr immerhin rund 150 bis 170 Vereine, die in die Förderung kommen. Das ist ein nachhaltiges Programm. Wir haben Rechts- und Steuerberatung, auch für kurzfristige Hilfe. Weiterhin Thema bleibt der Versicherungsschutz. Wir haben eine Sportjugend, die zum Beispiel gerade das olympische Jugendlager in Tokio vorbereitet. Das Deutsche Sportabzeichen mit 20 000 bis 25 000 Abnahmen im Jahr läuft hier bei uns zusammen, wir betreiben Öffentlichkeitsarbeit für den Sport – um zu zeigen, wie wichtig dieser für unsere Gesellschaft ist. Wir wollen Plattform sein für Vereine und Verbände. Etwa bei der Sportförderung vom Land, mit der wir ja nicht ganz zufrieden waren die letzten Jahre.

Der Zuschuss an sich ist in den vergangenen Jahren gleich geblieben, effektiv kam durch steigende Kosten zuletzt aber weniger raus. Ist das weiterhin der Stand der Dinge?

Schwarzweller: Ja, das ist so geblieben. Dadurch können wir die Fachverbände nicht adäquat unterstützen, wie es sein müsste. Diese bekommen von uns eine Art Grundfinanzierung, die seit Jahren unverändert ist. Die Übungsleiterbezuschussung ist auch so ein Bereich, der seit Jahren unverändert ist. Da sind wir weit weg vom Niveau der 90er Jahre.

Ist eine Besserung in Sicht oder wird es eher noch düsterer?

Schwarzweller: Es gibt leichte Signale der Landesregierung, dass ab 2020/21, wenn der neue Doppelhaushalt kommt, gegebenenfalls Verbesserungen ins Auge gefasst werden. Da ist auch unser Landessportbund gefordert, entsprechende Lobbyarbeit zu machen.

Ende des vergangenen Jahres hat Sportbund-Präsidentin Elke Rottmüller betont, die Zusammenarbeit mit anderen Sportbünden intensivieren und voneinander profitieren zu wollen. Sind dort bereits positive Effekte erkennbar?

Schwarzweller: Da bin ich auch direkt eingebunden, weil wir uns regelmäßig auf Geschäftsführerebene treffen mit dem Landessportbund. Gerade die Zusammenarbeit auf hauptamtlicher Schiene ist sehr gut. Das LSB-Präsidium kam durch den Rücktritt von Professor Thieme im Februar aber in Turbulenzen, auch der Rheinhessen-Präsident ist zurückgetreten. Daher sind die in eiern Phase, sich neu aufzustellen. Der LSB ist im Umbruch. Aber wir setzen viel auf eine Organisationsanalyse, die jetzt gemacht wird, die den gesamten rheinland-pfälzischen Sport, LSB, Sportbünde, Bildungswerk und solche Organisationen, umfasst. Um uns dann für die Zukunft entsprechend aufzustellen.

Sie feiern im kommenden Jahr Ihr 25. Jubiläum als Sportbund-Geschäftsführer. Ist Ihnen in dieser Zeit etwas ganz besonders in Erinnerung geblieben.

Schwarzweller: Was ich im Rückblick als ganz toll empfinde, ist „50 Jahre Sportbund“. Da sind wir mit vielen Veranstaltungen zu neuen Ufern aufgebrochen. Da haben wir Beachtung gefunden, haben die Leistung des pfälzischen Sports insgesamt aufzeigen können. Das war ein rundum gelungenes Jahr, mit dem Festival des Sports mit dem DOSB zusammen. Was zudem ganz einschneidend war, war der Umzug in den Neubau der Geschäftsstelle. Das war ja Ergebnis einer Entwicklung. Dass wir Serviceleistungen konsequent ausgebaut haben, dass wir uns als Sportbund gut weiterentwickelt haben. Es war mehr als nur ein neuer Standort mit modernen Büros. Das hätte niemand mitgetragen, wenn wir nicht als Sportbund insgesamt erfolgreich gewesen wären. Das, was wir uns erhofft haben, ist dann tatsächlich auch eingetreten: Hier ein Sportzentrum Pfalz zu sein. Das waren im Rückblick einschneidende Punkte.

Hinzu kommt, dass der pfälzische der einzige Sportbund ist, der ein eigenes Sportmuseum hat.

Schwarzweller: Richtig. Und das läuft gut. Aufgrund der Neukonzeption des Schuhmuseums gibt es auch Pläne, ab 2020/21 die Ausstellungsfläche zu vergrößern. Das wäre auch nochmal eine Riesensache, die ich gerne noch miterleben würde.

Welche Ziele haben Sie für die kommenden Jahre vor Augen?

Schwarzweller: Es muss Ziel sein, im gesamten rheinland-pfälzischen Sport in ruhiges Fahrwasser zu kommen, dass der Landessportbund und die Sportbünde zusammen entsprechend Einfluss bekommen. Die finanzielle Situation muss sich verbessern, da sind wir auch im Vergleich zu anderen Bundesländern deutlich zurück. Für den Sportbund selbst wird es eine Herausforderung, flexibler reagieren zu können. 2015 sind etwa plötzlich eine Million Flüchtlinge ins Land gekommen – innerhalb kürzester Zeit war auch der Sport gefordert. Man muss für exogene Ereignisse gewappnet sein. Wir wissen noch nicht, was in fünf Jahren ist. Wenn unsere Strukturen auch stimmen, ist der Blick in die Zukunft dennoch schwierig.


Die Jubiläumsgala 70 Jahre Sportbund Pfalz findet am Montag, 9. September, ab 19.30 Uhr, im Saalbau in Neustadt an der Weinstraße statt. Karten kosten acht Euro im Vorverkauf, an der Abendkasse zehn. Weitere Info gibt es online unter www.sportbund-pfalz.de.