Was für eine Sommersaison, was für ein Comeback nach einem schwierigen Jahr 2014: Als Weltmeister ist der 25 Jahre alte Stabhochspringer Raphael Holzdeppe ins Vogelnest geflogen, als Vizeweltmeister kehrt er aus Peking nach Zweibrücken zurück. Er unterlag gestern nach großem Kampf nur dem vier Jahre jüngeren Kanadier Shawn Barber.

Da stand er vor seinem dritten Versuch über 5,90 Meter, war Fünfter und fühlte, wie ihm „das Herz ziemlich in die Hose gerutscht war, denn es war ein ziemlich unruhiger Wettkampf von mir. Ich muss gestehen, ich war extrem nervös gewesen“, sagte er hinterher.

Aber er flog drüber, ein unbeschreiblicher Jubel brach los, und plötzlich war er Zweiter und hatte Silber sicher, weil die anderen bis auf Barber schon draußen waren: Die beiden feiernden Polen Piotr Lisek, und Pawel Wojciechowski, der 2011 Weltmeister war, und der große Favorit Renaud Lavillenie aus Frankreich, der erneut kein Gold gewann und kreidebleich war, kamen mit 5,80 Meter gemeinsam auf den dritten Platz.

Ein Salto rückwärts auf der Matte, die linke Faust geballt, so feierte das der Zweibrücker. Als er und Barber sich in diesem Moment begegneten, gratulierten sie sich schon mal. „Er hat den gleichen Stab wie bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg gesprungen“, sagte Andrei Tivontchik, sein Trainer, den es bei Holzdeppes Sprüngen nicht mehr auf seinem Sitz hielt. „Aber bei den beiden ersten Sprüngen über 5,90 Meter hatte er viel zu früh beschleunigt. Ich sagte ihm, er muss ruhiger bleiben und den Stab später senken“, erzählte Tivontchik.

Dann die sechs Meter: Barber gegen Holzdeppe, der den allerletzten Versuch der Konkurrenz hatte. Und was dachte er vor diesem Versuch? „Ich habe zwei Sachen gedacht: Versuch irgendwie, da drüber zu springen, aber im selben Moment habe ich gemerkt, eigentlich ist es nicht mehr drin in deinem Körper, denn ich hatte alles, was ich hatte, schon vorher auf den Tisch gelegt. Ich habe trotzdem versucht, Reserven herzuholen, von denen man denkt, dass sie schon weg sind“, beschrieb Holzdeppe diesen Moment.

Er schaffte die Höhe nicht, aber Reserven waren trotzdem noch da: die zum Jubeln. Er rannte an die Bande, während Tivontchik in den Kanal der Fotografen hinuntersprang, um auf der anderen Seite wieder hochzuklettern. „Nicht dass du noch fällst“, rief ihm „Raffi“ entgegen, aber dann lagen sie sich schon in die den Armen. Tivontchik packte die Fahnen aus und gab sie seinem Schützling, und der zog los auf die Ehrenrunde. Dann meinte der Coach erleichtert: „Puh, das war ein total anstrengender und schwerer Wettkampf. Ich habe total meine Stimme verloren. Wer 5,90 im dritten Versuch schafft, der muss schon ziemlich klar im Kopf sein.“

Die zwei Stunden und elf Minuten des Wettkampfs sind eigentlich schnell erzählt, weil zum einen die Kampfrichter dem 16-köpfigen Finalfeld die satte Sprungreihenfolge von 5,50, 5,65, 5,80, 5,90 und 6,00 Meter vorgegeben hatten, zum anderen, weil sie alle ein bisschen schwächelten. Bis auf einen: Shawn Barber, das rotblonde Milchgesicht aus Toronto, nahm alles im ersten Versuch: „Er hat heute verdient gewonnen, daran gibt es keinen Zweifel“, sagte der ihm bei der Siegerhöhe von 5,90 Meter unterlegene Holzdeppe.

Das sehr kritische Jahr 2014 wollte er in diesem Moment des Triumphes am liebsten vergessen, und doch musste er seinen Erfolg von Peking einordnen, da ließen die Journalisten nicht locker. „Das Gefühl, dass ich wieder auf der Spur bin, ist auf jeden Fall größer. Die Silbermedaille ist die Bestätigung dafür, dass der Weg richtig ist“, meinte Holzdeppe, „nächstes Jahr ist noch mal die größere Meisterschaft, da sind Olympische Spiele, und da war dieses Jahr für mich ein sehr wichtiges. Denn alles was man in dem Jahr positiv gestaltet, kann man als Schwung mitnehmen ins nächste Jahr.“ Was möglich ist, darüber wollte er sich nicht festlegen. „Möglich ist immer alles“, sagte Holzdeppe nur.

Übrigens, die 3500 Zuschauer des Jockgrimer Stabhochsprung-Meetings dürfen stolz sein. Sie sahen nämlich die gleiche Podiumsbesetzung schon am 5. August in der Südpfalz.

5,90 Meter bescherten die Medaille: Raphael Holzdeppe im Anflug.
5,90 Meter bescherten die Medaille: Raphael Holzdeppe im Anflug. (Foto: Kunz)

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
22.–30.08.2015 Weltmeisterschaften 2015 Peking (China)