„Sport hat das Potenzial, die Persönlichkeit zu fördern“, behauptete Sportbund-Präsident Dieter Noppenberger am Samstag früh im Audimax der Technischen Universität Kaiserslautern in seiner Begrüßung. Doch stimmt das auch? Und wie kann man das messen? Darum ging es beim 29. Sportmedizinischen/Sportwissenschaftlichen Seminar des Sportbundes Pfalz in Kaiserslautern. Ein interessantes, aber schwieriges Thema mit vielen Herausforderungen.

Waren deshalb weniger Interessierte da als sonst, nur 250 statt der üblicherweise über 400 Menschen, meist Trainer und Übungsleiter, die mit ihrer Teilnahme Einheiten für die Übungsleiterlizenz sammeln?

Es ist schon interessant, was da landläufig so auf dem Papier steht. Etwa im 9. Sportbericht der Bundesregierung von 1999, dass nämlich Sporttreiben einen Beitrag zur Lebenshilfe leisten kann, indem es „insbesondere jungen Menschen den Weg zur Selbstfindung und Selbstverwirklichung“ erleichtert und „Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer Persönlichkeitsentwicklung“ bietet. Nur, so fragte Professor Achim Conzelmann von der Universität Bern: „Wo und wie sind diese Thesen für die Persönlichkeits- und Charakterbildung empirisch belegt?“ Es gäbe keine Bestätigungen dieser Art, klärte Conzelmann, der mit seinem Forschungsteam insbesondere den Schulsport untersuchte, auf und fügte der These „Der Sport fördert die Persönlichkeitsentwicklung“ ein provokantes „Oder?“ an, um dann zu antworten: „Irgendwie schon – oder auch nicht.“ Aha!

Conzelmanns sehr unterhaltsamer Vortrag förderte ein vorsichtiges Teilergebnis zutage: „Im Zusammenspiel mit anderen Einflussfaktoren leistet Sport einen wertvollen Beitrag für eine positive Persönlichkeitsentwicklung im Kindes- und Jugendalter.“ Haben sich die Zuhörer doch gleich gedacht, und schon waren sie gefühlt nahe bei Dieter Noppenbergers Eingangsbehauptung.

Außerdem: Professor Ralf Sygusch von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sprach über „Soziale Kompetenzen im Kinder- und Jugendsport“, und Professor Arne Güllich von der TU Kaiserslautern ging der Frage nach: „Warum betreiben Jugendliche Wettkampfsport?“

Dann wollten natürlich alle hören, mit welchen Erfahrungen zwei der erfolgreichsten Athletinnen aus der Pfalz das Tagesthema bereichern können. Miriam Welte (29), die Bronzemedaillengewinnerin von Rio im Bahnrad-Teamsprint und Olympiasiegerin von 2012, und Christin Hussong (22), die Speerwurf-Olympiafinalistin von Rio, schauten für 15 Minuten vorbei. Sehr schöne Idee, nur ist es Interviewer Dieter Krieger, dem Vizepräsidenten für Bildung des Sportbundes Pfalz, nicht ganz gelungen, punktgenau zu fragen.

Zwar wissen die Zuhörer jetzt, dass Miriam Weltes Lieblingsessen Käsespätzle mit Sauerkraut ist und Christin Hussong gerne „Hoorische“ isst, aber sie erfuhren nicht, inwieweit Siege und Niederlagen im Wettkampf oder Mühsal und Verzicht im Training ihre Persönlichkeiten mutmaßlich beeinflussten. Immerhin: Miriam und Christin machten auf der Bühne eine ausgezeichnete Figur. Sie sind echte Persönlichkeiten, sicherlich auch gereift vor Kameras und bei öffentlichen Auftritten.

Auf etwas, was beide sozusagen teilen, wollten sie auf keinen Fall verzichten: auf ihre Väter als ihre Trainer. „Ich kenn’s nicht anders, und ich wollte es anders auch nicht ausprobieren“, sagte etwa Christin Hussong, und Miriam Welte betonte, dass ihr immer ein besonderes Vertrauen zuteil wurde von Frank Ziegler, ihrem Stiefvater, „wenn es bei mir mal nicht so gut lief."

Im Interview mit Dieter Krieger: Speerwerferin Christin Hussong (rechts) und Radsportlerin Miriam Welte.
Im Interview mit Dieter Krieger: Speerwerferin Christin Hussong (rechts) und Radsportlerin Miriam Welte. (Foto: view)