Seit Langem steht Russland wegen Dopingvergehen in der Kritik. Viel Einsicht herrscht in der Großmacht nicht. Nun soll Leichtathletik-Ikone Jelena Issinbajewa mithelfen, den Dopingsumpf trockenzulegen.

Moskau. Nach ihrer Berufung zur obersten russischen Anti-Doping-Kämpferin sprach Jelena Issinbajewa gleich große Worte. „Wir alle wissen, dass der Kampf gegen Doping eines der wichtigsten Themen auf der Agenda des internationalen Sports ist“, sagte die zweimalige Stabhochsprung-Olympiasiegerin: „Aber wie effektiv dieser Kampf in Russland geführt werden kann, hängt davon ab, ob die Rusada wieder als regelkonform eingestuft wird.“

Am Mittwoch war die 34-Jährige zur Aufsichtsrats-Vorsitzenden der umstrittenen russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada) gewählt worden. Doch die Berufung Issinbajewas wirft Fragen auf. Zudem sorgt sie für Missstimmung bei der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada). Schließlich hatte der russische Topstar für Whistleblowerin Julia Stepanowa eine lebenslange Sperre gefordert. Den fast kompletten Ausschluss der russischen Leichtathleten von den Olympischen Spielen kommentierte sie mit folgenden Worten: „Das ist ein Nichts – ein großes, stinkendes Nichts.“ Heute könnte sie sogar noch ein weiteres Amt übernehmen. Als eine von vier Kandidaten will sie Präsidentin des russischen Leichtathletik-Verbandes (Rusaf ) werden.

Issinbajewa soll in exponierter Position dafür sorgen, dass Russland wieder vollständig in die Sportfamilie aufgenommen wird. Es wird ein Mammutprojekt, denn trotz leichter Fortschritte blieb beispielsweise der Weltverband IAAF hart. Frühestens im Februar 2017 soll ein Zeitplan für die Rückkehr von Russlands Skandal-Leichtathleten erstellt werden. Offen ist, ob Issinbajewa bei der Rückkehr Hilfe oder Hindernis ist. Denn wie bei so vielen russischen Funktionären und Offiziellen deuten auch ihre Aussagen nicht auf viel Einsicht hin.

„Es ist, als würde man mit einem Alkoholiker umgehen: Man kann ihn nicht heilen, solange bei ihm kein Bewusstsein für das Problem besteht“, hatte Wada-Gründungspräsident Richard Pound kürzlich erklärt. Er reagierte damit auf einen Satz von Witali Smirnow, dem Vorsitzenden des russischen Anti-Doping-Ausschusses, der gesagt hatte: „Russland hatte niemals ein staatlich gelenktes Dopingsystem.“

Genau das hatte die unabhängige Wada-Kommission unter Pound für die Leichtathletik festgestellt, ebenso wie der erste Teil des McLaren-Reports für weite Teile des übrigen organisierten Sports in Russland. Der für heute angekündigte Abschlussbericht des Kanadiers dürfte die Probleme der stolzen Sportnation noch vergrößern.

Die Verteidigungsstrategie Russlands wurde in den vergangenen Monaten mehr als deutlich. Die Äußerungen der Offiziellen bewegten sich zwischen Leugnung und maximal dem Eingeständnis von Fehlern Einzelner. „Ob es einen Mentalitätswechsel gegeben hat? Ein klares Nein“, sagte Whistleblower Witali Stepanow: „In Russland ging es immer um Medaillen. Sportler, Trainer, Funktionäre – alle profitieren von den Boni, die sie bekommen und unterstützen deshalb das System.“ Und damit ist dann auch die frühere Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa gemeint.