Ludwigshafen. Vor sieben Jahren schien die Sportkarriere von Anja Wich-Heiter (ABC Ludwigshafen), die bis 2013 für das LAZ Zweibrücken startete, wegen einer Verletzung eigentlich beendet. Doch die 35-jährige Hochspringerin kämpfte sich zurück und gewann in diesem Jahr den Titel bei den Senioren-Europameisterschaften in Izmir.

Anja Wich-Heiter wusste, dass sie in der Türkei nicht völlig bedenkenlos alles zu sich nehmen könne, ohne sich Sorgen um ihre Gesundheit machen zu müssen. Also aß sie keinen Salat, benutzte zum Mundausspülen nach dem Zähneputzen nur Mineralwasser und befolgte noch so jeden kleinsten Ratschlag, den sie im Vorfeld erhalten oder gelesen hatte. Es half, alles ging gut – allerdings nur fünf Tage, bis zum Tag vor dem Wettkampf. Am Tag vor dem Wettkampf bekam sie Durchfall, pendelte ständig zwischen Bett und Toilette. „Das kann jetzt nicht wahr sein“, dachte die 35-Jährige. Es war aber wahr. Der Wettkampf, auf den sie Wochen, ja Monate hintrainiert hatte, bei dem sie insgeheim mit dem Titel rechnete, schien plötzlich so weit entfernt wie Essen, das sie bedenkenlos genießen konnte.

Es ging dann doch – irgendwie zumindest. Mit ein bisschen Zwieback päppelte sie sich auf, absolvierte nur ein abgespecktes Aufwärmprogramm und versuchte irgendwie auch im Wettkampf, möglichst viel Kraft zu sparen. Sie schaffte dann auch die letztlich für den Titel entscheidende Höhe von 1,63 Metern im ersten Versuch – im Gegensatz zu ihrer härtesten Konkurrentin aus Frankreich, Hallen-Weltmeisterin Audrey Hustache – und nach ein paar Minuten des Zitterns stand sie als Europameisterin der W35 fest. Es war der bislang größte Erfolg für Wich-Heiter.

Und es war vor allem ein Erfolg, der rund sieben Jahren zuvor undenkbar schien. Da prophezeite ihr ein Arzt, dass sie nie mehr Sport treiben würde können. Nie mehr. Das ist für jemanden, für den Bewegung etwas Elementares im Leben ist, etwa so, als wenn man einem Star-Tenor eröffnet, dass er von nun an nicht mehr singen dürfe. Wich-Heiter hatte sich beim Klettern aus Unachtsamkeit einen dreifachen Sprunggelenksbruch im Fuß zugezogen. Es dauerte Monate, bis sie wieder richtig gehen konnte, ein Jahr, bis sie wieder joggen konnte, fast zwei Jahre, bis sie wieder hochspringen konnte.

Wich-Heiter hatte schon gar keinen Gedanken mehr an Sporttreiben verschwendet („Das war utopisch“), zu niederschmetternd war die Prophezeiung des Arztes. Mehr aus Spaß machte sie ein, zwei Wettkämpfe, merkte, dass sie ja weiterhin hoch springen kann. Ihr Trainer Jürgen Sturm beseitigte die letzten Zweifel an einem richtigen Comeback.

Es begann also eine neue Zeitrechnung, ihre zweite Karriere. „Das ist jetzt alles nur noch Zugabe“, sagt Wich-Heiter, die mittlerweile im Odenwald lebt. Sie war vor der schweren Verletzung keine wirkliche Leistungssportlerin („Es war klar, dass ich nie deutsche Meisterin werde“), aber eine Athletin, die sich fast immer für die deutschen Meisterschaften qualifizierte, die zumindest zu der erweiterten deutschen Spitze (Bestleistung 1,82 Meter) zählte, mehrmals süddeutsche Meisterin und deutsche Hochschulmeisterin wurde. Nun war sie eher eine ambitionierte Hobbyathletin. Allerdings eine ambitionierte Hobbyathletin, die in ihrer Altersklasse in Deutschland konkurrenzlos ist – bei deutschen Seniorenmeisterschaften gewinnt die Lehrerin schon mal mit mehr als 15 Zentimetern Vorsprung in ihrer Altersklasse, mittlerweile der W35. Acht von acht möglichen Titel gewann sie in den vergangenen Jahren.

Sie lebt auch ein bisschen von ihrer Technik, zehrt von ihrer Zeit als Fast-Leistungssportlerin und auch davon, dass sie damals sehr dosiert trainiert hat und – im Gegensatz zu vielen ehemaligen Konkurrentinnen – mit keinen Nachwehen der früheren Höhenjagden zu kämpfen hat. Sie muss und kann auch aus zeitlichen Gründen nicht mehr so viel trainieren – außer, wenn Wettkämpfe wie etwa die Senioren-EM anstehen. „Wenn ich mir etwas vornehme, dann arbeite ich hart auf dieses Ziel hin“, sagt Wich-Heiter. So ehrgeizig ist sie.

Das war sie auch schon in ihrer Kindheit, die sie, noch zu DDR-Zeiten, in Thüringen verbrachte. Doch ihr Ehrgeiz wurde gewissermaßen früh ausgebremst, weil sie es ablehnte, auf ein Sportgymnasium zu gehen, wodurch sie – auch wenn die Wende da schon vorbei war – keine sportliche Förderung mehr erhielt. Also hüpfte sie – abseits aller großen Möglichkeiten – ein bisschen vor sich hin, bis sie ihr Trainer entdeckte, ein paar Jahre per „Fernbeziehung“ trainierte und 1998 nach Speyer holte. 2004 folgte der Wechsel nach Zweibrücken.