Beifall gab’s von den Journalisten, als Cindy Roleder in die Interviewzone kam. „Dass ich eine Medaille gewinne, hättet ihr alle nicht gedacht, oder?“, rief sie. Zweite war die 26-Jährige im Hürdenfinale geworden, nur einen Wimpernschlag hinter Danielle Williams aus Jamaika. Es ist die sechste deutsche WM-Medaille in Peking.

Roleder nutzte die Gunst der Stunde. Die Amerikanerinnen Kendra Harrison (Fehlstart) und Dawn Harper Nelson (Hürden eingefädelt) scheiterten im Halbfinale, die blonde Deutsche gab das Ihre dazu: „Es war ein perfekter Start, ich war dabei, und hintenraus wissen wir alle, dass ich laufen kann.“ Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte Cindy Roleder angekündigt, auf den Siebenkampf umzusteigen. Sie wechselte auch die Trainingsgruppe, absolvierte in diesem Jahr Siebenkämpfe in Götzis und Ratingen.

Aus dem Siebenkampftraining aber, so sagte sie, habe sie diese Zeit von 12,59 Sekunden hergenommen. „Ich wusste, dass noch was drin ist, aber 59 ist eine hammermäßige Zeit. Ich habe mich ins Ziel geworfen und wusste, ich bin weit vorne dabei, und dann hofft man einfach nur, dass man irgendwie eine Medaille hat. Ein zweiter Platz ist der Hammer, den hätte ich mir nie erträumt.“

Chefbundestrainer Idriss Gonschinska hat bei Cindy Roleder den Grundstein ihrer Hürdenkarriere gelegt, damals in Leipzig. Heute trainiert die gebürtige Chemnitzerin in Halle bei Wolfgang Kühne. „Sie ist eine unheimliche Kämpferin, die in Drucksituationen über sich hinauswächst“, sagte Gonschinska, der den Erfolg im Trainingskonzept mit der Gruppe um Michael Schrader, Rico Freimuth und Jennifer Oeser sieht. „Das emotionale Umfeld bringt diese Steigerung mit sich.“ Wie emotional es da zugeht, bewiesen Roleder und Oeser am Ende der Ehrenrunde, auf der die Vizeweltmeisterin nach langem Suchen auch eine deutsche Fahne fand, als sie sich sahen und sich einfach vor lauter Freude anschrien.

Das Männerfinale: ebenfalls zehn Hürden, aber das Rennen zehn Meter länger. Ein enges Ding, nur der Titelverteidiger brachte sein Rennen nicht richtig auf die Bahn, David Olivier wurde in 13,33 Sekunden Achter. An der Spitze kam der Russe Sergey Shubenkov (24) an den letzten drei Hürden mächtig auf und schoss in 12,98 Sekunden Hansle Parchment (Jamaika, 13,03) und Aries Merritt (13,04) ab. Eine Überraschung. „Ich kann mich an nichts mehr erinnern, weiß nur, als ich über die Ziellinie flog, dass ich dachte: Ist es wirklich passiert, habe ich wirklich gewonnen. Vielleicht wache ich morgen auf und es stimmt nicht?“ Nein, nein, kein Traum. Er ist Weltmeister über 110 Meter Hürden.

21,63 Sekunden! Eine unglaubliche Zeit. Gelaufen von der Niederländerin Dafne Schippers (23), die mit 22,09 Sekunden angereist war. Zum Vergleich: Keine Weltmeisterin lief jemals so schnell, und überhaupt liefen nur zwei Frauen jemals schneller: Florence Griffith-Joyner und Marion Jones. Schippers überrollte über 200 Meter geradezu das Feld und schlug Elaine Thompson (21,66) und Veronica Campbell-Brown (21,97 ), die beiden Jamaikanerinnen.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
22.–30.08.2015 Weltmeisterschaften 2015 Peking (China)