Peking. Eigentlich war das ein Sieg auf Ansage, der auch genau dem Saisonverlauf entspricht: Christina Schwanitz, die Favoritin, die vor drei Monaten im Pekinger „Vogelnest“ 20,77 Meter gestoßen hatte, kam bärenstark dorthin zurück und holte am gestrigen Auftakttag der Leichtathletik-Weltmeisterschaften die erste Goldmedaille für Deutschland. Nach dem ersten Versuch der Chinesin Gong Lijiao auf starke 20,30 Meter gratulierte die 29 Jahre alte Chemnitzerin der drei Jahre jüngeren Chinesin im Vorbeigehen artig. Nach dem letzten Versuch der Chinesin reckte Schwanitz sehr ruhig und entspannt, fast schon verschämt die linke Faust in den Himmel. Mehr Emotionen wollte sie dem chinesischen Publikum zu diesem Zeitpunkt nicht antun, obwohl ihr Sieg schon feststand.

Was war passiert zwischen den Versuchen eins und sechs? Genau das, was sie prophezeite. Schwanitz wollte verhalten beginnen („19,80 und 20,00 waren ja nicht wirklich schlecht“) und dann kontern – auf 20,37 Meter. „Ich hatte allen gesagt, dass ich einen spannenden Wettkampf haben möchte, und den habe ich wirklich geboten. Und sieben Zentimeter reichen ja, oder?“, sagte sie den schreibenden Journalisten, die fast eine Stunde auf das Siegerinterview warteten, weil Fernseh- und Hörfunkreporter die Weltmeisterin ungebührend lang aufgehalten hatten. Dafür kam sie lachend um die Ecke und trällerte „Schönen guten Abend!“ Einfach ein Wonneproppen.

Gong Lijiao hatte den 20,37 Metern nichts mehr entgegenzusetzen, zumal es für Schwanitz bedeutend gewesen war, im dritten Versuch in Führung zu gehen, denn nach drei Versuchen wird in umgekehrter Reihenfolge des Klassements gestartet. „Natürlich war ich froh, dass sie dann vor mir stoßen musste und ich nachlegen konnte. Ich war da auch richtig präsent und auf alles eingestellt. Der Nervenkrieg jedenfalls hielt sich in Grenzen.“ Wie auch der Jubel. Sie nahm die Gratulationen gefasst entgegen und zeigte sich obligatorisch in die deutsche Fahne eingehüllt. „Lijiao ist eine ganz Liebe, wir verstehen uns gut, reden Deutsch, Englisch und Chinesisch. Auf Chinesisch sage ich ihr immer: Schön, dass du da bist.“

Nervenkrieg war ein gutes Stichwort, denn vor dem letzten Versuch kam ihr vieles in ihrer Karriere noch mal in den Sinn, nicht nur der sechste Versuch vor zwei Jahren, mit dem sie in Moskau WM-Silber geholt hatte. Sie war immer mal wieder verletzt, hatte über viele Jahre Schrauben im Fuß und nervlich oft versagt. Und jetzt? „Jetzt steh ich da und bin Weltmeisterin. Das ist unglaublich, großartig, irreal“, sagte sie.

Wie Journalisten so sind, forderte einer gleich mehr: „Europameisterin, Weltmeisterin, dann Olympiasiegerin, schöne Serie, oder?“, sagte er, und Schwanitz meinte: „Schön langsam. Jetzt träume ich heute Nacht erst mal davon, dass ich morgen die Goldmedaille in der Hand halten werde, dann denke ich an 2016. Ich werde mich gut vorbereiten, der Körper muss halten, da gibt es viele Facetten, die da reinspielen. Wenn ich wieder in den Bereich 20,75 Meter stoßen könnte und ein bisschen mehr, wäre das eine gute Ausgangsposition für Rio.“

Aber erst wollte sie feiern, mit mehr als einem Bierchen und vor allem ihren Trainer Sven Lang treffen, den „ich bisher noch nicht umarmen konnte“. Er ist ihr Erfolgsgarant. „Er kann leistungssteigernd arbeiten, er kann motivieren, mit Athleten unterschiedlich umgehen, emotional und charakterlich sehr gut arbeiten und die Ansage mit schönen knackigen kurzen Sätzen machen“, sagte sie.

Einer, der auch bei ihm trainiert, ist David Storl. Der saß gestern im Stadion und ist heute dran, dann wird auch Schwanitz ihm die Daumen drücken. Vielleicht wird ja ihre eigene Siegerehrung kurz vor dem Männerwettkampf den Titelverteidiger motivieren. „Storli und ich sind ja so unterschiedliche Athleten. Er ist im Umgang mit den Medien viel professioneller als ich, da will ich noch von ihm lernen“, sagte sie. Würde man die Journalisten befragen, fiele das Urteil anders aus. Die Weltmeisterin ist auch in Interviews weltmeisterlich.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
22.–30.08.2015 Weltmeisterschaften 2015 Peking (China)