Herschberg. Im Hause Hussong in Herschberg wird nichts dem Zufall überlassen. Seriöser als Vater Udo Hussong das Training seiner Tochter plant, liebevoller als Mutter Gabi als der ruhende Pol alles zusammenhält, zielstrebiger als Christin selbst ihre Speerwurf-Karriere vorantreibt, geht’s kaum. Die stets fröhliche und erfolgsverwöhnte Pfälzerin wird ihren Weg gehen. Wetten?

Vielleicht wird sie schon in drei Wochen den nächsten Erfolg einfahren. Am 9. Juli wirft sie in Tallinn die Qualifikation, am 11. Juli das Finale der U23-EM. „Mein Ziel ist eine Medaille, ich führe momentan die Liste an, aber zwei, drei Athletinnen haben in diesem Jahr noch nicht geworfen. Man muss abwarten. Jeder Tag beginnt bei Null“, sagt die 1,86 Meter große Athletin, die Europas U23-Bestenliste mit vier Metern Vorsprung vor der Französin Margaux Nicollin anführt.

Hussong kann ganz gut mit einer Favoritenrolle umgehen. Sie hat das Gewinnen und das Verlieren gleichermaßen gut gelernt. Bei den Olympischen Jugendspielen 2010 in Singapur holte sie Gold (49,96 m) ebenso wie bei den U18-Weltmeisterschaften 2011 in Lille (59,74 m). 2012 musste sie durch ein tiefes Tal, technisch lief nichts bei ihr zusammen, wurde bei den U20-WM in Barcelona Sechste. Aus der Distanz will sie dieses Jahr nicht missen. „Ich habe gelernt zu kämpfen“, sagte sie. Gelernt, dass kein Wurf ein Selbstläufer ist. Dass sie vor zwei Jahren bei den U20-EM in Rieti nur um einen Zentimeter (57,90 m) gegen die Schwedin Sofi Flinck verlor, war einfach nur Pech.

Vier Wettkämpfe hat Hussong in dieser Saison absolviert: in Halle (60,96 m), in Jena (60,81 m) und in Prag (60,96 m), wo sie eine völlig neue, richtungsweisende Erfahrung machte. Ihr Vater war nicht mit. „Ich musste alles selbst organisieren. Es war ein echtes Durcheinander, in dem ich mich aber echt gut geschlagen habe“, sagte sie. „Es war bis dahin alles sehr konstant, in meinen Augen zu konstant, ich hätte gerne einen Ausreißer nach oben gehabt. Aber das kommt alles noch. Ich weiß, dass ich sehr gut drauf bin“, meinte sie noch. Geholfen habe ihr viel das Training mit schwereren Speeren.

Und siehe da, bei den U23-Meisterschaften in Wetzlar flog das 600-Gramm-Gerät auf 61,57 Meter. „Der Wurf war mir wichtig, ich wollte die Norm für Peking ganz offiziell haben“, sagte die Sport- und Biologiestudentin, die ihren persönlichen Höhepunkt aber in Tallinn sieht.

Am Mittwoch wird sie wieder für eine Woche nach Kienbaum fahren, das 30 km östlich von Berlin liegt. „Dort sind einfach perfekte Bedingungen. Der Kraftraum ist klasse, man kann drinnen, draußen und von drinnen nach draußen werfen, je nach Wetter. Man kann sich total auf den Sport konzentrieren, das Essen schmeckt, man verträgt alles“, erzählte der Fan von Nudelgerichten. Nach einer Woche Training wird sie noch mal drei Tage daheim in Herschberg auftanken, dann geht’s nach Estland.

Die Zeit spricht für sie. Und sie weiß, dass sie alle Zeit der Welt hat. Am 17. April war sie 21 geworden. Zum Vergleich: die drei Damen, die mit ihr nach Peking fliegen, sind alle deutlich älter, Linda Stahl wird 30, Katharina Molitor 32 und Christina Obergföll 34.

Christin und Vater Udo sind ein perfekt aufeinander eingespieltes Team. Unermüdlich feilen sie an jedem kleinen Detail. Die Kraftwerte stimmen, die Technik im Prinzip auch, aber für den perfekten Wurf muss eben alles passen. „Wer mich werfen sieht, sieht das sofort. Aber wehe, wenn alles passt, dann fliegt der Speer über meine Bestleistung“, versicherte sie. Die steht seit dem 15. Juli 2014 bei 63,34 Meter, geworfen in Luzern. Vier Wochen später belegte sie Platz sieben bei ihrer ersten großen EM in Zürich.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
09.–12.07.2015 U23-Europameisterschaften 2015 Tallinn (Estland)