Leichtathletik: Ein rauschendes Stabhochsprung-Fest feierten gestern mehr als 700 begeisterte Zuschauer in der Dieter-Kruber-Halle des Leichtathletikzentrums Zweibrücken. Die 17-jährige Finnin Wilma Murto sorgte mit einem neuen U20-Weltrekord für den umjubelten Höhepunkt des Tages. Lokalmatador Raphael Holzdeppe eröffnete den Wettkampf in Weltklasse-Manier und gewann die Männerkonkurrenz beim Heim-Meeting mit übersprungenen 5,71 Metern souverän.

Zweibrücken. Weltrekord – davon kann man als Veranstalter eines Meetings nur träumen. Gestern wurde dieser Traum in der Dieter-Kruber-Halle im Zweibrücker Westpfalzstadion Wirklichkeit. Es ist der Lohn für das junge, engagierte Team des LAZ, das diese Traditionsveranstaltung vor vier Jahren aus dem Dornröschenschlaf holte und seither kontinuierlich weiterentwickelte. „Es ist erst das vierte Mal, das braucht Zeit, es entwickelt sich weiter. Die Leistungen tragen dazu bei, dass andere Athleten darauf aufmerksam werden. Man muss hier von Jahr zu Jahr denken“, sagte Raphael Holzdeppe mit Blick auf die Perspektive der Veranstaltung, bei der er sich erstmals über den Sieg im Männerfeld freuen konnte.

Es war die erst 17-jährige Finnin Wilma Murto, die gestern Nachmittag die Ovationen des Publikums erntete, die Frauenkonkurrenz gewann und als Weltrekordprämie einen Scheck über 3000 Euro erhielt. „4,65 Meter waren mein Saisonziel. Dass ich hier 4,71 Meter springe, damit habe ich nicht gerechnet“, sagte Murto. Die Finnin sprang gestern um 15.11 Uhr U20-Weltrekord in der Dieter-Kruber-Halle. Die Latte lag auf einer Höhe von 4,65 Metern, im ersten Versuch sprang sie souverän über die neue Bestmarke. Damit hatte sie den Weltrekord, den die 19-jährige Neuseeländerin Eliza McCartney am 19. Dezember 2015 mit 4,64 Meter aufgestellt hatte, um einen Zentimeter überboten. Murtos Höhenflug konnte gestern nur noch die Schweizerin Nicole Büchler folgen. Sie sprang die 4,65 Meter im zweiten Versuch und das ebenfalls sehr sicher. Damit stellte sie einen neuen Schweizer Landesrekord auf.

Die 32-Jährige, die von ihrem Ehemann Mitch Greeley gecoacht wurde, lieferte sich ein packendes Duell mit der 15 Jahre jüngeren Finnin. Die Konkurrenz hatte sich bereits bei 4,55 Metern verabschiedet. LAZ-Starterinnen waren gestern nicht am Start. Anna Felzmann hatte in der Nacht auf Sonntag Fieber bekommen und verzichtete auf den Start, die Luxemburgerin Gina Reuland hat nach einer Fußverletzung Sportverbot, war aber als begeisterte Zuschauerin in der Halle.

Silke Spiegelburg, die bei Andrei Tivontchik in Zweibrücken trainiert, sprang gestern mit 4,45 Metern neue deutsche Hallenjahresbestleistung. Das ist weit von der WM-Qualifikationshöhe von 4,71 Metern entfernt. Für die 29-jährige deutsche Rekordhalterin zählen nach zweijähriger Verletzungsphase aber andere Dinge. „Wir wollen step by step alles passend machen“, sagte sie. Mit Beginn der Hallensaison hat sie ihren zuletzt verkürzten Anlauf auf jetzt wieder vollständige 18 Schritte umgestellt und feilt an der Abstimmung. „Ich habe erst vier Trainingseinheiten aus dem Anlauf“, erklärte sie. Vor einer Woche in Rouen musste sie mit einem Salto Nullo aus dem Wettkampf gehen, „da waren die Stäbe zu weich“. Gestern schaffte sie 4,45 Meter im zweiten Versuch. „Die Wintersaison nehmen wir mit, damit sie sicher wird“, sagte Tivontchik. Das Ziel der deutschen Rekordhalterin sind die Olympischen Spiele in Rio.

Auf ihrer Rekordjagd nahm Wilma Murto die 4,71 Meter im zweiten Anlauf, das sah sehr sicher aus. Büchler konnte nicht mehr kontern, auch wenn der dritte Sprung gut aussah. Murto versuchte sich noch an 4,77 Meter, bei ihrem tollen ersten Versuch scheiterte sie nur knapp, nach dem zweiten winkte sie ab. „Was jetzt kommt, weiß ich noch gar nicht“, sagte sie, nachdem sie ihr Saisonziel schon so früh übererfüllt hat. Den U20-Weltrekord um sieben Zentimeter verbessert, einen neuen Landesrekord aufgestellt, für die 17-Jährige war der Tag in Zweibrücken „very exciting“ – sehr aufregend.

Die große Aufregung vor dem Start war da schon vergessen. Als sie mit ihrer Landsfrau Minna Nikkanen am Samstagabend nach Zweibrücken gekommen war, fehlten ihre Stäbe. Sie kamen erst gestern Morgen um 11 Uhr mit einem anderen Flieger in Frankfurt an. Natasha Montgomery, die die Springerinnen vom Flughafen abgeholt hatte, spielte die Botin und brachte die Stäbe um 13 Uhr in die Halle. Dass Murto dagegen gestern Abend ihren Flieger in die Heimat verpasste, lag an ihrem Erfolg: Sie musste zur kurzfristig anberaumten Dopingprobe. Die LAZ-Verantwortlichen bemühten sich darum, sie auf eine spätere Maschine umzubuchen.

Bernhard Brenner, der Vorsitzende des LAZ, war gestern Abend stolz wie Bolle. Denn der Anlaufsteg, der Murto zum Weltrekord beflügelte, stammt aus der Werkstatt seines Arbeitgebers Bosch in Homburg. Dort hatten ihn 2014 Auszubildende für das LAZ angefertigt. 1,1 Kilometer Aluminiumprofile wurden in den 40 Elementen à 2,50 Meter Länge verbaut. Sie sind höhenverstellbar, sodass sie Unebenheiten ausgleichen können. Ein ideales Geläuf für Höhenflüge. „Ich wäre gerne höher gesprungen“, sagte Raphael Holzdeppe, der gestern dreimal am neuen Meetingrekord von 5,87 Meter gescheitert war. „Aber es kommen noch viele Wettkämpfe“, bemerkte er. Dabei ist er mit seinem Saisonauftakt – drei Starts, drei Siege – richtig zufrieden.

Wörtlich

„Wenn der Winter so beginnt, ist das ein Zeichen, dass der Sommer auch nicht schlecht werden kann.“ Vize-Weltmeister Raphael Holzdeppe mit Blick auf seine Winterbilanz mit drei Siegen bei drei Starts.

„Ich war bei 4,65 Meter gerade auf der Toilette. Aber dann ist sie noch mal Weltrekord gesprungen.“ Der Mörsbacher Daniel Clemens über den fast verpassten historischen Moment, als die Finnin Wilma Murto eine neue U20-Bestmarke sprang.

„Meine Aufgabe war es, zu filmen. Ich habe Andrei Tivontchik geholfen, bin ihm zur Hand gegangen.“ Alexander Gakstädter, neuer hauptamtlicher LAZ-Trainer, über seinen gestrigen Job.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
30.–31.01.2016 Hallenstürmer-Cup 2016 Zweibrücken (Deutschland)