Berlin. Zwölfeinhalb Runden oder eine knappe Viertelstunde lang brachte Konstanze Klosterhalfen die 26.200 Zuschauer in der Abendsonne, die durchs Marathontor ins Olympiastadion hereinfiel, in Wallungen. Ein güldener Moment! Sie war ohne Gepäck aus Portland in Berlin angekommen, nimmt aber heute einen phänomenalen deutschen Rekord über 5000 Meter mit zurück in die USA: 14:26,76 Minuten. Die letzte Runde lief sie in 65 Sekunden!

Wie ein Uhrwerk spulten ihre langen Beine die Distanz herunter, sie löschte scheinbar locker-leicht den 20 Jahre alten Rekord von Irina Mikitenko aus, die an gleicher Stelle 14:42,03 Minuten gelaufen war. Ein erster echter Höhepunkt des Meisterschaftswochenendes. Selbst auf der Ehrenrunde legte „KoKo“ ein Wahnsinnstempo vor. Diese Frau aus dem Siebengebirge, die 22 Jahre alt ist und so unbedarft wirkt, kann nicht langsam. „Es war ein hartes Stück Arbeit. Ich bin superhappy, dass es klappte. Ich habe von dem Rekord geredet, ich wollte ihn“, sagte sie und strahlte wie immer dabei. Dem Publikum rief sie zu: „Ihr habt ein großes Stück dazu beigetragen.“

Viele Menschen betrachten ihre Leistungsentwicklung mit Argwohn. Seit April hat sie sich dem Nike Oregon Projekt komplett verschrieben, Headcoach Alberto Salazar sagt man nach, er würde nicht mit sauberen Methoden arbeiten. „Koko“ lässt das kalt. „Jeder, der was dagegen hat, soll mal vorbeikommen und sich mein Training anschauen“, sagte sie selbstbewusst. Ihr Leben ist nur noch ein einziges Trainingslager und ihre Laufleistung Kopfsache, mal abgesehen davon, dass sie sie in den Beinen hat.

Der zweite große Moment war in elf Sekunden über die berühmte blaue Bahn dahingeflogen: In 11,09 Sekunden siegte Tatjano Pinto (27) in deutscher Saisonbestleistung. Nicht zuletzt, weil Gina Lückenkemper immer noch nicht das Starten gelernt hat, sie sagte nach Silber in 11,20 Sekunden: „Tatjana war heute brettstark. Für mich war das eine Zwischenstation, ich habe noch zwei Monate Zeit bis zur WM.“ Sie ist halt nicht auf den Mund gefallen, die Gina. In Bestzeit kam Weitsprung-Europameisterin Malaika Mihambo auf Platz drei. Ihr WM-Doppelstart kann kommen.

Zwei Namen fehlten gestern auf Platz eins, die seit vielen Jahren ihre Disziplinen dominierten. Zum einen Kugelstoßer David Storl, zweifacher Weltmeister und deutscher Meister seit 2011, der mit Verletzungssorgen Dritter mit 19,77 Meter wurde, und zum anderen erstmals seit 2007 der Name Harting. Robert Harting, der glückliche Vater von Zwillingen und Ruheständler, schaute in seinem Wohnzimmer vorbei, (Nicht-)Bruder Christoph, Olympiasieger 2016 von Rio, der seitdem nichts mehr gerissen hat, ging ohne gültigen Versuch.

Vier Titel in der Halle, jetzt auch vier im Freien: Lisa Ryzih, die den Leichtathletik-Sommer 2018 im Fernsehen ansehen musste, ist wieder da. Mit 4,60 Meter gewann sie vor Stefanie Daubner (4,46) und sprang zwei Mal gegen die 4,70 – und das aus verkürztem Anlauf aus zwölf Schritten. „Der Titel ist mir sehr wichtig, ein Titel draußen zählt mehr als der drinnen, aber als Hallenmeisterin habe ich nun 100 Prozent Ausbeute“, sagte die Stabhochspringerin. „Mir spielt es in die Karten, dass die WM so spät ist. Ich bin am Saisonbeginn, bin auf aufsteigendem Ast“, sagte die Stabhochspringerin vom ABC Ludwigshafen, die am Tag der WM-Qualifikation in Doha 31 wird. „Für Samstagmorgen waren die Ränge gut belegt, es war Atmosphäre da, es herrschten ideale Bedingungen“, freute sich Ryzih, die skeptisch war, ob ein in den Vormittag ausgelagerter Wettbewerb gut gehen kann.

Pfalz-Präsident Joachim Tremmel aus Haßloch ehrte sie bei der Siegerehrung, und er durfte auch bei der zweiten Frauen-Entscheidung freudig aktiv werden: Speerwurf-Europameisterin Christin Hussong (LAZ Zweibrücken) verteidigte ihren Titel mit 65,33 Meter im dritten Versuch. Und das, obwohl sie beim Einwerfen stürzte. Bei der Heim-EM im Olympiastadion hatte sie vor fast einem Jahr mit Meisterschaftsrekord Gold geholt. Die 25-Jährige aus Herschberg siegte mit fast sieben Metern Vorsprung und holte ihren dritten Meistertitel. „Ich finde es von der anderen Seite schöner zu werfen, aber vom Wind und der Sonne war es heute von der Seite besser“, sagte Hussong, die vor einem Jahr bei ihrem EM-Sieg gegen das Marathontor geworfen hatte.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
03.–04.08.2019 Deutsche Meisterschaften 2019 Berlin (Deutschland)