Heute stellt die Wada-Kommission in München den zweiten Teil ihres Untersuchungsberichts vor. Der Vorsitzende Richard Pound kündigte im Dopingund Korruptionsskandal in der Leichtathletik einen Knalleffekt an.

Berlin. Im größten Skandal seiner Geschichte zittert der Leichtathletik-Weltverband IAAF vor dem nächsten Beben, die Rufe nach einem kompletten Neuanfang werden immer lauter. Wenn heute weitere Details aus dem Korruptionssumpf sowie neue Erkenntnisse über Doping in Kenia ans Licht kommen, steht die Glaubwürdigkeit der Leichtathletik mehr denn je auf dem Spiel.

In München stellt die unabhängige Wada-Kommission den zweiten Teil ihres Berichts vor – und die Enthüllungen dürften die Szene erneut erschüttern. Kurz zuvor wurde bekannt, dass die IAAF schon seit mindestens 2009 von der Dopingproblematik in Russland wusste. „Sie werden sehen, wie es einige Drecksäcke getrieben haben“, sagte der Kommissionsvorsitzende Richard Pound der „Times“. Der Gründungspräsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hatte bereits kürzlich einen „Knalleffekt“ angekündigt: „Die Menschen werden sagen, wie zur Hölle konnte das passieren? Es ist ein kompletter Verrat an all dem, was Verantwortliche im Sport machen sollen.“

Es ist eine unmissverständliche Anspielung auf die Clique um den ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung hatte die Kommission schon im vergangenen Jahr an die französische Justiz weitergeleitet, die ermittelnde Staatsanwältin wird im Anschluss an die Vorstellung des Berichts ebenfalls ein Statement abgeben. Eliane Houlette ließ Diack und weitere Beschuldigte kurzzeitig festnehmen – Verdacht auf Korruption und Geldwäsche. Heute wird nun auch die Öffentlichkeit einen tiefen Einblick in das offenbar kriminelle Geflecht aus Erpressung und DopingVertuschung bekommen. Gegen den IAAF-Chef Sebastian Coe soll aber kein belastendes Material vorliegen.

Gestern räumte Pierre Weiss, ehemaliger IAAF-Generalsekretär, ein, dass der Weltverband mindestens seit 2009 vom massiven Dopingproblem in Russland wusste. „Es stimmt, dass wir wiederkehrende Probleme mit Russland hatten“, sagte Weiss. „Der Unterschied zur aktuellen Situation ist, dass wir uns nicht vorstellen konnten, dass der russische Verband involviert und sogar mitverantwortlich war.“ Der Franzose bestätigte auch, dass er 2009 EMails an den russischen Verband ARAF geschrieben habe, in denen er auf die enormen Gesundheitsrisiken hinwies und die Verantwortlichen zum Handeln aufforderte.

Laut Svein Arne Hansen, Präsident des europäischen Verbandes, muss die IAAF den Reset-Knopf drücken. Die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit in die Leichtathletik sei wohl die „größte Aufgabe, die wir je bewältigen mussten. Symbolische und kosmetische Aktionen werden nicht ausreichen“, sagte der Norweger: „Diese schwerwiegende Situation ruft nach fundamentalen Reformen.“ Die Veröffentlichungen in München werden mit Spannung erwartet. Nicht nur das Geflecht im innersten Zirkel der ehemaligen Führungsspitze soll Richard grundlegend bePound leuchtet werden, eine weitere Hauptrolle des Berichts wird die zweite ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping: Im Schattenreich der Leichtathletik“ einnehmen.

Darin hatte es weitreichende Hinweise auf flächendeckendes Doping in Kenia gegeben. Zudem hatten in der Doku zwei Blutdoping-Experten eine Datenbank mit über 12 000 Blutprofilen untersucht. Ein Siebtel davon soll verdächtige Werte enthalten, angeblich seien ein Drittel der Medaillen, darunter 55 aus Gold, bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen zwischen 2001 und 2012 von Athleten mit zumindest verdächtigen Proben gewonnen worden.

Nach sid-Informationen soll diese Datenbank allerdings nicht komplett überprüft worden sein. Zudem sei die Kommission auch nicht der Frage nachgegangen, warum in Kenia von 2006 bis mindestens 2012 keine Blutkontrollen außerhalb der Wettkämpfe durchgeführt wurden. Nur wenige Tage nach der Vorstellung des ersten Teils des Berichts im November wurden Russlands Leichtathleten wegen massiver Dopingverstöße aus der IAAF ausgeschlossen. Ihnen droht das Aus für Olympia in Rio.