Der Körper ist das Kapital des Leistungssportlers. Entsprechend pfleglich muss er damit umgehen, muss das Risiko auf ein entsprechendes Maß reduzieren, um den höchstmöglichen Ertrag, sprich Erfolge, zu erzielen. Dabei müssen die Athleten die Investitionen genau kalkulieren, dürfen nicht mit der größtmöglichen Verzinsung spekulieren. Sonst kann auch sie eine Wirtschaftskrise ereilen. Eine Verletzung kann alle Pläne über den Haufen werfen. Die Wirtschaftlichkeit ist nicht mehr gewährleistet.

Deshalb wird allen Leistungssportlern geraten, sich neben dem Sport noch ein berufliches Standbein zu schaffen. Bestes Beispiel für diese duale Strategie ist der Hürdensprinter des Leichtathletikzentrums (LAZ) Zweibrücken, Jens Werrmann. Er hat im Februar seine Ausbildung bei der Bundespolizei in Cottbus erfolgreich abgeschlossen. Er ist nunmehr Polizeimeister, hat beruflich festen Boden unter den Füßen.

Dabei darf der 23-jährige EM-Sechste von 2006 von Göteborg als der Prototyp herhalten, der bisher beide Seiten der Medaillen kennengelernt hat. 2006 war er der absolute Shootingstar am deutschen Hürdensprint-Himmel, nachdem er unter die Fittiche von LAZ-Trainer Karl-Heinz Werle gekommen war. Eine Bestzeit nach der anderen pulverisierte er, bis die Uhren bei 13,60 Sekunden stehen blieben.

Und da stehen sie heute noch. Denn den Hürdensprinter hatte die Seuche gepackt. Eine Verletzung nach der anderen warf ihn aus der Bahn. Eine Odyssee durch ganz Deutschland war die Folge. Eine ärztliche Koryphäe nach der anderen suchte Jens Werrmann auf. Selbst Operationen brachten nicht den gewünschten Erfolg. Die Psyche des Hürdenläufers wurde auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Von heute auf morgen war er aus den aktuellen Bestenlisten verschwunden. Hoffnungen, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, mussten frühzeitig zu den Akten gelegt werden. Das Kapital, der Körper, warf keine Rendite mehr ab. Jens Werrmann wurde an der sportlichen Börse nicht mehr gehandelt.

Deshalb tat der Leistungssportler genau das Richtige. Er gönnte seinem Körper eine schöpferische Pause, damit er sich regenerieren konnte. Stattdessen forcierte er seine berufliche Ausbildung auf der Bundespolizeischule in Cottbus. Mit Erfolg. Mit dem nötigen beruflichen Rückenwind kann er nun neue sportliche Ziele anstreben. Immer mit der Gewissheit, dass er nicht mehr ins Uferlose fallen kann. Er ist Bundespolizist, und für die kommenden 20 Monate freigestellt.

Allerdings hat der 23-Jährige, der sich nun wieder langsam an die deutsche Spitze über 110 Meter Hürden herantasten will, erkannt, dass nichts mit der Brechstange zu erreichen ist. Hat er doch in den vergangenen beiden Jahren schmerzlich verspürt, wie vergänglich der Erfolg ist, wenn der Körper streikt. Deshalb achtet er mehr denn je auf alle Warnsignale.

Doch Jens Werrmann ist kein Einzelbeispiel für eine duale Ausbildung. Selbst auf die Gefahr hin, dass kurzzeitig die Erfolge ausbleiben. So hat die Deutsche A-Jugend-Meisterin im Stabhochsprung, Ann-Katrin Schwarz, im vergangenen Jahr eine Lehre als Industriekauffrau in Rieschweiler begonnen. Mit der Folge, dass sie erst am späten Nachmittag trainieren kann. Ihr Trainer Andrei Tivontchik schiebt deshalb Zusatzschichten für sie ein. Diese Doppelbelastung hat schon in der Wintersaison Spuren hinterlassen, als sie nach einem grippalen Infekt nicht mehr richtig auf die Beine kam.

Auch der deutsche Jahrgangsmeister über 200 Meter Schmetterling von den Wassersportfreunden Zweibrücken, Florian Schmidt, versucht, Beruf und Leistungssport unter einen Hut zu bringen. Seit August 2008 hat er bei der Gewobau in Zweibrücken eine Lehre als Anlagenmechaniker für Heizung, Sanitär und Klimatechnik begonnen. Auch er musste Leistungseinbußen, aufgrund verminderter Trainingszeiten, in Kauf nehmen. Selbst die LAZ-Stabhochspringer Raphael Holzdeppe und Natasha Benner machten im Winter während der Vorbereitungen auf das Abitur sportliche Abstriche.

Denn alle Leistungssportler haben erkannt, dass es ein Vabanquespiel ist, sich alleine auf den Sport zu stützen. Oftmals ist es ein schmaler Grat. Denn eine sportliche Krise lässt sich viel leichter verarbeiten, wenn man beruflich festen Stand unter den Füßen hat.