Eigentlich ist es wie daheim, nur dass es in Rio gerade Winter ist. Mal Sonne, mal Regen. Am späten Abend saßen wir noch hemdsärmelig und mit kurzen Hosen an einem der kleinen Schnellimbisse, direkt mit dem Rücken zur monströsen, aber mit etwa 5000 Zuschauern nur halb vollen Beachvolleyball-Arena, was an sich ein Unding ist. Aber daran sieht man schon, dass sich der Brasilianer nicht einfach mal schnell ein teures Ticket kaufen kann oder will. Olympia in Rio ist für den Normalo in Rio nicht zu bezahlen.

Sofort schoss mir meine Olympia-Premiere in dieser begeisternden Boom-Sportart in den Sinn, 2000 am Bondi Beach in Sydney, als das deutsche Duo Jörg Ahmann/Axel Hager die Bronzemedaille gewann. Ob Bondi Beach oder Copacabana – das ist natürlich genau der richtige Standort für diese Stahlrohrtribüne, die den Center Court wie eine Muschel umschließt, für ausgelassene Stimmung, heiße Rhythmen und knappe Bikinis, auf die freilich die Ägypterinnen Nada Meawad und Doaa Elghobashy mit langen Hosen und Shirts und ihren Kopftüchern aus religiösen Gründen ihre eigene Antwort hatten. Aus der Arena drang die Stimme des lärmenden Moderators. Der ist an sich Weltklasse, ein echter Animateur, jetzt grad’ nervte er uns aber. Ihn erträgt man nur, wenn man drinnen sitzt und bei der Show mitfiebert.

Vor uns lauter Verkehr, fröhliche Menschen, Touristen schlenderten über den Boulevard. Mittendrin statt nur dabei in Rio. Bernhard Kunz, der Rio-Kenner, erzählte mir fingerzeigend: Dort ist eine Klasse-Kneipe, dort ein Super-Restaurant, und da hinten auch. Wir essen halt gerne. Aber es war schon nach 23 Uhr, und zurück mussten wir ja auch noch. Wir genossen den lustigen Moment mit Pepe, dem Kellner, verdrückten zusammen eine in Scheiben geschnittene Wurst mit Pommes rot/weiß, tranken unseren Absacker, einen Caipi, und erfuhren im Wetterbericht vom Regen, der dann in der Nacht so laut ans Fenster schlug, dass ich nicht schlafen konnte.

Britta Büthe hatte sich echt gefreut, dass sich ein Pfälzer ihr recht gutes Spiel mit Karla Borger ansah und lobte. „Ich hatte früher immer eine gute Presse in der RHEINPFALZ“, erinnerte sich die Böhl-Iggelheimerin gerne zurück. Wir plauderten lange in der Mixed Zone, sie war nach ihrem Sieg in einem Flow. Mit dem Kollegen Jochen Klingowsky von den „Stuttgarter Nachrichten“, mit dem ich schon bei so vielen Kunstrad-Weltmeisterschaften war, stritt ich, ob sie denn nun Pfälzerin oder Stuttgarter in ist. Britta stand grinsend über der Sache. Sie weiß ganz genau, wo ihre Wurzeln sind!

Morgens kein Internet, kein Bus, kein Unterstellplatz an der Haltestelle. Und jetzt sollten wir raus nach Pontal fahren? Ohne Schirm, ohne Regencape, ohne Lust. Schmerzfreiheit gehört dazu bei diesem Sportstättenhüpfen. Für mich macht das Olympia auch aus: die Freiheit und Spontaneität, sich für das nächste Event zu entscheiden. Pitschnass kamen wir in Pontal an. Morgens um halb neun, und wir hatten den ganzen Tag noch vor uns. Im proppenvollen Pressezelt – bei den Radsportlern ist es immer so, weil die Rad-Journalisten ein komplett positiv-verrücktes Volk sind – klaute ich mir vom Podium einen der Stühle, auf denen später die Sieger bei der Pressekonferenz hätten sitzen sollen. Frechheit siegt. Mir war’s egal, gemerkt hat’s von den Volunteers keiner. Hauptsache, ich saß.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
05.–21.08.2016 Olympische Sommerspiele 2016 Rio de Janeiro (Brasilien)