Zweibrücken. So ganz loslassen kann Kristina Gadschiew vor dieser Freiluftsaison, ihrer Abschiedstournee vom Leistungssport, noch nicht. Aber die Stabhochspringerin des LAZ Zweibrücken sagt inzwischen klipp und klar:„Das ist meine letzte Saison. Und das wäre sie auch ohne meine Verletzung im Jahr 2014 gewesen. Es gibt ein Leben nach der Leichtathletik, und ich freue mich darauf, als Lehrerin zu arbeiten.“ Heute tritt sie noch mal bei der Pfalzmeisterschaft in Landau an.

„Jetzt nach dem Winter kann ich mir nicht vorstellen,dass ich mich für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro qualifizieren kann. Ich hätte gerne meine Karriere mit so einem Erfolgserlebnis abgeschlossen. Aber ich bin realistisch: Ich lebe in meinem Sport eben nicht in einem Hollywood-Film, wo es immer ein Happy End gibt.“ Immerhin: Nach zehn Jahren Leistungssport wollte sie das Karriere-Ende selbst bestimmen, und es sich nicht von einer Verletzung diktieren lassen, wann sie aufhören muss. Deshalb springt sie überhaupt noch.

Sie habe aber akzeptieren müssen, dass der Kopf es nicht schafft, das beiseite zu schieben, so die Hornbacherin. Mit „das“ meint sie ihren Achillessehnenabriss in der linken Wade im Frühsommer 2014 und den schwierigen Weg zurück, um gesund zu werden und wieder springen zu können.„Körperlich habe ich die Verletzung eigentlich gut verkraftet. Das war wichtig, damit es mir persönlich wieder gut geht. Und ich brauche meinen Körper ja auch als Sportlehrerin, wenn ich Sachen vormachen will.“Psychisch, gibt sie allerdings zu, habe sie die Verletzung und die Folgen zu sehr auf die leichte Schulter genommen.

Mit ihrer schweren Verletzung 2014 hatte sie danach psychisch ganz schön zu kämpfen.

2014 hatte sie früh im Jahr noch die EM-Norm geschafft, dann kam besagter Nackenschlag mit anschließender Operation. „Das hat mir wirklich den Boden unter den Füßen weggerissen. 2015 war dann wirklich aus sportlicher Sicht ein trauriges Jahr, weil so wenig geklappt hat.“ Sie habe sich beim Stabeinstechen gefühlt, als würde sie gegen einen Pfosten springen und sei mit Stäben gesprungen, die sie früher gerade mal bei acht Schritten Anlauf in die Hand genommen hatte. Da seien auch mehr als einmal Tränen geflossen, gibt sie zu. Sogar mit einem Psychologen des Sporthilfeteams Rheinland-Pfalz arbeitete sie damals kurzfristig zusammen, „aber ich bin da zu rational und nicht der richtige Typ dafür“.

Geholfen hat damals und auch jetzt die Aussicht auf den Berufseinstieg. Am Hofenfels-Gymnasium gab sie den ganzen vergangenen Sommer über als Aushilfslehrerin pro Woche sechs Stunden Chemie in den Klassenstufen 5 und 9. „Das hat ganz gut geklappt. Ich hatte viel Unterstützung von den anderen Lehrern“, sagt sie. Zurzeit betreut sie an der Integrierten Gesamtschule Contwig eine Arbeitsgemeinschaft Sport der Klasse 8 und gibt zusätzlich noch Mathematik-Nachhilfe in der Schülerhilfe. „Das ist was ganz anderes als die Schule. Da lernst du, wie die Schüler richtig ticken“,erklärt sie. Für die Zeit nach der Freiluftsaison hat sich Gadschiew, die in Kaiserslautern Chemie und Sport studiert hat, als Referendarin beworben. Dann könnte es sie für eineinhalb Jahre nach Mainz, Koblenz oder Daun in der Eifel verschlagen.

Warum sie überhaupt noch springt? „Ich bin eben überproportional stur“, sagt sie lachend. „Wenn ich mir sage, ich höre 2016 auf, dann mache ich das auch so.“ Sie räumt aber ein, dass es in Training und Wettkämpfen bisher nicht gut läuft. „Ich springe noch zu wenig und laufe viel zu oft beim Anlauf durch“,erklärt sie. Bessere sich das, verlängert sie ihre Saison bis Juli, bleibt’s beim Durchlaufen, kann schon früher Schluss sein. „Das macht dann keinen Spaß.“

„Wehmut habe ich nicht“, sagt Gadschiew. Sie freut sich auf die neue Aufgabe als Lehrerin.

Nach längerer Durststrecke übersprang die 31-Jährige zuletzt in Herzogenaurach 4,20 Meter und an Pfingsten in Rehlingen 4,05 Meter. Die Olympia-Norm liegt bei 4,50 Meter. „Mein Ziel ist es, einfach wieder zu springen. Ich nehme mit meinen Höhen jetzt jedes Meeting, das ich bekommen kann.“ Der LAZ-Himmelsstürmer-Cup am 12. Juni, ihr Heimspiel, gehört auf jeden Fall dazu. Auch die deutsche Meisterschaft eine Woche später in Kassel wäre noch mal schön, „aber dazu muss ich erst 4,25 Meter springen, und ich finde, Regeln muss man auch einhalten“.

Heute tritt sie bei der Pfalzmeisterschaft in Landau an, morgen im französischen Lille. Abschiedstournee? „Wehmut habe ich gar nicht“, sagte Gadschiew. „Ich freue mich einfach auf alles, was danach kommt.“

Zur Person: Kristina Gadschiew

  • geboren am 3. Juli 1984 in Wastljewska (Kirgisistan)
  • angehende Gymnasiallehre- rin, Fächer: Sport und Chemie
  • Wohnort: Hornbach
  • Verein: LAZ Zweibrücken
  • Disziplin: Stabhochsprung
  • Trainer: AndreiTivontchik
  • Bestleistung: 4,61 Meter (4,66 m in der Halle)
  • größte Erfolge: Deutsche Hallenmeisterin 2013, Bronze bei der Hallen-EM 2011,Zehnte der Weltmeisterschaft in Daegu 2011 und 2009 in Berlin, Siebte der Hallen-WM in Doha 2010, Fünfte der Hallen-EM 2009, DM-Silber 2009, DM- Bronze 2011. (sai)