Zweibrücken. Bei den Pfalzmeisterschaften stand sie auf der Meldeliste, auch bei der deutschen Hochschulmeisterschaft vergangene Woche: Doch an Wettkämpfe ist für Anna Felzmann immer noch nicht zu denken. Die Stabhochspringerin des LAZ Zweibrücken plagt sich seit eineinhalb Jahren mit einer Verletzung am Sitzbein herum. Mit Konsequenzen: Sie verlor ihren B-Kader-Status beim deutschen Verband und blickt sportlich und finanziell in eine ungewisse Zukunft.

„Geduld ist inzwischen mein persönliches Hasswort des Jahres“, gibt die 25-Jährige unumwunden zu. Gerade die ist aber zuhauf gefragt bei ihrer langen Verletzungsgeschichte und wird ihr ständig geraten von Freunden, Ärzten und Physiotherapeuten. Kein Wunder, dass sie den Begriff nicht mag: Schon im Dezember 2015 fing es mit den Schmerzen an. Ein Knochenmarksödem am Sitzbein samt chronisch entzündeter Sehne, hervorgerufen durch Überbelastung.

„Wir mussten im Training schon ständig Belastung rausnehmen“, erinnert sich die Stambacherin. Irgendwie habe sie das dennoch nicht richtig ernst genommen. Denn im Hinterkopf war ja: „Ich bin in der letzten Saison mit 4,40 Meter Bestleistung gesprungen. Da war noch Luft nach oben, und dann war 2016 auch Olympia.“ Im Frühjahrstrainingslager im türkischen Belek musste sie nach einer Woche Training in der zweiten Woche dann fast komplett pausieren. Dass die Verletzung vielleicht schlimmer ist als gedacht, wollte sich der Schützling von LAZ-Trainer Alexander Gakstädter aber auch danach noch nicht eingestehen.

„Ich habe versucht, die Freiluftsaison mit der Brechstange druchzukloppen“, meint Felzmann heute einsichtig. Beim Wettkampf in Waiblingen am 2./3. Juli „bei beschissenen äußeren Bedingungen“ ging dann nichts mehr. „Ich hatte das Gefühl, gleich knallt mir in meinem Körper was um die Ohren.“ Wie die Untersuchungen darauf zeigten, hatte auch nicht viel gefehlt und die Sehne wäre gerissen. „Da haben mein Trainer und ich die Notbremse gezogen“, berichtet sie.

„Am Ende hatte ich beim Gehen Schmerzen, beim Sitzen sowieso, beim Rumdrehen im Schlaf“, zählt sie auf. Noch heute habe sie an der Uni immer ein Sitzkissen dabei. Für Felzmann begann eine Ärzte-Odyssee. „Ich war gefühlt bei tausend Ärzten in Deutschland. Ich hab’ mich auch immer mit meiner Vereinskollegin Sina Mayer unterhalten, wer wohl gut ist“, sagt sie. Viele rieten angesichts der vernarbten Sehne zur Operation. Sie wollte die Verletzung aber lieber konservativ behandeln, das hatte bei ihrer Schulter gut geklappt. Letztlich landete sie in Saarbrücken bei Orthopädin Karin aus der Fünten. „Mit ihr habe ich jemand gefunden, mit dem ich einen guten Weg gehen kann“, erzählt Felzmann von vielen zähen, kleinen Schritten.

Nachdem sie die Wintersaison 2017 hatte abhaken müssen („Mein Training bestand nur aus Gehen, mehr ging nicht“), macht sie seit Mitte März mit Trainer Gakstädter ein erneutes Aufbautraining. „Das funktioniert gut, wir dokumentieren alles ganz genau.“ Noch nie zuvor habe sie so sehr auf ihren Körper geachtet, „ich höre genau rein“. Momentan sei sie wieder auf einem Stand, den man als Leistungssport bezeichnen kann, „70 Prozent Sprintfähigkeit, und ein Anlauf aus zehn Schritten“. Aber die Grundsubstanz in den Beinen fehlt nach so langer Pause eben.

Seit Dezember 2016 hat sie zudem ihren B-Kader-Status beim Deutschen Leichtathletik-Verband verloren. Über den wurden beispielsweise physiotherapeutische Behandlungen übernommen. „Das zahle ich jetzt alles selbst, wie auch die Wettkämpfe und Hotels im Vorjahr.“ Ein Trainingslager, das schnell mal rund 2000 Euro kostet, könne sie als Studentin aber nicht bezahlen. Das Eis werde finanziell immer dünner, gibt sie zu. Mittlerweile jobbt die angehende Sportund Deutsch-Lehrerin dreimal wöchentlich bei der Schülerhilfe. „Wir sind zu Hause fünf Geschwister, alle noch in der Ausbildung. Da will ich meinen Eltern nicht zu sehr auf der Tasche liegen“, erklärt sie.

Das letzte Wintersemester hat sie durch die erzwungene Pause intensiv für ihr Studium genutzt. „Hausarbeiten, ich hab’ geschrieben, geschrieben, geschrieben“, verdeutlicht sie. In Deutsch hat sie zudem noch ein Vertiefungsstudium begonnen, zwei von vier Modulen gleich abgehakt. Im Sportstudium fehlen ihr noch Exkursionen, dann ist sie scheinfrei. Im Sommer 2018 könnte sie das erste Staatsexamen angehen. Etwas mehr Hilfe von Verband oder Universität würde sie sich als Top-Sportlerin wünschen, „gerade, wenn es nicht so gut läuft“. Denn sie plane ihr ganzes Leben um den Sport. „Ich sitze nicht unbedingt in Seminaren, die mich interessieren. Sondern in denen, die in meinen Zeitplan mit den zwei täglichen Trainingseinheiten passen.“

Zwischenzeitlich habe sie sich schon gefragt, ob die körperliche und mentale Tortur noch sinnvoll sei. Schließlich sei Stabhochsprung nicht alles im Leben. „Aber ich bin optimistisch und sehe noch eine Perspektive. So sind wir Leistungssportler.“ Eher gehe finanziell der Ofen aus, als dass ihr die Motivation abhanden komme. Mit Prognosen in Richtung Stabhochsprung ist sie aber vorsichtig: „Ich bin froh, wenn das irgendwie wieder hinhaut.“ Die Strategie heißt „Auskurieren“. Die nächsten zwei Jahre seien entscheidend. „Wenn ich dann nicht mehr international anknüpfen kann, lasse ich es. Nur mitspringen will ich nicht, dazu bin ich zu sehr Leistungssportler.“ Und wenn es nicht klappt? „Dafür habe ich schon verschiedene Fahrpläne im Kopf, wie ich dann mit Studium und Beruf weitermache.“

Derzeit ein Wunschtraum: Anna Felzmann packt die Stäbe aus, tritt in einem echten Wettkampf an und kann in der Konkurrenz schmerzfrei mitspringen.
Derzeit ein Wunschtraum: Anna Felzmann packt die Stäbe aus, tritt in einem echten Wettkampf an und kann in der Konkurrenz schmerzfrei mitspringen. (Arhivfoto: Kunz)