Sage noch mal einer, die Brasilianer können nicht umdenken, nachbessern, reagieren oder so. Gut, es dauert alles ein bisschen länger. Und: Sie hatten nicht wirklich eine Vorstellung von dem, was da mit Olympia auf sie zukommt. Diese Massen von Menschen, vor allem diese Crew von Journalisten, die ja oft denken, es müsse sich immer alles nur um ihre Bedürfnisse drehen.

Ein gutes Beispiel, das uns vom ersten Tag an begleitet: das Frühstück. Es ist besser geworden, reichlicher im Angebot, es gibt Obst und Joghurt, und seit gestern ist zumindest für mich der „Muckefuck“ Vergangenheit. Es stehen plötzlich zwei Kaffeeautomaten da, die Bohnen mahlen.

Bernhard Kunz, unser Fotograf, unsere Mitbewohnerin Anne Hilse und ich haben diskutiert. Abends schon. Und weil das Bild durch Facebook geistert – Ute Maag, unsere Kartenfee, die im Apartment vorbeikam, um uns neue Tickets fürs Schwimmen und Frauentunen zu bringen – hat’s gepostet: Die erste Flasche Forster Kirchenstück Riesling Spätlese trocken ist geöffnet. Obwohl wir noch nicht feiern müssen. Sagen wir so: zu Ehren der Forster Kerwe. Ohne uns! Gut. Wir waren zögerlich, was wir machen. Mit den Kräften haushalten, ist die Devise. Trotzdem: Anspruchsvoll ist unser Programm, und das ist nett und vorsichtig ausgedrückt. Ein anderer würde vielleicht sagen, die spinnen, die Pfälzer. Wir waren zögerlich in unserer Entscheidung: Früh morgens hinaus ins Deutsche Haus? Das Parallelprogramm gab’s her, aber der Verkehr? Unfall, Stau, Umleitung, Sperre, Fußmarsch, all die Sachen.

Und dann dieser Auftritt des Martin Kaymer! Er ließ überhaupt keinen Zweifel daran, weshalb er in Rio de Janeiro ist. „Es ist eine Riesenehre für mich, hier zu sein und all die deutschen Sachen zu tragen“, sagte er. Wie er so ruhig, so sachlich, so sympathisch und authentisch herausarbeitete, dass er sich bewusst ist, wer er ist. Nämlich einer, der richtig viel Geld mit seinem Sport verdient und auf der Sonnenseite steht. Aber genau so überzeugend brachte er die Achtung vor den Athleten mit Nebenberufen zum Ausdruck. Amateure sagte man früher dazu. „Wir Golfspieler sind extrem verwöhnt, haben alles im Überfluss, da ist dieses ,back to the basic’ ganz gut“, zeigt er viel Sympathie für das Zurück zu den Wurzeln. Das war großer Sport. Und lustig dazu. Chapeau, Martin Kaymer.

Dann fährst du auf der Welle der Euphorie Richtung Riocentro, wo ich bisher noch nicht war. Ein Art Messegelände mit vier Hallen direkt gegenüber des Olympischen Dorfes. Ringen, Tischtennis, Gewichtheben, Boxen finden hier statt, ich werde also noch öfter da sein. Nur eines mach’ ich nicht mehr; mit dem Taxi fahren. Immerhin haben wir gelernt, dass nicht alle gelben Taxis gleich gelb sind. In unserem ersten wurden wir nicht mehr durchgelassen, mussten aussteigen, unser Fahrer Gustavo war verzweifelt. Doch er gab alles für uns. Bernhard fluchte. Wir wussten: Zeit dürfen wir keine verlieren, wir müssen rechtzeitig zu Petrissa Soljas Spiel. Gustavo hielt mitten auf einer großen Straße ein anderes gelbes Taxi mit spezieller Plakette für uns an. Und siehe da: Es hat mal wieder gepasst. Ich weiß aber nicht, über wie viele roten Ampeln wir gestern donnerten.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
05.–21.08.2016 Olympische Sommerspiele 2016 Rio de Janeiro (Brasilien)