Es bleibt alles beim Alten: Der Amerikaner Justin Gatlin beißt sich die Zähne an Usain Bolt aus. Und der ist wieder ganz der Alte: der Blitz-Bolt als Witzbold. Aber nach seinem gestrigen Sieg über 200 Meter in 19,55 Sekunden ging die Show und damit die Aufregung erst richtig los.

Bei 150 Meter war der Sieg unter Dach und Fach, und, so sagte Usain Bolt: „Ich hatte an meinem Sieg überhaupt keinen Zweifel. Die 200 Meter sind meine Strecke. Die 100 Meter sind fürs Publikum und für meinen Trainer, aber die 200 Meter sind für mich. Ich habe seit Peking 2008 nur einmal auf dieser Strecke verloren, warum hätte ich heute verlieren sollen?“

Jetzt hat Gatlin nur noch eine Chance: mit der Staffel. Aber da braucht er schon die Unterstützung seiner drei Kameraden. Doch Bolt drückte die Erwartungen der Amerikaners gleich mal gegen Null: „Es gibt überhaupt keinen Grund, weshalb Jamaika nicht gewinnen sollte.“

Fast hätte es einen gegeben. Aber der Reihe nach. Beim lockeren Zieldurchlauf, den eigenen Weltrekord hatte er nicht im Visier, wie er zugab, deutete er mit beiden Daumen auf sich selbst. Sollte heißen: Seht her, ich bin der Champion. Der zehnfache Weltmeister. Auf der Ehrenrunde, die Jamaikaner und die Chinesen feierten ihn großartig, nahm er sich einen herrenlosen Stuhl und setzte sich erst mal, spaßte ein wenig herum, Gatlin schob sich auf einer Bank an ihn heran. Die beiden verstehen sich–bei aller Konkurrenz.

Dann aber rammte ihn der Segway Kameramann unglücklich von hinten um, beide stürzten rücklings. Bolt griff sich an die linke Wade und schaute, ob alles in Ordnung ist, ging erst mal zum Kameramann hin und erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei. In der Pressekonferenz mutmaßte der Spaßvogel ganz frech: „Ich glaube, Justin hat den Kameramann bezahlt“, woraufhin der sofort meinte: „Dann will ich aber mein Geld zurück.“

Bolt umarmte einmal mehr seinen Vater, dann knipste er ein Selfie mit einem ihm gereichten Handy, und dann wollte ein Volunteer nur schnell ein Bild von ihm machen, was zunächst wie ein Angriff auf Bolt aussah. Aber alles war halb so schlimm, der flitzende Volunteer wurde gefangen, und Bolt räumte die Bühne frei für seinen „Bolt“ kurz hinter dem Ziel. Weidlich nutzte er den Augenblick, und dieses Bild geht um die Welt. Er grüßte den Himmel, küsste den Boden, rappelte sich auf und stürmte zum jamaikanischen Fernsehreporter. Einmal mehr eine große Show. Verrückte zehn Minuten zum Ausklang des sechsten WM-Tages, der ohnehin schon ein paar Höhepunkte vorzuweisen hatte.

Während Gatlin verbissen all dem zuschaute, feierte ein schmächtiger Mann von gerade mal 22 Jahren seine Bronzemedaille still und leise: Anaso Jobodwana aus Südafrika. Er wurde von den beiden Großen herzlich in den Kreis der schnellsten Männer der Welt aufgenommen.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
22.–30.08.2015 Weltmeisterschaften 2015 Peking (China)