„Hoch hinaus – die Pfalz!“ Das ist in diesem Jahr das Thema des großen Fotowettbewerbs für Leserinnen und Leser der RHEINPFALZ. Die schönsten Aufnahmen erscheinen im RHEINPFALZ-Fotokalender 2017. Die zwölf Siegerbilder werden zudem mit Geldpreisen belohnt. Unsere Begleitserie zum Fotowettbewerb zeigt Beispiele, wie und wo es in der Pfalz hoch hinaus geht, welche Hochgefühle und Höhepunkte es gibt. Heute: die Pfälzer Stabhochspringer.

Hoch hinaus und das mit einem Stab als Werkzeug – das kann und darf nicht jedermanns Sache sein. Da müssen schon durchtrainierte Spezialisten ran, die eine ganz besondere Art der Körperbeherrschung in vielen Trainingseinheiten mutig üben, üben und nochmals üben.

Umso aufregender und spektakulär ist’s, von einer Zuschauertribüne aus die ganze Dynamik und Spannung eines Wettbewerbs aufzusaugen. Und es ist auch ziemlich außergewöhnlich, einer Frau zuzuschauen, wie sie über eine Latte fliegt, die fünf Meter über dem Boden liegt, oder einem Mann zuzujubeln, wenn er über 6,00 Meter gesprungen ist.

Klare Sache: Der Stabhochsprung gehört zur Pfalz wie der Riesling.

Übrigens: Es gibt nur eine Frau, der es im Freien gelang, höher als fünf Meter zu fliegen, nämlich Jelena Isinbajewa, und es sind 16 Männer mit Sprüngen über sechs Meter gelistet. Die Freiluft-Weltrekorde stehen bei 5,06 Meter und 6,14 Meter.

Damit das klar ist: Der Stabhochsprung gehört zur Pfalz wie der Riesling. Hier stand die Wiege des Frauenstabhochsprungs. Naja, vielleicht stand ja auch eine zweite in China, denn auch dort wurde fleißig trainiert und gesprungen, damals in der 80ern, aber deutsche und chinesische Springerinnen sind sich erst einmal nicht begegnet. Jeder machte so sein Ding. Als dann aber die ersten Chinesinnen auf Wettkampfreise durch Europa tourten, starteten sie eben auch und vor allem in Zweibrücken und Landau. Shao Jingwen hieß die eine, Sun Caiyun die andere.

In der Pfalz gab es aber auch zwei Vorspringerinnen. 1988 mag es gewesen sein, als die damals 16-jährige Landauerin Nicole Rieger im Training von Mark Lugenbühl, dem späteren deutschen Meister (1992), mit Trainer Jochen Wetter vorbeischaute. Etwa zeitgleich übte die 14-jährige Stambacherin Andrea Müller in Zweibrücken und wechselte bald darauf zu Trainer Dieter Kruber.

Wetter (heute 74) und der leider schon verstorbene Kruber sind zwei richtige Stabhochsprung-Maestros. Wenn sie gerade nicht mit ihren Schützlingen trainierten, schrieben sie unermüdlich Briefe – an den deutschen, den europäischen und den Weltverband. Denn sie hatten nur eines im Sinn: Frauenstabhochsprung sollte endlich offiziell anerkannt werden.

Nicole Rieger und Andrea Müller stehen für vieles. Rieger zum Beispiel war 1991 die erste deutsche Meisterin im Stabhochsprung überhaupt – als A-Jugendliche im Berliner Olympiastadion – und sie war 1994 die erste Europäerin, die über 4,00 Meter flog. Andrea Müller stellte am 5. August 1995 in Zittau einen Weltrekord auf – 4,18 Meter. Und dann kamen zwei junge Damen, zwei Wahlpfälzerinnen, geboren in Omsk (Sibirien), aufgewachsen in Ulm, nach Zweibrücken und lernten dort das Einmaleins mit dem Stab. Und wie! Nastja Ryzih, die Hallen-Weltmeisterin von 1999, und ihre Schwester Lisa Ryzih – Welt- und Europameisterin in der Jugend- und Juniorenklasse.

Stabhochsprung war und ist immer auch eine Materialschlacht. Eine teure Angelegenheit noch dazu. Erst gab es starre Holzstangen, dann Bambusröhren mit leichter Elastizität, die von Metallund Aluminiumstäben abgelöst wurden. Aber erst die Kunststoffstäbe krümmten sich so stark, dass ein gewisser Katapult-Effekt die gewünschte Wirkung entfaltete. Heute wählen die Athleten zwischen Glasfiber- und Carbonstäben, je nach Gusto. Es gibt einige Dutzend Produzenten weltweit, am bekanntesten sind zwei US-Importe mit Namen „UCS-Spirit“ und „Pacer“. Ein Stab kostet um die 1000 Euro. Den derzeit längsten springt der 21 Jahre alte Kanadier Shawn Barber – 5,38 Meter lang ist sein Sprunggerät, Mann-o-Mann. Alleine das Reisen mit dem Flugzeug ...

Je leichter ein Stab ist, desto harmonischer und schneller kann man mit ihm anlaufen. Stichwort Anlaufgeschwindigkeit. Sie ist die erste wichtige Komponente im Bewegungsablauf. Dazu kommen Körpergewicht, Härtegrad des Stabs, Einstichwinkel und Drehmoment. Das alles richtig gepaart ergibt dann die fünf oder die sechs Meter, oder? Zumindest fast, denn der Mensch muss auch noch mitspielen, sein Kopf und sein Bauch.

Was vom ersten Schritt des Anlaufs bis zur (hoffentlich) weichen Landung passiert, weiß Jochen Wetter ziemlich gut: „Es muss die Anlaufgeschwindigkeit in den Stab hineingebracht werden, und wenn sich der Athlet mit seinem ganzen Gewicht in den sich biegenden Stab hängt, gibt der dann jene Energie frei, die den Springer nach oben katapultiert. Am besten ist es, wenn er die gleiche Energie zurück bekommt, die er auf den Stab übertrug.“

Ein Diskus fliegt einfach nur davon. Der Stab hingegen gibt etwas zurück.

Genau das ist einzigartig in den leichtathletischen Disziplinen. Eine Kugel, ein Diskus oder ein Speer, die fliegen einfach davon, wenn der Athlet das Wurfgerät energisch wegschleudert. Der Stab aber, der gibt etwas zurück. Schnell muss der Springer sein, Kraft muss er haben und sein Herz muss er in beide Hände nehmen können. Und er muss richtig gut turnen können, zum Beispiel einen Handstand in der Luft, wenn er, die Füße voraus, hoch hinaus in den Himmel springt.

Ach ja, die Landung. Sie ist die vielleicht leichteste Übung aller Anstrengung. Das Herunterfallen in die Matte gibt Adrenalin frei. Aus Frust oder Freude, je nachdem, ob die Latte liegenblieb oder mit herunterfällt.

Eine Bitte noch zum Schluss. Auch wenn Sie noch so hoch hinaus wollen, probieren Sie es nicht mit einem Stab. Denn das wird nichts, garantiert nichts. Stabhochsprung ist wirklich nur für Spezialisten.