Das Podium in der Stabhochsprung-Entscheidung kann sich sehen lassen: Sam Kendricks vor Piotr Lisek und Renaud Lavillenie. Und die Sieghöhe auch: 5,95 Meter. So hoch sprang seit Edmonton 2001 kein Weltmeister mehr. Neben Armand Duplantis und Shawnacy Barber fehlte da aber noch einer: Raphael Holzdeppe.

„Oh Gott, ich habe noch nie so einen emotionalen Wettbewerb wie diesen erlebt, mit dieser grandiosen Menge von Fans im Rücken, sie haben alles für mich gegeben“, empfand Sam Kendricks. Der 24-Jährige aus Tennessee, der einzige Sechs-Meter-Springer in diesem Jahr, setzte alles daran, sein großes Ziel zu erreichen. Bei zehn Starts räumte er zehn Siege ab, also „ist es ein Segen, das WM-Gold zu haben“.

Als Kendricks die 5,95 Meter überflog, hatte er den Sieg schon in der Tasche, denn er nahm alle Höhen ohne einen einzigen Fehlversuch, während Piotr Lisek, der Sieger von Jockgrim, schon bei 5,65 Meter zweimal patzte. „Als ich mich auf London vorbereitete, dachte ich an Platz vier oder an Bronze, aber als ich sah, was hier im Stadion los war, wollte ich um Gold mitspringen“, sagte Lisek. Lavillenie, der auch in London den Makel des WM-Titellosen nicht auslöschen konnte, hatte eigentlich schon bei der Präsentation gewonnen. Ihm flogen die Herzen der Fans zu, was ihm gut tat und was er auch zeigte, als er mit seinen Händen ein Herz formte und es in die Kamera zeigte. Unvergessen ist der Moment, als er in Rio de Janeiro von den dortigen Zuschauern im Zweikampf mit Thiago Braz gnadenlos ausgebuht worden war.

Einer, der alles schon erlebt hat, der Weltmeister und Vizeweltmeister sowie Olympiadritter war, der Zweibrücker Raphael Holzdeppe (27), hatte den Konkurrenten längst den Rücken gekehrt, den Innenraum verlassen, war durch die Interviewzone marschiert und verfolgte die spannende Entscheidung von der Tribüne aus.

„Es wäre mehr drin gewesen. Im Endeffekt habe ich nicht umsetzen können, was ich drauf habe. Ich muss im Hotel anhand der Videos, die wir gemacht haben, analysieren, woran es lag. Aber im Moment bin ich nur enttäuscht über mich selber“, redete er nicht groß drum herum. Er sei super drauf gewesen, habe sich besser gefühlt als in der Qualifikation. Und doch: Drei ungültige Versuche bei der Einstiegshöhe von 5,50 Metern – es war ein klarer „Salto nullo“, keiner der Versuche war knapp gerissen oder unglücklich. Aber passiert ist passiert. Abhaken, weitermachen und den Journalisten Rede und Antwort stehen, das war die Aufgabe, denn jetzt war schon der vierte Weltmeister im deutschen Team gescheitert.

„Mit den Jahren habe ich schon gelernt, alles ein bisschen besser zu verkraften. Ich hatte ja Gelegenheit, im Stadion ein bisschen runter zu kommen. Wäre ich direkt hier reingekommen, wäre ich frustrierter gewesen“, bekannte Holzdeppe äußerlich gelassen. In seiner Seele dürfte es anders ausgesehen haben, wenigstens gab er sich kämpferisch: „Es ist nicht mein erstes Tief, und nicht mein erstes Tief, aus dem ich es schaffe wieder rauszukommen“, sagte er.

Was vorher schon feststand, bestätigte Holzdeppe: Es war sein letzter Wettkampf, er beendet die Saison und geht auf Urlaubsreise. „Letztes Jahr war sehr aufreibend, dann ging es gleich in die Vorbereitung für dieses Jahr. Deswegen brauche ich jetzt ein bisschen mehr Pause, um mich gut auf Berlin 2018 vorbereiten zu können“, sagte er.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
04.–13.08.2017 Weltmeisterschaften 2017 London (England)