Christin Hussong (LAZ Zweibrücken) darf bei der U23-Europameisterschaft in Tallinn (Estland) vom Speerwurftitel träumen.

Tallin. Nach dem ersten Versuch der Speerwurf-Qualifikation hatte sie noch den Kopf geschüttelt. Der Gesichtsausdruck der Herschbergerin passte gestern Nachmittag zum Wetter an der Ostsee: kühle Temperaturen, garniert mit reichlich Regen. Aus der Ruhe bringen ließ sich Athletin vom LAZ Zweibrücken von ihren bescheidenen 52,71 Metern zum Auftakt nicht. Dafür hat die EM-Siebte trotz ihrer jungen Jahre schon zu viel erlebt und kann mit solchen Situationen umgehen. „Mir war klar, dass der erste Wurf bei nassem Anlauf nicht richtig weit gehen würde. Es war mehr ein Test, wie stark ich das Stemmbein einsetzen kann, ohne wegzurutschen“, erklärte die 21-Jährige später ihren etwas vorsichtigen Auftakt.

Als die 1,80 Meter große Werferin diese Herangehensweise erklärte, hatte sich ihr Gesicht schon längst auf Sonnenschein umgeschaltet – und so der Freude über einen fast zehn Meter weiteren zweiten Wurf Ausdruck verliehen. Bis auf 62,59 Meter flog das 600-Gramm-Gerät im zweiten Durchgang. Nur 75 Zentimeter fehlten Hussong zum eigenen deutschen U23-Rekord. „Das habe ich gleich beim Abwurf gespürt, wie weit der Wurf geht. Wenn sich der Wurf ganz leicht anfühlt, geht er auch weit. Und so war es“, philosophierte die U18-Weltmeisterin von 2011.

Obwohl sie die Qualifikation mit siebeneinhalb Metern Vorsprung für sich entschied, wollte Christin Hussong von einer „Gold-Pflicht“ im Finale morgen Nachmittag nichts wissen: „Mein Ziel ist eine Medaille, im Finale kann schließlich viel passieren, speziell durch die wechselnden Winde.“

Allerdings muss dann mindestens eine Konkurrentin der Herschbergerin einen herausragenden Tag erwischen, um die Gold-Favoritin zu gefährden. Keine andere U23-Speerwerferin Europas hat dieses Jahr die 58-Meter-Marke übertroffen. Die Nummer zwei der Meldeliste, die Französin Margaux Nicollin, legte drei ungültige Versuche hin und nahm sich so selbst aus dem Medaillenrennen. Danach schüttelte sie – verständlicherweise – den Kopf noch heftiger als Christin Hussong nach ihrem ersten, verunglückten Versuch.

Shanice Craft, die Kugelstoßerin und Diskuswerferin von der MTG Mannheim, gewann gestern wie schon 2013 in Tampere Silber. Dabei hatte die 22-Jährige bis zum letzten Stoß der Konkurrentinnen mit 17,19 Metern auf Gold-Kurs gelegen. Doch die Weißrussin Viktoryia Kolb entriss ihr mit 17,47 Metern noch den Titel und feierte diesen auf Knien jubelnd neben dem Kugelstoßring, nachdem Crafts Konter mit 17,29 Meter zu kurz ausfiel. Bronze ging mit 16,99 Metern an Sara Gambetta (Hallesche LAF). Obwohl sie so kurz vor dem Titelgewinn noch abgefangen wurde, konnte sich Shanice Craft doch freuen. Schließlich waren die Schmerzen in der rechten Patellasehne in der missglückten Qualifikation am Vormittag (15,87 m) so stark, dass sie einen Finalverzicht in Erwägung gezogen hatte. Doch das medizinische DLV Team riet zu einer schmerzstillenden Spritze. So bekam die EM-Dritte im Diskuswurf die Kniesehne in den Griff. „Silber war mein Minimalziel, ich wollte mindestens genauso gut sein wie vor zwei Jahren“, sagte Craft. 2013 hatte sie mit Kugel und Diskus Platz zwei belegt.Am Sonntag steht in Tallinn die Diskus-Entscheidung an. Dann trifft sie in einem der wohl hochklassigsten Finals der U23-EM auf Titelverteidigerin und Dauerrivalin Anna Rüh (SC Neubrandenburg).

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
09.–12.07.2015 U23-Europameisterschaften 2015 Tallinn (Estland)