Peking. Mama Gabi saß allein auf der Haupttribüne, Papa Udo coachte mit Bundestrainerin Maria Ritschel von rechts hinten, und Christin Hussong war im Stadion ganz alleine auf sich gestellt. Dann schleuderte sie gestern den Speer bei der WM in Peking auf die Qualifikationsbestweite von 65,92 Meter. Die Weite bedeutet zugleich Deutscher U23-Rekord.

So weit hatte sie noch nie geworfen. „Aber ich wollte das gar nicht“, gestand sie hinterher in der Interviewzone, in Sichtweite der Eltern, die dich dorthin geschmuggelt hatten, und von Maria Ritschel, die Tränen in den Augen hatte. Denn alle vier deutschen Speerwerferinnen erreichten das morgige Finale (12.45 MESZ).

„Der zweite Wurf im Einwerfen war ähnlich gut und ich dachte, okay so. Dann bin ich in den Wettkampf und wollte ein bisschen zu viel und verkrampfte“, beschrieb sie den Beginn ihrer WM-Premiere. Die 61,00 Meter aus dem zweiten Versuch hätten nicht fürs Finale gereicht. „Ich musste also alle meine sieben Sinne zusammennehmen. Ich wusste, dass ich es kann, es hat ja geklappt, Gottseidank“, meinte sie erleichtert und ließ sich erst mal von den Eltern drücken.

Gabi Hussong hatte alleine auf der Tribüne gesessen, und erst, als die Qualifikation vorbei war, traute sie sich in Richtung Athletenblock, wo ihr Mann saß. Sie war aufgelöst vor Freude und Aufregung, auch sie hatte Tränen in den Augen, dann lagen sich Papa und Mama in den Armen. Udo Hussong, Vater und Trainer von Christin, war während der drei Versuche die Ruhe selbst geblieben. „Ich habe das Einwerfen gesehen, und ich weiß, was sie kann“, sagte er. Aber die Weite von fast 66 Metern wollte auch er nicht so recht glauben. „Stark, jetzt hat sie bewiesen, dass die 65,60 Meter von der U23-EM keine Eintagsfliege waren“, meinte er und war gleich guter Dinge, seine Tochter in den zwei Tagen bis zum Finale einbremsen zu können. „Mir wäre auch lieber gewesen, sie hätte nicht so weit geworfen, aber sie musste im dritten Versuch angreifen. Und dann ist es halt so gekommen. Aber wir machen das Geschäft schon ein paar Tage, um zu wissen, wie wir mit so einer Weite in der Qualifikation umgehen“, sagte er.

„Die Weite sagt gar nichts. Eine Qualifikation ist kein Finale, am Sonntag geht es wieder bei Null los“, sagte Christin, die amtierende U23-Europameisterin, die überhaupt nicht auf der Videotafel sah, wo der Speer landete. „Och, ich dachte so bei 64 Metern, ich merkte, dass er weit fliegen wird, aber fast 66 Meter, das ist schon ein Hammer.“

Hussongs Verein LAZ Zweibrücken lädt morgen ab 12.30 Uhr alle Interessierten zum Mitsehen des Finales ein. Die Live-Übertragung wird über einen Beamer an die Wand in der LAZ-Halle geworfen.

Christin Hussong (Mitte) freut sich mit Mannschaftskollegin Linda Stahl über ihre neue Bestleistung.
Christin Hussong (Mitte) freut sich mit Mannschaftskollegin Linda Stahl über ihre neue Bestleistung. (Foto: Kunz)

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
22.–30.08.2015 Weltmeisterschaften 2015 Peking (China)