Nach ihrem ersten DM-Titel 2016 bei den Aktiven hat Christin Hussong aus Herschberg ein eher durchwachsenes Jahr 2017 hinter sich. Über die Schwierigkeit, sich auf internationalem Spitzenniveau zu halten, über die Trainingsarbeit mit ihrem Vater Udo, über ihre berufliche Zukunft und ihre großen sportlichen Ziele sprach die 23-jährige Speerwerferin des LAZ Zweibrücken mit der RHEINPFALZ.

Frau Hussong, das Jahr 2017, das Nach-Olympia-Jahr, neigt sich dem Ende zu. Sie sind längst wieder im Aufbautraining für die neue Saison. Wie bewerten Sie aus sportlicher Sicht das abgelaufene Jahr?

Es war nicht unbedingt ein schlechtes Jahr. Es ist aber einfach hochzukommen und viel schwerer, oben zu bleiben. Der erste Schritt mit 60, 62 und 63 Metern ging ganz schnell. Konstant in der Weltspitze zu sein, ist dann viel schwieriger. Auch die Erwartungen von außen an mich werden höher. Aber ich bin ja erst 23 Jahre alt, das vergesse ich selbst gerne mal. Ich möchte aber irgendwann da stehen, wo Katharina Molitor ist.

Warum konnten Sie in diesem Jahr nicht so konstant werfen, wie Sie sich das vorgestellt hatten?

Bis nach dem Trainingslager Ende April war alles perfekt. Über die Saison war dann irgendwie der Wurm drin, mal abgesehen vielleicht von dem Meeting-Sieg in Luzern mit 64,18 Metern. Ich war gesund, nie verletzt – aber es ging trotzdem nicht. Wir haben mit dem Disziplin-Bundestrainer Mark Frank und Chefbundestrainer Boris Henry genau geschaut, woran es liegt. Vielleicht sucht man da manchmal auch zu viel nach Fehlern, die gar nicht richtig greifbar sind. Und dann zweifelt man an sich. Ich hab’ aber die Hoffnung während der Saison nie aufgegeben. Eine Barbora Spotakova ist da halt erfahrener. Die weiß einfach: Nächste Woche geht’s wieder.

2016 hatten Sie Ihren Durchbruch mit dem deutschen Meistertitel samt neuer Bestweite von 66,41 Metern und den sicheren Tickets für die EM in Amsterdam und Olympia in Rio. Bei den beiden Großereignissen lief es aber nicht wie gewünscht ...

Das stimmt. Aber es ist eben doch ein Unterschied, ob man in einem ausverkauften Olympia-Stadion wirft oder bei einer DM vor 20 000 Zuschauern. Inzwischen kann ich bei solchen großen Ereignissen aber gut abschalten und mich konzentrieren. Da habe ich in den letzten Jahren dazugelernt.

Wie gehen Sie damit um, wenn hohe Erwartungen an Sie da sind und es eben nicht gut läuft?

2012 hab’ ich Tanja Damaske kennengelernt. Die ist Psychologin und viel mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband unterwegs. Immer wenn wir uns sehen, unterhalten wir uns intensiv. Und wenn ich das Gefühl habe, ich brauche sie, geht immer ein Anruf. Sie ist inzwischen auch eine gute Freundin geworden. Ihr Vorteil ist: Sie kennt die psychologische Seite des Leistungssports – aber auch den Speerwurf aus ihrer eigenen Karriere. Sie hat immer gute Tipps parat, zum Beispiel, wie man sich verhält, wenn man aufgeregt ist. Letzten Endes muss ich so was genauso trainieren wie den richtigen Speerwurf.

Sie sind spätestens seit dem U18-WM-Titel 2011 in Lille in der Weltspitze. Das sind schon sechs Jahre. Was hat sich für Sie geändert in der Zeit?

Das Training hat sich einfach sehr stark verändert. Die Umfänge nehmen von Jahr zu Jahr immer mehr zu. Wo ich früher im Training zehnmal geworfen habe, mache ich heute vielleicht 30 Würfe.

Von Beginn an ist Ihr Vater Ihr Trainer. Klappt das immer reibungslos?

Ach, natürlich zoffen wir uns im Training auch mal ab und an (schmunzelt). Aber wir haben ein superenges Verhältnis, das ist das Besondere bei uns. Ich könnte nie mit einem anderen Trainer zusammenarbeiten. Für meinen Papa ist es ein großer Organisationsaufwand. Ich beneide ihn nicht, wenn er morgens um 6.30 Uhr aus dem Haus geht zu seiner Arbeitsstelle bei der Kreisverwaltung und erst abends wieder mit mir zusammen nach Hause kommt.

Seit über einen Jahr haben Sie beim LAZ eine eigene kleine Werfergruppe. Tauschen Sie sich da mit Ihrem Vater aus, wie das Training aussehen soll?

Die Trainingspläne mache ich mit Hanna Luxenburger zusammen. Aber natürlich frage ich meinen Papa mal: In welchem Umfang kann man das machen? Wir wollen die Gruppe an die meines Vaters heranführen. Vielleicht mache ich auch mal den Trainerschein. Aber ich glaube, ich will gar nicht in den absoluten Leistungsbereich. Mir macht es einfach Freude, den Kindern Spaß an der Leichtathletik zu vermitteln.

Ihre Familienverbundenheit hat dazu geführt, dass Sie zwar daheim ausgezogen sind, aber nur um die Ecke?

Stimmt. Im April bin ich mit meinem Freund zusammengezogen – in ein Haus neben dem meiner Eltern in Herschberg. Ich bin froh, dass es nicht ganz so weit weg ist. So kann auch mein Hund Benni jeden Tag ein bisschen bei uns sein.

Sie sind viel unterwegs. Wie schalten Sie ab vom Sport, bleibt noch Zeit für andere Hobbys?

Da ich so viel weg bin, versuche ich sonst so viel Zeit wie möglich mit der Familie und Freunden zu verbringen. Letzte Woche war ich bei meiner Schwester Michelle in Köln und dort mit ihr auf dem Weihnachtsmarkt. Auch Weihnachten sind wir alle zusammen bei meinen Eltern. Ansonsten backe ich mal ganz gerne. Jetzt am liebsten Spritzgebackenes, mit meiner Mama zusammen. Das ist typisch Hussong (lacht).

Sie hatten zunächst Sportwissenschaft studiert, dann umgesattelt auf Gesundheitsmanagement, weil sich das besser mit dem Leistungssport vereinbaren lässt. Da sind Sie jetzt im vierten Semester. Was sagen Sie Ihrer Oma, wenn die fragt: Kind, was wirst Du denn damit?

Der Studiengang hat mich schon immer interessiert. Das macht riesig Spaß. Ich bin super zufrieden und kann den Praxisanteil des Studiums bei meinem Verein LAZ Zweibrücken ableisten. Ich möchte später nicht in Richtung Fitness oder Physiotherapie gehen, sondern denke eher an einen Bürojob. Vielleicht bei einer Krankenkasse oder im Ministerium ...

Sie wurden Ende Oktober mit der Sportplakette des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen einen solche Ehrung?

Die haben ja für mich in der Staatskanzlei noch einen Extra-Termin gemacht, weil ich beim ersten nicht konnte. Das ist schon eine tolle Anerkennung für mich und schön zu sehen, dass auch Menschen außerhalb des Sports meine Leistungen sehen.

2018 steht vor der Tür. Wie sehen Ihre Pläne und Ziele aus?

Im Februar kommt das erste Trainingslager in Südafrika, im März wieder die Winterwurf-Challenge in Portugal, dann im April dort das nächste Trainingslager. Und im August ist die Heim-EM in Berlin. Da möchte ich natürlich gerne hin und am besten ins Finale. Klar ist: Irgendwann will ich bei einer WM, EM oder Olympia ganz oben aufs Treppchen. Das will ich noch mal erleben, weil ich seit dem Sieg bei der U23-EM weiß, wie schön das ist, mit Hymne und so.

Schauen Sie auch schon darüber hinaus? Wie lange wollen Sie noch Speerwurf betreiben?

Bis ich 30 Jahre alt bin auf jeden Fall, denke ich. Da sind dann die Olympischen Spiele in Paris, 2028 in Los Angeles wäre ich 34. Und bei den Spielen 2020 in Tokio bin ich auch vom Studium erst mal frei, weil ich 2019 meinen Bachelor machen will und nicht gleich den Master draufsetze.

Frau Hussong, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Zur Person: Christin Hussong

  • geboren am 17. März 1994
  • Familie: Papa Udo, Mama Gaby, Schwester Michelle, Oma Liesel, Freund Richard Gessner
  • Wohnort: Herschberg
  • Beruf: seit Herbst 2016 Studentin des Fachs Gesundheitsmanagement in Saarbrücken
  • Disziplin: Speerwurf
  • Trainer: Udo Hussong
  • Verein: LAZ Zweibrücken (seit Herbst 2012, zuvor TV Thaleischweiler)
  • Erfolge: U18-Weltmeisterin in Lille 2011, Silber U20-EM in Rieti, EM-Siebte 2014 in Zürich (Einstand Aktive), Deutsche U23-Meisterin 2015, U23-Europameisterin 2015 mit 65,60 Metern, WM-Sechste 2015 in Peking, Deutsche Meisterin 2016, EM-17. in Amsterdam, Zwölfte der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro und 16. der WM 2017 in London.
  • Bestweite: 66,41 Meter (Juni 2016, DM in Kassel).
Christin Hussong bei ihren ersten Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro.
Christin Hussong bei ihren ersten Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. (Foto: Kunz)
Los geht’s mit dem Schlagballwurf, hier 2004 als Zehnjährige beim Sportfest in Spesbach.
Los geht’s mit dem Schlagballwurf, hier 2004 als Zehnjährige beim Sportfest in Spesbach. (Foto: Archiv)
2009 schon längst mit dem Speer, damals noch für den TV Thaleischweiler.
2009 schon längst mit dem Speer, damals noch für den TV Thaleischweiler. (Archivfoto: Buchholz)
Zwischendurch immer auch mal mit der Kugel: Hussong 2013 bei den süddeutschen Hallenmeisterschaften in Frankfurt.
Zwischendurch immer auch mal mit der Kugel: Hussong 2013 bei den süddeutschen Hallenmeisterschaften in Frankfurt. (Archivfoto: Görlitz)
Ein starkes Gespann: Christin mit Papa und Trainer Udo nach dem Gewinn der Goldmedaille bei der U23-Leichtathletik-Europameisterschaft 2015 im lettischen Tallinn.
Ein starkes Gespann: Christin mit Papa und Trainer Udo nach dem Gewinn der Goldmedaille bei der U23-Leichtathletik-Europameisterschaft 2015 im lettischen Tallinn. (Foto: Hensel)
Gerne Vorbild: Christin ehrt 2013 Läufer beim Hügelstürmer-Crosslauf des LAZ Zweibrücken.
Gerne Vorbild: Christin ehrt 2013 Läufer beim Hügelstürmer-Crosslauf des LAZ Zweibrücken. (Foto: Jo)
Immer wieder gerne: Spaziergang mit Hund Benni.
Immer wieder gerne: Spaziergang mit Hund Benni. (Archivfoto: Steinmetz)
Auch Tränen gibt’s mal: Christin Hussong schwer enttäuscht nach ihrem Ausscheiden in der Qualifikation der Europameisterschaft 2016 im niederländischen Amsterdam.
Auch Tränen gibt’s mal: Christin Hussong schwer enttäuscht nach ihrem Ausscheiden in der Qualifikation der Europameisterschaft 2016 im niederländischen Amsterdam. (Archivfoto: Kunz)
Bilden derzeit die deutsche Speerwurf-Elite der Frauen: Christin Hussong (links) und die Leverkusener Ex-Weltmeisterin Katharina Molitor bei den Halleschen Werfertagen im Mai 2017.
Bilden derzeit die deutsche Speerwurf-Elite der Frauen: Christin Hussong (links) und die Leverkusener Ex-Weltmeisterin Katharina Molitor bei den Halleschen Werfertagen im Mai 2017. (Foto: Hensel)