Zweibrücken. LAZ-Stabhochspringerin Kristina Gadschiew befindet sich auf ihrer Abschiedstournee vom Leistungssport. In weniger als vier Wochen steht bereits das letzte große Meeting an, danach ist Schluss. Gemeinsam mit Merkur-Redaktionsmitglied Martin Wittenmeier hat die 31-Jährige auf Höhen und Tiefen ihrer Karriere zurückgeblickt und erklärt, warum die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro kein Thema mehr für sie sind.

Frau Gadschiew, Sie haben sich entschlossen, Ihre aktive Karriere als Stabhochspringerin diesen Sommer zu beenden. Verspüren Sie Wehmut, dass in wenigen Wochen endgültig Schluss ist?

Kristina Gadschiew: Nee, eigentlich nicht. Ich hab das ja selbst so geplant. Ein bisschen Wehmut ist nur dabei, weil es nicht so funktioniert, wie ich es gerne hätte.

Wie hätten Sie es denn gerne?

Gadschiew: Einfach, dass ich keine körperlichen und psychischen Probleme habe und mit Spaß an die Sache rangehen könnte. Momentan läuft es aber nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.

Wann stand Ihr Entschluss fest, dass in diesem Jahr endgültig Schluss ist?

Gadschiew: Eigentlich schon 2012, das wusste ich schon ziemlich früh. Durch den Achillessehnenabriss (Juni 2014; Anm. d. Red. ) wollte ich auch nicht früher aufhören, sondern hab mir gesagt: 2016 stehen noch die Olympischen Spiele an, die würde ich gerne noch mitnehmen. Aber wie es aussieht, hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt.

Die Olympischen Spiele in Rio sind also bereits abgehakt? Noch bleibt ja etwas Zeit, um die Norm für Rio (4,50 Meter) zu erfüllen.

Gadschiew: Für mich kommt das nicht mehr infrage. Selbst wenn ich irgendwie doch noch die 4,50m meistern sollte, fehlt mir einfach die Konstanz. Etwas anderes wäre es, wenn es sich stabilisiert und ich plötzlich wieder höher springe. Aber es bringt ja nichts, wenn ich einmal die Norm erfülle und dann wieder nur 4,15m oder 4,20m springe. Das wäre ja totaler Quark. Da sind mir die, die viel stabiler sind, weit voraus.

Steht schon fest, wann Sie das letzte Mal die Wettkampfbühne betreten werden?

Gadschiew: Bislang lautet der Plan, dass das Meeting in Jockgrim am 19. Juli mein Abschiedsspringen sein wird.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, was war Ihr größter Erfolg?

Gadschiew: Mein größter Erfolg war mit Sicherheit Paris. Aber wann war das noch mal? Weiß ich gar nicht mehr (lacht). Ich glaub’ 2011. Auf jeden Fall bin ich da Dritte bei der Hallen-EM geworden. Außerdem ist mir die Teilnahme an der Universiade 2007 in Bangkok in Erinnerung geblieben.

Was macht diese Universiade (Weltsportspiele der Studenten) so besonders?

Gadschiew: Das war meine erste internationale Meisterschaft und ich wusste eigentlich gar nicht, was das ist. Ich bin da einfach hingefahren, alles war locker und gechillt, und man wurde von keinem unter Druck gesetzt. Die haben mir einfach gesagt: „Mach einfach deinen Wettkampf. Wenn es gut ist, wird es auf jeden Fall veröffentlicht, wenn es schlecht ist, interessiert es hinterher niemanden“. Und ich hab’ mir gedacht: „Okay, das kann ich“. Ich hab bei dem Wettkampf keinerlei Druck verspürt. Am Ende bin ich sogar Zweite geworden, das hätte ich damals nicht gedacht. Und darauf konnte ich dann auch sehr gut aufbauen.

Bestimmt gab es in all den Jahren aber auch Rückschläge?

Gadschiew: Eine meiner größten Enttäuschungen waren die Deutschen Meisterschaften 2012, als ich mich nicht für die Olympischen Spiele qualifiziert habe. Danach bin ich richtig in ein Loch gefallen.

Apropos Rückschläge: Im Juni 2014 haben Sie sich die Achillessehne gerissen. Wie schwierig war es danach, sich noch einmal zu motivieren und zurückzukämpfen?

Gadschiew: Das war sehr schwer. Nach dem Achillessehnenabriss dachte ich, ich mache nie wieder Leistungssport. Das ging aber auch nur zwei Tage so (lacht). Dann habe ich mir gesagt: „Hey, du kannst vielleicht keinen Leistungssport mehr machen, aber du willst Sportlehrerin werden, und da wäre es sinnvoll, sich auf Trab zu halten“. Ich habe dann einfach versucht, mich körperlich dahinzubringen, wo ich vor der Verletzung war. Das war meine größte Motivation, wieder das alles machen zu können, ohne dass ich irgendwie eingeschränkt und normal belastbar bin. Außerdem hatte ich großen Rückhalt in meiner Familie, die mir immer gesagt hat, dass ich das schon wieder hinkriege. Und natürlich meine Trainingsgruppe, die immer für mich da war. Das hat mich motiviert, weiterzumachen und nicht aufzugeben.

Trotzdem hat die Verletzung bei Ihnen Spuren hinterlassen.

Gadschiew: Was danach bei mir nicht mitgewachsen ist, ist das Selbstvertrauen. Mit dem Achillessehnenriss ist auch irgendwas in mir kaputt gegangen. Dieses Selbstvertrauen kann ich momentan in keinster Weise aufbauen.

Inwiefern macht sich das beim Springen bemerkbar?

Gadschiew: Das ist wohl ein unbewusster Schutzreflex von meinem Körper, der sich sagt: „Ich hab’ keinen Bock, das ganze noch mal zu erleben“. Es macht sich bemerkbar, indem ich wirklich nicht abspringen kann, obwohl ich vom Kopf her weiß, dass ich bereit und fit dafür bin. Das belegen sogar die Werte. Ich bin im Lauf und in der Technik besser geworden, aber ich spring’ nicht ab. Und dieses Problem kannte ich vorher nicht. Es kommt natürlich mal vor, dass du etwas Schiss hast, aber du probierst es dann einfach. Und das ist bei mir völlig raus. Irgendetwas sagt mir unterbewusst: „Ne du, das passt gerade überhaupt nicht“.

Macht das Springen mit dieser Blockade überhaupt noch Spaß?

Gadschiew: Der Spaß geht natürlich ein bisschen verloren. Ganz ehrlich, wenn du das, was dir richtig Spaß macht – und das ist nun mal das Springen – nicht ausüben kannst, und es wirklich nur an dir liegt, dann ist das schon frustrierend. Ich denk’ mir dann nur „Warum?“ und versteh’ es einfach nicht. Es würde mir auch nichts ausmachen, niedriger zu springen.

Fällt es Ihnen in dieser Phase leichter oder schwerer, mit dem Stabhochsprung aufzuhören?

Gadschiew: Es fällt mir eher schwer, weil ich ein Mensch bin, der die Dinge gerne positiv beendet. Ich hab mir schon vor vier Jahren gesagt, dass 2016 Schluss ist und das zieh’ ich auch durch. Aber leider ist es nicht das Ende, das ich mir vorgestellt habe. Und natürlich fehlen mir die Olympischen Spiele. Ich war zwar bei Welt- und Europameisterschaften, aber bei Olympia halt nicht.

Sie sind seit 2000 beim LAZ Zweibrücken. Was bedeutet Ihnen der Verein?

Gadschiew: Das LAZ ist mir extrem wichtig, weil ich hier viele positive Aspekte erlebt habe. Zum einen ist in Zweibrücken alles familiär. Man hat seine kleine Trainingsgruppe und Leute um sich rum, die man tagtäglich sieht – also fast öfter als seine Familie. Theoretisch wohnst du hier. Es sind immer dieselben fünf, sechs Leute, und du musst dann auch lernen, damit klar zukommen. Aber wenn man sich damit arrangiert, macht es sehr viel Spaß. Das sind Konstanten im Leben, die deinen Weg begleiten und du stehst dann nie alleine da. Ein weiterer Vorteil ist, dass wir eine eigene Halle haben. Von den Topathleten hat jeder seinen eigenen Schlüssel und ich kann 24 Stunden am Tag trainieren, wenn ich Bock hab’. Deswegen bin ich auch nie auf die Idee gekommen, von hier wegzugehen.

Wie sieht es beruflich nach der aktiven Karriere aus? Gibt es schon Pläne, was Sie als Nächstes machen wollen?

Gadschiew: Ich hatte mich für August für ein Referendariat in Mainz, Koblenz und Daun beworben, das wurde aber abgelehnt. Ich weiß ganz ehrlich nicht, ob ich darüber so traurig bin, weil ich dann hätte umziehen müssen für anderthalb Jahre. Wirklich traurig wäre ich, wenn ich im Februar abgelehnt werden sollte. Dann wäre der Seminarraum Kaiserslautern und ich könnte hier wohnen bleiben.

Könnten Sie sich auch vorstellen, beim LAZ als Trainerin zu arbeiten?

Gadschiew: Ich glaub’, ich brauche zuerst mal ein bisschen Pause, damit ich das alles für mich gut abschließen kann. Aber wenn ich einen Ref-Platz in Kaiserslautern bekomme, könnte ich mir das wirklich gut vorstellen. Trainieren möchte ich sowieso weiter, um fit zu bleiben. Außerdem sind mir die Menschen hier ans Herz gewachsen, da kann ich nicht einfach sagen „Tschö, ich bin dann mal weg“.

Zum Schluss noch eine sportliche Frage: Wird man Sie jetzt häufiger auf den Fußballplätzen in der Region antreffen? Ihr Mann spielt ja in Hornbach.

Gadschiew: (lacht) Ich habe mir das mal eine Halbzeit angeschaut und dann zu meinem Mann gesagt: „Es tut mir leid, ich liebe dich, aber ich werde dir nicht beim Fußball zuschauen“. Das ist eine Sportart, mit der ich mich nicht identifizieren kann. Da wir doch nur der Ball von einem Kasten zum anderen katapultiert und zwischendurch bewegen sich Menschen. Das ist wirklich nichts für mich.

Zur Person

Kristina Gadschiew wurde am 3. Juli 1984 in Wassiljewka (Kirgisistan) geboren und wohnt derzeit in Hornbach. Seit 2000 startet die Stabhochspringerin für das LAZ Zweibrücken, wo sie von Andrei Tivontchik trainiert wird. Ihr größter sportlicher Erfolg war der Gewinn der Deutschen Hallenmeisterschaft 2013 in Dortmund mit überquerten 4,60 Metern. Bei der Hallen-Europameisterschaft 2011 in Paris belegte Gadschiew Rang drei. Ihre Bestleistung im Freien liegt bei 4.61 Metern, in der Halle bei 4,66 Metern. Gadschiew hat an der Technischen Universität in Kaiserslautern die Fächer Sport und Chemie studiert und ist angehende Gymnasiallehrerin.

Was die Zukunft wohl bringen mag? Für Kristina Gadschiew geht im Juli eine lange Karriere zu Ende. Danach möchte die 31-Jährige gerne als Lehrerin arbeiten, am liebsten in der Region.
Was die Zukunft wohl bringen mag? Für Kristina Gadschiew geht im Juli eine lange Karriere zu Ende. Danach möchte die 31-Jährige gerne als Lehrerin arbeiten, am liebsten in der Region. (Foto: pma)
Ein Karriere-Höhepunkt für Kristina Gadschiew: Bei der Hallen-Europameisterschaft 2011 in Paris gewann die LAZ-Athletin die Bronzemedaille.
Ein Karriere-Höhepunkt für Kristina Gadschiew: Bei der Hallen-Europameisterschaft 2011 in Paris gewann die LAZ-Athletin die Bronzemedaille. (Foto: dpa)