Nein, leere Zuschauerränge sind wahrlich keine Werbung für die Sportart Leichtathletik. Dass nachts um zwei Uhr, zur Geisterstunde also, Marathonläuferinnen oder Geher ohne motivierendes Publikum über die Strandpromenade trudeln – na gut, kann man durchgehen lassen. Aber ein fast leeres Stadion – das ist desaströs, das ist imageschädigend.

„Wir sind verdammt verwöhnt von London oder Berlin, den beiden letzten Großereignissen“, versucht sich Sprinterin Gina Lückenkemper an einer Aussage. Stabhochspringer Raphael Holzdeppe dagegen erinnert sich, dass das Moskauer Stadion 2013 beim Gewinn seines WM-Titels längst nicht ausverkauft war.

Zwischen den Ansprüchen des Emirats Katar, als Sportnation ganz groß herauszukommen, und der bange machenden Wirklichkeit des Desinteresses klaffen Lücken. Wie will denn Katar Olympische Spielen ausrichten (und das wird kommen), ohne die Begeisterung der überzeugten Massen im Rücken?

„Jeder kann sehen, dass dies hier ein Desaster ist“, beklagte Frankreichs Zehnkampf-Weltrekordler Kevin Mayer: „Die Tribünen sind leer.“

In der Tat: Ins kühle Khalifa-Stadion sind keine Menschen zu locken. Ein Drittel der 40.000 Zuschauer fassenden Arena ist abgedeckt worden, und die verbliebenen Sitzplätze sind nicht mal beim 100-Meter-Finale der Männer gefüllt. Dennoch herrscht eine gewisse gute Stimmung. Komisch. Nicht mal mit hochhausgroßen Werbebannern („Kaufe dein Ticket für die größte Sportveranstaltung des Jahres“) oder Freikarten konnten Einheimische zum Zuschauen bewegt werden. Da ist es im gegenüberliegenden Einkaufscenter Villaggio voller.

Ein Blick in die Fernseher zeigt: Fußball, Kricket, Kamelrennen laufen hoch und runter, für Leichtathletik-WM bleiben die Bildschirme in Katar schwarz. Offenbar keine Interesse.

Interessant sind aber Aussagen von Athleten, die weniger die Außenwirkung sehen, obwohl sie ja nun auch für sie immens wichtig ist, als eher ihren eigenen Fokus, der auf die Leistung gerichtet ist. „Es macht nichts, ob 100 oder 100.000 zuschauen“, meinte der US-Sprinter Justin Gatlin. „Wir wollen mit Stolz Leistung bringen und wir sind sicher, dies getan zu haben.“ Raphael Holzdeppe sagte: „Wenn die Leistung stimmt, macht es keinen Unterschied, ob ein Zuschauer da ist oder 10.000.“ Und Lisa Ryzih verdeutlicht: „Man ist immer einsam am Anlauf, egal ob 30 oder 3000 da sind“. Interessant.

Der Weltverband sucht händeringend nach neuen Wegen, seine 49 Disziplinen attraktiv zu verkaufen. Die schwachsinnige Idee, an Startblöcken Kameras anzubringen, um die „innovative Eventpräsentation“ zu erhöhen, wird ihm nicht helfen. Nein danke, das braucht kein Mensch! Die Welt ist auf Erklärungen des Weltverbandes nach dem Ende der WM gespannt.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
27.09.–06.10.2019 Weltmeisterschaften 2019 Doha (Katar)