Herschberg. Es ging schnell voran: Weltmeisterin mit 17, EM-Zweite mit 19, Europameisterin mit 21 und dann, 2015, bei den Frauen WM-Sechste und eben deutsche Meisterin. Die Speerwerferin Christin Hussong ist gerade mal 22 Jahre jung und hat schon das Olympia-Ticket nach Rio de Janeiro in der Tasche. Nur in einem Jahr, 2012, gab’s einen kleinen Knick, über den die Pfälzerin recht dankbar ist.

„In der Jugend denkt man immer, es kommt einem alles zugeflogen. Dabei ist alles harte Arbeit. Ich hatte mich nach dem U18-WM-Titel selbst unter Druck gesetzt, glaubte, dass alle von mir viel erwarten. Aber ich bin ja keine Maschine. Im Nachhinein bin ich recht froh,dass ich so früh gelernt habe, auch Rückschläge einzustecken“, sagt Christin Hussong.

„Es ist so schön, wenn man dem Speer zuschaut, wie er so fliegt.“

Ihr Blick ist nach vorne gerichtet. Gerade hat sie eine Wette verloren. Sie wusste nicht, dass die Qualifikation für das Speerwurf-EM-Finale am 9. Juli zwei Tage davor auf der Museumsplein stattfindet. Vor dem Van-Gogh-Museum, also außerhalb des Stadions. Daran sieht man, dass sie sich mit den Titelkämpfen nicht intensiv genug beschäftigt hatte. Nicht, bevor sie auf dem Meisterschaftspodium in Kassel stand.

Das passt zu ihr, wie dieses auch: „Ich wollte auf keinen Fall, dass meine Eltern einen Flug nach Rio buchten, bevor meine Teilnahme feststand“. Am Wochenende werden Gabi und Udo Hussong wohl buchen. Jetzt, da Christin mit dem Titel alles klar machte.

Die Beziehung zu ihren Eltern, aber auch zu ihrer sechs Jahre älteren Schwester Michelle ist intensiv. „Die Mama hält uns den Rücken frei“, sagt sie, „wenn Papa nicht so eine Frau hätte, ginge das alles ja gar nicht. Sie muss alles unterstützen. Wir sind ja oft unterwegs, da muss sie daheim alles in die Hand nehmen.“ Und der Papa? Er kam erst mit Christins erstem Trainingstag zur Leichtathletik, als sie mal mit Michelle mit ging und nie mehr los ließ. Mit 15 gewann sie den deutschen Meistertitel im Blockwettkampf. Er selbst war, wie seine Frau auch, Handballer, woraus Christin eben schließt: „Werfen konnten wir in unserer Familie schon immer.“

„Seine Stärke ist, dass er für Neues ziemlich offen ist. Er sucht für mich das Beste heraus. Er hat sich alles angehört, hat viel mit anderen Trainern gesprochen, in Büchern gelesen, war immer mit Bundestrainerin Maria Ritschel in Kontakt. Ich vertraue ihm einfach, er bringt mich topfit an den Start“, weiß Christin Hussong zu schätzen. Aber das meiste entscheiden sie zusammen: „Mein Gefühl, sein Gefühl? Ist eh meistens das Gleiche.“ Und wenn’s mal eine Meinungsverschiedenheit gibt, ist immer noch die Mama da ...

Für die Olympiasaison hat sie an der Uni in Saarbrücken nach dem fünften Semester in Sportwissenschaften ein Urlaubssemester eingelegt, ihr Zimmer dort aufgegeben und sich für die pfälzische Vorbereitungsvariante entschieden: wohnen daheim in Herschberg und trainieren am LAZ in Zweibrücken. Aber im Winter wird wieder studiert. „Wir Leichtathleten können vom Sport nicht leben, wir müssen an die berufliche Zukunft denken“, sagt sie.

Längst hat sie ihr Herz an den Speer verloren. „Es ist so schön, wenn man dem Speer zuschaut, wie er so fliegt. Wenn man von ihm nichts mehr sieht. Kein Flattern, nichts“, beschreibt sie den Idealfall, „man merkt schon beim Abwurf, ob man ihn richtig getroffen hat“. Aufregend sei das. Eine Kunst.

In den drei Wettkämpfen vor Kassel hatte nicht immer alles zusammengepasst, „es war immer okay, aber nie super“, aber in diesem ersten und zweiten Versuch von Kassel, da hatte sie alles in die richtige Reihenfolge gebracht. Beine, Oberkörper, Rumpf, Arm. Im Winter hatten die Hussongs viel an der Anlaufgeschwindigkeit gearbeitet. „Bevor ich loslaufe, denke ich höchstens an zwei Einzelheiten, etwa ‚Bleib groß vorne‘ oder ‚Mach Druck nach vorne‘, im Anlauf selbst darf man nicht mehr nachdenken, wenn man es tut ist es schon zu spät“, erzählt sie vom Automatismus des einstudierten Versuchs.

Christin Hussong ist sich bewusst, dass sie mit ihrem 66,41-m-Wurf die Konkurrentinnen geschockt hatte. Sie merkte, dass sie verkrampften. Gleichem will sie vorbeugen: „Ich will meine Leistung in Amsterdam und Rio stabilisieren, das wär schön“. Und schauen, welche Platzierung herauskommt.

Fragebogen: Ich über mich

  • Ich habe schon immer gerne ... Sportgemacht.
  • Ich habe noch nie ... einen Bungee-Sprung gemacht.
  • Ich kann am besten ... weitwerfen.
  • Ich kann überhaupt nicht ... singen.
  • Meinen größter Fehler ... habe ich noch nicht begangen.
  • Mein Hobby ... ist mein Hund.
  • Mein Bett ... ist das Schönste auf der Welt.
  • Mein Smartphone ... ist mein ständiger Begleiter.
  • Meine Lieblingsessen ... sind alle Nudelgerichte.
  • Mein Lieblingsgetränk ist ... Eistee.
  • Ich höre am liebsten ... Coldplay.
  • Ich lese gerade ... nichts.
  • Ich verreise nie ... ohne mein eigenes Kissen.
  • Ich glaube an ... mich selbst.
  • Mein Traum vom Glück ... ist eine gesunde und glückliche Familie.
  • Mein Motto ... Lebe deinen Traum und träume nicht dein Leben.
Hat immer den Blick nach vorne gerichtet, immer ein Ziel mit dem 600 Gramm schweren Speer vor Augen: Christin Hussong.
Hat immer den Blick nach vorne gerichtet, immer ein Ziel mit dem 600 Gramm schweren Speer vor Augen: Christin Hussong. (Foto: dpa)

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
18.–19.06.2016 Deutsche Meisterschaften 2016 Kassel (Deutschland)
05.–21.08.2016 Olympische Sommerspiele 2016 Rio de Janeiro (Brasilien)