Zweibrücken. Mit drei Sprüngen über 4,60 Meter, darunter die jüngste Bestleistung von 4,66 Metern beim Meeting in Potsdam, hat sich Stabhochspringerin Kristina Gadschiew vom LAZ Zweibrücken in die Position der zweitbesten deutschen Stabhochspringerin in dieser Hallensaison katapultiert. Merkur-Redakteurin Ulrike Otto sprach mit der 26 Jahre alten Hornbacherin über die Saison und die an diesem Wochenende anstehende Deutsche Meisterschaft in Leipzig (Sonntag, 11.15 Uhr).

Auf einen Blick

Gestern Nachmittag und damit einige Stunden nach dem Interview haben die Veranstalter der Deutschen Meisterschaft in Leipzig bekannt gegeben, dass Stabhochspringerin Silke Spiegelburg (Bayer Leverkusen) wegen eines grippalen Infekts am Sonntag nicht teilnehmen wird. Wie der Deutsche Leichtathletik-Verband aber mitteilte, wird die deutsche Rekordhalterin und Vize-Europameisterin vorbehaltlich eines Gesundheitsnachweises und einer Formüberprüfung im Training für die Hallen-EM nominiert. (dpa)

Die übersprungenen 4,66 Meter in Potsdam sind eine neue Bestleistung für Sie. Wie fühlte sich der Sprung an?

Kristina Gadschiew: Super. Obwohl es ein wenig komisch war, dort in einem Einkaufszentrum zu springen. Man ist auf einem Steg angelaufen, der ungefähr einen Meter hoch war. Aber es war toll, vor dem Publikum dort zu springen. Die Leute stehen nur einen Meter von dir entfernt und klatschen für dich. Ich musste nur immer aufpassen, dass ich ihnen nicht meine Stäbe an den Knopf knalle (lacht). Als ich die 4,55 Meter locker im ersten Versuch übersprungen hatte, hatte ich schon gewonnen. Der Veranstalter hat dann gefragt, ob ich 4,66 Meter springen will, weil das neuer Meetingrekord wäre. Als Siegerin konnte ich mir die nächste Höhe ja aussuchen und ich dachte, warum nicht 4,66 Meter. Der erste Versuch war nicht gut. Aber der zweite ging so einfach drüber, dass ich unten erst mal schauen musste, ob ich wirklich drübergesprungen bin. Ich habe mich so gefreut. Ich habe gewonnen und bin Meetingrekord und neue Bestleistung gesprungen.

Gewonnen in einem Einkaufszentrum – gab es dafür als Siegprämie wenigstens einen Einkaufsgutschein?

Gadschiew: Nein, leider nicht. Aber einen Pokal hab ich bekommen.

Kam die neue Höhe für Sie sehr überraschend?

Gadschiew: Also ich habe nicht damit gerechnet, dass ich so hoch springen werde. Beim Meeting in Karlsruhe habe ich mich bereits an den 4,66 Metern versucht. Als ich dann davor stand, dachte ich, das ist doch ganz schön hoch. Aber ich habe es einfach versucht. Ich dachte mir, ich habe nichts zu verlieren. Und dann war ich tatsächlich über der Latte. Das hat mich überrascht und plötzlich bin ich auf die Latte gefallen.

Sie haben sich in diesem Winter als deutsche Nummer zwei etabliert. Woher kommt das jetzt?

Gadschiew: Mein Ziel ist es momentan, die Lockerheit, die ich mir so schwer erarbeitet habe, zu behalten. Zu Beginn der Saison bin ich ganz locker 4,61 Meter gesprungen. Dann wollte ich mehr, wollte das stabilisieren und die Sprünge mehr kontrollieren. Daraufhin ging es mit meiner Leistung in den Keller. Jetzt will ich wieder mehr Spaß am Springen haben. Ich will, dass es leicht ist, dass es sich leicht anfühlt und für die Zuschauer auch leicht aussieht. Auch früher schon, wenn ich neue Höhen geschafft hatte, wollte ich diese weiter steigern. Und das hat sich dann ins Negative verkehrt, ich bin viel niedriger gesprungen. Aber ich musste das jetzt irgendwie retten.

Durch Lockerheit?

Gadschiew: Ich habe mir vorgenommen, meine Sprünge technisch zu verbessern. Im Winter ist die Technik besonders wichtig. Im Training verwenden wir weichere Stäbe und springen deshalb auch nicht so hoch. Es kommt mehr darauf an, dass der Anlauf und die Technik passen. Das muss ich jetzt auf den Wettkampf übertragen. Mit Kraft und Gewalt komme ich da nicht weiter.

Gab es da ein Schlüsselerlebnis?

Gadschiew: Meine Technik hatte sich von heute auf morgen verschlechtert. Mein Trainer Andrej Tivontchik und ich konnten nicht erkennen, woran das lag. Jetzt denke ich, dass ich verkrampft war, weil ich mehr wollte. Dann gab es ein Gespräch mit meinem Trainer. Er sagte mir, dass er mir das angesehen habe. Die Bewegung sei vorhanden, aber gezackt, als ob ich bei jeder Bewegung überlegen müsste. Es hat sehr geholfen, dass das jemand von außen angesprochen hat.

Und dann wurde es besser?

Gadschiew: Andrej Tivontchik wollte dann, dass ich in Karlsruhe starte. Es sagte, ich solle es einfach versuchen. Egal ob es gut werden würde oder nicht. Ich sollte nur flüssig springen. Er sagte, es müssen nicht jedes Mal super Sprünge dabei herauskommen. Und dann ging es plötzlich wieder und ich bin wieder 4,61 Meter gesprungen.

Das ist ganz schön hoch.

Gadschiew: Du stehst da und guckst nach oben. Und plötzlich macht es klick und du denkst: Das ist schon ganz schön hoch. Dann ist es eigentlich schon vorbei, dann klappt es nicht mehr. Jetzt denke ich mir nur noch: Ach komm, probier es einfach, tu dein Bestes. Die Höhe muss man dann einfach ausblenden. In Potsdam bin ich noch zwei Versuche bei 4,71 Metern gesprungen. Das hätte ich mir früher nie zugetraut.

Also sind Sie auch mutiger geworden?

Gadschiew: Nein, wie gesagt, es ist eher eine andere Einstellung. Ich habe mich von der Höhe entfernt und versuche, mich nur auf die Technik zu konzentrieren. Deshalb ist es in dieser Saison auch wieder besser geworden.

Bei der Deutschen Meisterschaft an diesem Wochenende geht es auch um die Teilnahme an der Hallen-Europameisterschaft vom 4. bis 6. März in Paris. Nur die drei Erstplatzierten werden nominiert, aber sieben Springerinnen haben bereits die Norm geschafft. Da ist der Druck für Sie doch sicher groß, oder?

Gadschiew: Wenn man bei einem Meeting nullt, ist das nicht schlimm, da geht es ja um nichts. Bei der DM jetzt wäre das schon schlimm. Aber ich nehme mir trotzdem das Gleiche vor. Auch wenn der Druck viel größer ist. Mal sehen, wie es funktioniert.

Aber die Hallen-EM ist schon das Ziel, oder?

Gadschiew: Ich versuche, das auszublenden. Ich will schon zur Hallen-EM. Aber ich will auch hoch springen. Aber mit Gewalt erreiche ich das nicht.

Sie sind derzeit die Nummer zwei in Deutschland hinter Silke Spiegelburg, deren Bestleistung von 4,76 Metern zehn Zentimeter höher ist als Ihre. Ist sie derzeit unschlagbar?

Gadschiew: Silke ist sehr stabil, sehr stark und springt seit drei, vier Jahren auf einem hohen Niveau. Ich kann nicht sagen, mit meinen drei Höhen über 4,60 Meter kann ich mithalten. Natürlich gebe ich mir Mühe, ob es reicht, muss sich zeigen. Aber ich will eigentlich erstmal nur meine Leistung steigern.

Haben Sie Glücksbringer für den Wettkampf?

Gadschiew: Ich trage immer Hello-Kitty-Socken. Aber sie sind kein richtiger Glücksbringer, eher eine Gewohnheit. Ich hatte sie an, als ich das erste Mal 4,50 Meter gesprungen bin. Danach habe ich sie immer wieder angezogen. Aber ich habe in den Socken auch schon genullt (lacht). Ich mag sie einfach, sie sind süß. Das ist mehr so eine Aufmunterungssache. Auch ein Armband habe ich immer dabei, das trage ich aber nicht während des Springens.

Die vergangenen drei Jahre waren sehr erfolgreich für Sie. Sie haben an der WM in Berlin 2009 teilgenommen, waren bei Hallen-WM und –EM, bei der Universiade haben Sie Medaillen geholt. Hat sich das auch endlich finanziell für Sie gelohnt.

Gadschiew: Leider nein. Ich bekomme Unterstützung von der Stiftung Deutsche Sporthilfe und habe schon länger einen Ausrüstervertrag mit Adidas. Sonst ist kein Sponsor in Sicht. Dabei wäre das Style Outlet in Zweibrücken doch so ein passender Sponsor für mich (lacht).
Gadschiew hat Lockerheit gesucht und gefunden
Lockerheit hat Kristina Gadschiew in dieser Hallensaison gesucht – und anscheinend auch gefunden. Foto: dpa