Merkur-Interview mit dem Staffel-Bronzemedaillengewinner der Paralympics von Sydney, Martin Horn

Zweibrücken. Wenn morgen die Paralympics, die Olympischen Spiel für Behinderte, in Peking beginnen, so gehört der Zweibrücker Martin Horn zu den aufmerksamsten Beobachtern. Der 38-jährige Athlet des LAZ Zweibrücken hat in Sydney 2000 eine Bronzemedaille gewonnen. Merkur-Redakteur Werner Kipper sprach mit dem Unterschenkelamputierten.

Welche Entwicklung haben die Paralympics genommen?

Horn: Das Medieninteresse für die Paralympics ist gewaltig gestiegen. ARD und ZDF berichten vom 6. bis 17. September fast 80 Stunden live von den Wettbewerben. Das ist echt geil.

Doch nicht nur das Medieninteresse hat sich gewandelt?

Horn: Im Gegensatz zu meiner Zeit sind heute auch die Strukturen bei den Behindertensportlern professioneller geworden. Das zeigt sich allein schon in der Trainingsintensität, die sich kaum von den Nichtbehinderten unterscheidet. Wer in der Spitze mitlaufen will, der muss schon fast Profi sein.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit den Paralympics 1996 in Atlanta und 2000 in Sydney?

Horn: Die Spiele von Sydney haben für mich den größeren sportlichen Stellenwert, da ich mit der 4 x 100-Meter-Staffel die Bronzemedaille gewonnen habe. Ich war der Startläufer mit Georg Meier, Markus Ehm und Reinhold Bötzel.

Wie wurde Ihr Erfolg bewertet?

Horn: Das LAZ Zweibrücken organisierte für mich unter dem mittlerweile verstorbenen Vorsitzenden Professor Dieter Kruber einen Empfang in der Fasanerie. Gleichzeitig erhielt ich vom Ministerpräsidenten Beck mit der „Silbernen Weintraube“ die höchste Auszeichnung für rheinland-pfälzische Sportler. Höhepunkt war aber die Verleihung des „Silbernen Lorbeerblattes“ durch den Bundespräsidenten Johannes Rau.

Konnten Sie Ihre Erfolge vermarkten?

Horn: Ich brauchte jedenfalls keinen Manager (lacht). Aufgrund meines Erfolges in Sydney, wo ich auch Neunter über 100 Meter in 12,19 Sekunden wurde, bekam ich Einladungen zu Einlage-Wettbewerbe beim Golden League in Monaco, Brüssel, Köln, Mailand, Madrid und San Diego sowie den Good-Will-Games in New York. Einige Kleinsponsoren in Zweibrücken haben mich unterstützt. Doch das hat weitestgehend nur meine Kosten gedeckt.

Wurden Sie gefördert?

Horn: Als A-Kader-Athlet erhielt ich rund 120 Mark pro Monat, und bei den Trainingslagern und Auslandsreisen hat mich das LAZ unterstützt.

Welche Rolle spielte der Sport nach Ihrer Beinverletzung?

Horn: Der Unfall am 6. September 1988 hat alle Pläne, Profi-Fußballer zu werden, über den Haufen geworfen. Doch ich habe nach meiner als Behindertensportler eine Selbstbestätigung gefunden, habe meine ganze Energie in den Sport investiert. Das war gut für meine Psyche.

Wie oft und mit wem haben Sie trainiert?

Horn: Das Training eines Behindertensportlers unterscheidet sich kaum von dem eines Nichtbehinderten. Ich habe fast täglich im Westpfalzstadion unter Karl-Heinz Werle trainiert.

Ist dieser Trainingsaufwand auch der Öffentlichkeit bekannt?

Horn: Wer sich intensiv mit der Leichtathletik beschäftigt, der kennt die Trainingsumfänge eines Behindertensportlers sehr genau und kann die Leistung auch einordnen. Doch der Großteil der Öffentlichkeit geht immer noch etwas auf Distanz. Diese Mitleidstour wird unseren Leistungen nicht gerecht.

Wo lag Ihr Leistungszenit?

Horn: Ab 1994, als ich erstmals Deutscher Meister in 13,42 Sekunden über 100 Meter wurde und anschließend vier Mal den Titel verteidigte. 1998 steigerte ich meine Bestzeit auf die Europarekordmarke von 11,90 Sekunden. Damit war ich unter den besten Fünf der Welt.

Wann haben Sie mit dem Leistungssport aufgehört?

Horn: Nachdem ich mich nicht für die Paralympics in Athen 2004 wegen meiner Schichtarbeit qualifizieren konnte.

Wo sind die Leistungen der Behindertensportler einzureihen?

Horn: Im Sprintbereich der Unterschenkelamputierten von 100 bis 400 Meter sind die Leistungen mit denen der Frauen im Finale bei der Olympiade in Peking zu vergleichen.

Welche Disziplinen sehen Sie sich bei den Paralympics an?

Horn: Vordergründig schaue ich mir die Leichtathletik-Wettbewerbe an. Da kenne ich noch einige Sportler. Am meisten berühren mich die Siegerehrungen mit den Hymnen. Da werden Erinnerungen an Sydney wach. Da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter.
Der unterschenkelamputierte Martin Horn vom LAZ Zweibrücken
Der unterschenkelamputierte Martin Horn vom LAZ Zweibrücken gehörte 1998 zu den fünf besten Sprintern der Welt. Foto: pma

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
19.–29.10.2000 Paralympics 2000 Sydney (Australien)