Hornbach. „Dieses Weihnachtsfest wird ganz bestimmt anders.“ Lebendiger und unruhiger. Kristina Gadschiew jedenfalls, die inzwischen Radke heißt, ist voller Vorfreude. Christbaum, gutes Essen, Geschenke, all das bleibt wie gehabt. Aber der kleine Larus, der in der Christnacht sieben Wochen alt wird, bereichert inzwischen das Familienleben der Radkes. Morgen wird er zum Mittelpunkt des Festes.

Es war keine leichte Geburt an diesem 7. November, aber die ehemalige Stabhochspringerin Kristina Radke, geborene Gadschiew, hat all die Wehen vergessen. Der kleine Larus wächst und gedeiht, hat viel Hunger und macht manche Nacht zum Tag. „Aber er ist gesund und munter“, erzählt die 33 Jahre alte einstige Weltklasseathletin, die beim Stabhochsprung-Meeting 2016 in Jockgrim mit einem Sprung über 4,03 Meter ihre mit einigen internationalen Top-Ten-Ergebnissen gespickte Karriere beendete.

Die Hallen-EM-Dritte von 2011, deren Bestleistung bei 4,66 Meter steht, war nach einem Achillessehnenabriss 2014 nur beschwerlich wieder auf die Sprunganlage zurückgekehrt. Folgerichtig setzte sie nach dem Abschluss des Lehramtsstudiums (Chemie, Sport) auf Beruf und Familie. Ihr derzeit unterbrochenes Referendariat wird sie nach den Sommerferien im August 2018 im Zweibrücker Hofenfels-Gymnasium fortführen. „Das habe ich mit meinem Mann schon so abgesprochen. Wir haben uns das ein bisschen aufgeteilt, ich will ja nicht zu lange raus sein aus dem Referendariat“, sagt sie. Robert Radke ist selbstständig in der Automobilbranche tätig.

Ihr Tagesablauf hat sich mit Larus natürlich grundlegend verändert. Vor kurzem war sie mal wieder für eine knappe Stunde in der LAZ-Halle, wo sie früher fast täglich trainierte. Alle einstigen Mitstreiter in der Trainingsgruppe wollten mit ihr palavern, „aber ich hatte echt nicht viel Zeit, musste gleich wieder zum Stillen“, sagt sie. Der Sport, das Fitnesstraining fehlen ihr momentan total, etwa das Krafttraining und das Schwimmen, das sie nach ihrem Laufbahnende und vor der Schwangerschaft regelmäßig durchzog. Abgerissen sind zumindest die sozialen Kontakte zu den LAZ’lern aber nie, und Kristina Radke wird auch wieder mehr sporteln. Demnächst, wenn Larus mitspielt. Ganz sicher.

Der Leistungssport hat über zehn Jahre ihr Leben bestimmt. Deutsche Meisterin war sie, bei Welt- und Europameisterschaften vorne platziert. „Ich könnte nicht sagen, dass mir nichts fehlt. Der Leistungssport war irgendwie ideal. Diese Ziele, die ich da hatte, zum Beispiel eine Norm zu erfüllen.“ 4,50 Meter waren so eine Marke, an der sie sich oft orientierte und die sie erreichen wollte. „Ein messbarer Wert. Ich habe immer gerne gewusst, was zu tun ist. Das ist jetzt anders, jetzt ist vieles neu“, denkt Kristina Radke über die neue Taktung in ihrem Leben nach.

Gedanklich hat sie sich vom Leistungssport noch nicht getrennt. Was sie im Zuge der Leistungssportreform des Deutschen Olympischen Sportbundes hört, sieht sie mit Recht sehr kritisch. „Das Fördersystem war früher viel besser, gerade was die Kaderzugehörigkeit betrifft. Wenn man im B-Kader war, konnte man einigermaßen gut unterstützt trainieren. Ich glaube, ich wäre heutzutage ein Opfer des neuen Systems, könnte meinen Sport nicht mehr ausüben“, sagt eine, die mal Weltspitze war.

Am Ende der Reform sollen, so will es der Bundesinnenminister, mehr Medaillen für Deutschland eingefahren werden. Wer nicht schon in frühen Jahren als Talent mit Potenzial auffällt, fällt dagegen durch das Raster der Förderung. „Die Jugend ist heute nicht mehr so, dass sie kämpft und länger durchhält. Wenn’s gerade mal nicht so läuft, dann hören sie auf“, gibt Kristina Radke, die immer schon ein kritischer Geist war, zu bedenken. Außerdem: Viele Eltern wollen als Sponsoren gar nicht einspringen, können sich den Sport ihrer Kinder überhaupt nicht leisten, wenn die Förderung kürzer gefahren wird.

Mit etwas Abstand zum Leistungssport und mit neuem privaten Glück wird die Hornbacherin dieses erste Weihnachtsfest als Mutter mit großer Freude feiern. Im Kreise der Familie, in der sich sicher alles um den kleinen Larus dreht.

Stolze Eltern: Robert und Kristina Radke mit Sohn Larus.
Stolze Eltern: Robert und Kristina Radke mit Sohn Larus. (Foto: Steinmetz)