Kassel. Die Spannung war schon nach ihrem zweiten Versuch auf 66,41 Meter abgefallen – die Erleichterung brach erst durch, als sie ihrem Vater und Trainer Udo in den Armen lag. Christin Hussong kämpfte mit Freudentränen. Die 22-jährige Studentin vom LAZ hat gestern in Kassel ihren ersten Meistertitel bei den Frauen gewonnen und das Olympiaticket nach Rio gelöst.

„Ich dachte nur noch, reiß dich irgendwie zusammen – falls eine doch noch weiter wirft, dass du da noch mal dran kommst“,erzählte sie später. Christin Hussong wusste die ganze Saison über, dass sie gut drauf ist. In Kassel zeigte sie nun, was sie im Training gelernt hat. „Wir haben hart gearbeitet, sie hat sich technisch enorm verbessert, sie ist im Anlauf schneller geworden. Das alles hat sie heute gezeigt“, sagte Udo Hussong stolz. Und gab zu: Sie war den ganzen Tag sehr nervös. Wie Christin Hussong erzählt, hatte sie schon gleich beim Abwurf gewusst, dass der Speer weit rausfliegen werde. „Aber so weit – nein, das dachte ich nicht.“ Es war auch ihr einziger richtig weiter Wurf. Zwei blieben unter 60 Metern, zwei waren ungültig. Udo Hussong: „Der Wind blies ganz schön rein, es war schwer.“

Dabei hatte das LAZ am Samstag, am ersten Tag der deutschen Meisterschaften, mit Hiobsbotschaften von sich reden gemacht. Titelverteidiger Raphael Holzdeppe sagte seinen Stabhochsprung ab, Sprinterin Sina Mayer brach schon nach dem Vorlauf ab.„Es ist schade,da ich mich sehr auf die Meisterschaften gefreut habe“, hatte Holzdeppe auf Facebook geschrieben. Auf der Zuschauertribüne während des Frauen-Wettbewerbs war seine Absage Gesprächsthema. Oberschenkelprobleme wurden als Gründe genannt. DLV-Teammanager Siegfried Schonert: „Sein Zustand ist zufriedenstellend, aber nicht hundertprozentig. Es gibt leichte muskuläre Irritationen. Er wollte kein Risiko eingehen.“ „Dennoch gehe ich die folgenden Wochen positiv an, da die Qualifikation für Rio noch nicht abgeschlossen ist“, bleibt Holzdeppe optimistisch. Der verletzte Daniel Clemens hatte gar nicht erst gemeldet.

Auf der Tribüne schaute sich Kristina Gadschiew die Entscheidung zwischen Martina Strutz und Lisa Ryzih an. Mit drei ungültigen Versuchen war sie an ihrer Anfangshöhe von 4,20 Metern gescheitert, ebenso wie Trainingskollegin Silke Spiegelburg bei 4,30 Metern. „Mir geht es jetzt gut. Ich habe heute gemerkt, dass meine Zeit vorbei ist. Ich wollte das aber direkt bei einer deutschen Meisterschaft spüren“, sagte die bald 32-Jährige. Ihr Karriereende ist beschlossen. „Ein paar Springen noch, das ist Schluss“, sagte sie am Samstag.

Sina Mayer hatte vom Finale über 100 Meter geträumt. Aber die drittschnellste Vorlaufzeit gab nicht die Wahrheit wieder: Nach 70 Metern spürte Mayer einen Stich in ihrem lädierten Fuß und rettete sich unter Schmerzen ins Ziel. 11,56 Sekunden bei starkem Gegenwind (1,2 m/s) waren gar nicht schlecht. Nur – sie konnte danach definitiv nicht weiter laufen. „Ich bin wahnsinnig enttäuscht“, sagte sie. Nun muss sie ihre Verletzung auskurieren lassen.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
18.–19.06.2016 Deutsche Meisterschaften 2016 Kassel (Deutschland)