Merkur-Interview mit Jens Werrmann, Hürdensprinter des LAZ Zweibrücken – Zwei Jahre Verletzungspause

Zweibrücken. Der Selbstmord von Nationaltorhüter Robert Enke hat viele Fragen aufgeworfen, wie Spitzensportler mit dem persönlichen Druck und der Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit umgehen. Merkur-Redakteur Werner Kipper sprach mit dem Hürdensprinter des LAZ, Jens Werrmann, der rund zwei Jahre verletzt war.

Wie sehr hat Sie der Selbstmord von Robert Enke berührt?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Ich muss gestehen, dass mich der Tod von Robert Enke sehr mitgerissen hat. Ich habe diese schlimme Nachricht im Auto erfahren. Aber nie hätte ich an Suizid gedacht. Und das nur, weil er davor zurückschreckte, seine Krankheit der Öffentlichkeit preiszugeben. Ich finde es sehr traurig, dass die Öffentlichkeit auf so eine Art und Weise wachgerüttelt werden musste, um zu begreifen, dass Sportler auch nur Menschen mit all ihren Schwächen sind. Robert Enke hat ein Zeichen für uns alle gesetzt.</blockquote>

Können Sie verstehen, dass sich der Nationaltorhüter nicht zu seiner Krankheit in der Öffentlichkeit bekannt hat?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Das muss ich bejahen. Denn viele Fans haben in den letzten Jahren mit Unverständnis auf das abrupte Karriereende von Sebastian Deislers oder Sven Hannawald reagiert. ohne die wahren Hintergründe zu kennen. Mittlerweile ist bekannt, dass diese beiden herausragenden Sportler den richtigen Schritt zur richtigen Zeit getan haben. Ich empfinde Hochachtung für diese weitreichenden Entscheidungen.</blockquote>

Müssen Sie als Leistungssportler in der Öffentlichkeit schauspielern?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Nicht schauspielern, aber sicherlich werden nicht alle Details preisgegeben und private Dinge nicht in die Öffentlichkeit gebracht.</blockquote>

Welchen Stellenwert nimmt bei Ihnen der Sport ein?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Der Sport ist mein Leben, meine persönliche Berufung und mein Beruf zugleich. Schließlich werde ich von der Bundespolizei für meine sportliche Leistung bezahlt und damit gefördert. Allerdings gilt es auch, andere Prioritäten zu setzen. Die Familie ist für mich ganz wichtig. Sie gibt mir immer den nötigen Rückhalt, auch wenn es mal nicht wunschgemäß läuft.</blockquote>

Sie waren fast zwei Jahre verletzt. Haben Sie verschiedentlich Selbstzweifel geplagt?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Selbstverständlich. Meine Familie hat mir oft gesagt, dass ich unerträglich gewesen bin. Mir hat einfach ein ganz großer Inhalt meines Lebens gefehlt. Ich war unausgeglichen und somit oft unzufrieden. Diese Enttäuschung hat sich in viele Bereiche verlagert.</blockquote>

Welche Gefühle haben sie bewegt, als Ihnen in diesem Jahr wieder der Sprung in die deutsche Spitze gelungen ist?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Es war einfach nur Genugtuung, Denn ich habe in diesen zwei Jahren trotzdem immer hart trainiert und das trotz großer Schmerzen. Meine Ergebnisse in der vergangenen Saison mit meiner neuen Bestzeit von 13,51 Sekunden haben mir gezeigt, dass sich all meine Anstrengungen gelohnt haben. Es ist ein tolles Gefühl, wieder ganz oben zu sein.</blockquote>

Haben Sie Ihre öffentliche Wahrnehmung während Ihrer Verletzung vermisst?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Teilweise vermisst, teilweise aber auch gehasst. Besser denn je habe ich in dieser Zeit die Schwarz-Weiß-Malerei der Öffentlichkeit kennengelernt. In guten Zeiten wird man in den Himmel gehoben, in schlechten Zeiten bekommt man noch ein schlechtes Image. Die Hintergründe für diesen Tiefpunkt werden viel zu wenig hinterfragt und deshalb oft irreführend bewertet.</blockquote>

Wer hat Ihnen in dieser Phase den größten Rückhalt gegeben?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Meine Freundin und alle übrigen Familienmitglieder haben mir den Rücken gestärkt. Besonders wichtig war der Zuspruch meiner Trainer, meines Physiotherapeuten und meiner Ärzte. Sie alle haben an mich geglaubt, haben mich aufgebaut.</blockquote>

Haben Ihnen das LAZ und der DLV während Ihrer Auszeit das Gefühl gegeben, dass Sie noch dazugehören?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Das LAZ auf jeden Fall. Doch der DLV hat sich nicht so groß bemüht, wobei ich hier meinen Bundestrainer Idriss Gonschinska ausklammern muss. Ich bin ohne Leistung 2008 sogar in den B-Kader nominiert worden. Das hat meiner Motivation und meinem Ehrgeiz einen zusätzlichen Motivationsschub gegeben.</blockquote>

Haben Sie schon einmal Versagensängste geplagt?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Am Anfang der Saison wusste ich gar nicht, wo ich stehe. Da habe ich mir schon Sorgen um meine sportliche Zukunft gemacht. Ich habe mich gesorgt, wie die Leute und die Presse reagieren, wenn es nicht so gut läuft. Ich habe mir schon ausgemalt, wie die Schlagzeilen lauten könnten. Doch alle Bedenken haben sich mittlerweile in Luft aufgelöst.</blockquote>

Brauchen Leistungssportler psychologischen Beistand?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Man kann es nicht verallgemeinern, aber ich würde trotzdem sagen im Großen und Ganzen ja. Auch ich hatte 2008 psychologische Betreuung und muss gestehen, dass ich damit sehr gute Erfolge erzielt habe. Ab einem gewissen Leistungsniveau lastet schon ein enormer Druck auf den Athleten. Es ist nicht immer leicht, mit einem solchen Druck umzugehen. Die Sportpsychologen wissen jedoch, wie man diese Baustellen ganz gut meistern kann.</blockquote>

Glauben Sie, dass die Öffentlichkeit durch Robert Enke mehr Verständnis für den Menschen hinter dem Sport aufbringt, oder sind das nur Lippenbekenntnisse, Momentaufnahmen?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Ich glaube, beziehungsweise hoffe, dass die Öffentlichkeit künftig mehr Verständnis aufbringen wird. Wir Sportler sind nämlich keine Roboter. Wir machen Fehler, haben Probleme und verspüren einen enormen Druck. Der Leistungsdruck ist enorm. Sponsoren, Vereine, Zuschauer und die Presse wollen immer Top-Ergebnisse sehen. Es ist schwer, im nationalen und internationalen Leistungsvergleich zu bestehen. Ich wünsche mir, dass in Zukunft auch Verlierer als Gewinner dastehen.</blockquote>

Wie verarbeiten Sie in der Regel Niederlagen?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Ich verarbeite Niederlagen ganz persönlich, ohne groß darüber zu lamentieren. Ich bin in dieser Phase sehr in mich gekehrt, denke sehr viel nach, bin kaum ansprechbar. Ich versuche gleichzeitig, die Fehler persönlich zu analysieren, nach Lösungen zu suchen. Niederlagen machen mich persönlich aber stark.</blockquote>

Hilft es Ihnen, dass Sie sich beruflich bei der Bundespolizei ein zweites Standbein geschaffen haben?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Mein Beruf bei der Bundespolizei ist mein erstes Standbein. Schließlich bin ich mir darüber im Klaren, wie die beiden Seuchenjahre gezeigt haben, dass meine Karriere als Sportler von einer Sekunde auf die andere zu Ende sein kann. Dann kann ich sofort in meinen erlernten Beruf umsteigen. Das gibt mir eine große Sicherheit. Das ist einfach ein tolles Gefühl.</blockquote>

Nach außen hin sind Sie der Sonnyboy. Ist dies auch ein Spiegelbild ihrer seelischen Verfassung?

<blockquote><strong>Werrmann:</strong> Wenn Sie das so sagen, dann ja! Wobei ich nicht behaupten würde, dass ich ein Sonnyboy bin. Aber wenn es mir gut geht, sieht und spürt das jeder in meinem Umfeld. Schlechte Laune, was sehr, sehr selten vorkommt, merkt man mir gar nicht an. Dann bin ich nur etwas ruhiger und zurückhaltender. Allerdings spürt meine Freundin sofort, wenn es mir seelisch nicht ganz so gut geht.</blockquote>
Jens Werrmann darf sich nicht unterkriegen lassen
Jens Werrmann hat sich auch in kritischen Phasen seiner sportlichen Karriere nicht unterkriegen lassen. Foto: voj