Ein Bilderbuchsprung über 5,94 Meter. Ein Jubel wie von der Tarantel gestochen. Ein völlig gelöster Raphael Holzdeppe. „Wie in alten Zeiten“, sagte Rita Holzdeppe, die Mama. Wer könnt es besser wissen als sie. Am ehesten noch Trainer Andrei Tivontchik, der nach Holzdeppes erstem Meistertitel in Nürnberg erst mal raus musste aus dem Stadion, raus aus dem Trubel, um die Emotionen zu verarbeiten.

Nürnberg. Tivontchik, der Olympiadritte von 1996, hat unglaublich viel Geduld bewiesen. Er hatte es hingenommen, als Holzdeppe im Herbst 2012, nach Olympiabronze in London, zwar dem LAZ Zweibrücken treu blieb, aber nach München zu Trainer Chauncey Johnson wechselte. Und er war die Ruhe selbst, als er den zurückgekehrten Holzdeppe im Herbst 2014 nach einem schwachen Jahr wieder aufbaute. „Andrei hat zum richtigen Zeitpunkt alles richtig gemacht. Ich bin froh, wieder zuhause zu sein“, sagte Holzdeppe am Sonntag nach seinem Sieg. 5,60 und 5,70 Meter überflog er und hatte seinen ersten Meistertitel in der Tasche, als er 5,94 Meter auflegen ließ. Der 21 Jahre alte Kanadier Shawnacy Barber war am Tag zuvor in London 5,93 Meter gesprungen, als der Franzose Renaud Lavillenie 6,03 Meter überflog, „und ich wollte wieder die Nummer zwei der Welt sein“, begründete der 25 Jahre alte Zweibrücker die gewählte Höhe. Es war ein ganz besonderer Tag für ihn, denn dreimal war er Zweiter bei einer „Deutschen“, was ihn immer gewurmt hatte. Er gestand aber auch: „Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich wieder lieber erst Weltmeister und dann deutscher Meister werden“.

Er sprach von großer Genugtuung. Für den Außenstehenden sei es schwer zu verstehen, dass der Athlet fühlt „auf dem richtigen Weg zu sein, aber halt noch drei, vier Monate fehlen, an denen man an sich arbeiten kann. Wenn man nullt oder 5,50 Meter springt und sagt, in drei Monaten geht’s viel höher, heißt es dann gleich, der hat eine große Klappe“.

Holzdeppe hat verinnerlicht, dass zu einer Entwicklung immer gute Jahre und schlechte Jahre gehören. „Wer weiß, ob das vergangene Jahr, in dem es nicht lief und die Entwicklung in diesem Moment eine rückwärtige war, nicht doch gut für die Zukunft gewesen ist“, sagte Holzdeppe. Und: „Für mich persönlich zählt immer nur das, was ich fühle“.

Er schrieb geduldig Autogramme und sah sich zweimal auf dem Video den ersten Versuch über 6,02 Meter an. „Der Sprung war gut, aber irgendwie war nach den 5,94 die letzte Motivation so ein bisschen raus“, gab er zu. Es wäre deutscher Rekord gewesen. Vielleicht greift er ihn am 5. August in Jockgrim erneut an. Oder in Peking oder nach der WM in Zürich beim Springen in einem Bahnhof. Es ist mal was anderes. Holzdeppe hat nur einen Wunsch: „Ich hoffe, dass keine Züge fahren.“ Ein Scherzbold ist er also auch, der Weltmeister.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
25.–26.07.2015 Deutsche Meisterschaften 2015 Nürnberg (Deutschland)