Leichtathletik: Er hat ein bewegtes Jahr hinter sich – nach 2012 mit Olympia-Bronze und 2013 mit dem WM-Titel diesmal aber ohne große sportliche Höhepunkte. LAZ-Stabhochspringer Raphael Holzdeppe musste sowohl die Hallen- als auch die Freiluftsaison wegen Verletzungen frühzeitig absagen. Räumlich bewegt hat er sich trotzdem: Seit Oktober trainiert der 25-Jährige wieder in Zweibrücken bei Andrei Tivontchik.

Herr Holzdeppe, Anfang Oktober hatten Sie vor Ihrem Umzug von München einerseits gesagt, Sie hassen umziehen. Andererseits wollten Sie das unbedingt einmal im Leben selbst machen. Wie ist der Konflikt ausgegangen?

Ich hab’s gemacht (lacht). Es war schon viel Arbeit im Vorfeld, ich hab’ ganz viel ausgemistet. Dann haben wir einen Lkw gemietet und den ganzen Kram im Oktober in einem Rutsch selbst hierher gefahren.

Sie sind aber von München nicht wieder zurück in Ihre Heimatstadt Zweibrücken gezogen?

Nein. Aus einer Großstadt wie München wieder zurück nach Zweibrücken zu ziehen, da wäre mir der Unterschied doch etwas zu groß gewesen. Ich habe mir dann in Saarbrücken einige Wohnungen angeschaut, eine in St. Arnual ist es letztlich geworden. Da wohne ich zusammen mit meiner Freundin, der Weitspringerin Sosthene Moguenara. Saarbrücken ist ja nah an Zweibrücken dran, die Fahrerei zum Training ist schon okay. Und in München musste ich ja auch 15 bis 20 Minuten fahren, wenn ich irgendwohin wollte.

Sie haben mal gesagt, Sie wollten unbedingt einmal in einer Großstadt leben. Nach Olympia 2012 haben Sie Ihre Zelte hier abgebrochen und sind nach München zur dortigen Trainingsgruppe von Chauncey Johnson gewechselt. Was war der Grund, jetzt wieder zurückzukommen?

Das Sportliche war nicht das allein Ausschlaggebende, ich war zufrieden in München. Langweilig war es dort nicht, ich war durch den Sport sowieso viel unterwegs. Aber ich hatte mir auch vorgenommen, da und da hinzugehen und mir was anzuschauen – und dann doch nur einen Bruchteil davon gesehen. Das kann ich auch machen, wenn ich nur zu Besuch bin. Und der Großteil meiner Familie und meiner Freunde lebt eben hier in der Region. Ich bin jetzt zufrieden hier und habe schon vor, erst mal eine Zeit lang hierzubleiben.

„Das Gefühl für das Springen geht in Pausen etwas verloren. Ich muss akribisch arbeiten.“

Sie sprechen das Sportliche an: 2013 war für Sie als Stabhochspringer ein schwieriges Jahr. Sie mussten sowohl die Hallen- als auch die Sommersaison frühzeitig abbrechen, konnten zum Saisonhöhepunkt bei der Europameisterschaft in Zürich nicht antreten.

So extrem wie im abgelaufenen Jahr habe ich das auch noch nicht gehabt. Es waren keine großen Verletzungen wie zum Beispiel der Achillessehnenriss bei Kristina Gadschiew. Aber es haben immer wieder Kleinigkeiten ins geplante Programm reingefunkt. Und ich wollte dann eben nicht halbfit weitermachen oder mich stärker verletzen. Die Pausen waren meist Vorsichtsmaßnahmen, um die großen Ziele, die WM 2015 in Peking und die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro, nicht zu gefährden.

Haben Sie in der Zeit gelernt, genauer auf die Signale Ihres Körpers zu hören?

Man lernt das schon mit der Zeit. Ab einem gewissen Punkt weiß man einfach, was zu tun ist. Ich will immer eine gute Leistung abliefern, und wenn ich das Maximale nicht abrufen kann, muss ich kürzer treten. Das hat auch nichts mit dem Stellenwert eines Weltmeisters zu tun, den natürlich alle gerne springen sehen.

Die langen Pausen haben sich auch körperlich ausgewirkt?!

Ja, das Gefühl für das Springen geht einfach etwas verloren. Normalerweise macht man ja 60 bis 80 Trainingssprünge pro Woche. Wenn das nicht geht, verliert man immer was. Es ist nicht so viel, dass man es nicht wieder aufholen könnte. Aber ich muss ganz akribisch arbeiten, damit bis zur Sommersaison wieder alles passt.

Seit Oktober trainieren Sie wieder mit Ihrem alten Trainer Andrei Tivontchik zusammen. War das ein nahtloses Anknüpfen an alte Zeiten oder hat sich das Duo Athlet-Trainer neu justiert?

Wir haben schon vor meinem Wechsel zusammengesessen und miteinander gesprochen. Ich habe gesagt, was ich am Training in München und auch in Zweibrücken gut fand und was nicht. Und aus beiden Sichtweisen haben wir das dann zu einem großen Ganzen vereint.

Sie wollten in München auch mal eine andere Trainingsgruppe sehen, mehr Konkurrenz spüren. Wie ist es zurück in der LAZ-Gruppe?

Ich trainiere jeden Tag mit Daniel Clemens zusammen. Der entwickelt sich gut. Ich denke, dass er in diesem Jahr eine neue Bestleistung springen kann. Und es ist ganz wichtig, eine gute Trainingsgruppe zu haben, die einen auch mitzieht. Denn auch im Leistungssport gibt es immer wieder Tage, wo man mal keinen Bock auf Training oder eine bestimmte Trainingsform hat.

„Im Moment bin ich, was meine Leistung angeht, geschätzt bei 80 bis 82 von 100 Prozent.“

Am 3. Januar wollen Sie bei einem Meeting in Merzig im Zelt Ihren ersten Wettkampf seit einem halben Jahr absolvieren. Wie weit sind Sie, wenn Sie sich leistungsmäßig auf einer Skala von 1 bis 100 einschätzen müssten?

Ich würde sagen, bei 80 bis 82 Prozent. Das Pensum hatten wir dafür aber nicht erhöht. Wir gehen in langsamen Schritten vor, damit es für die Sommersaison mit dem Höhepunkt der Weltmeisterschaft funktioniert. Aber man sieht den stetigen Fortschritt. Der Winter ist dazu da, wieder das richtige Wettkampfgefühl zu bekommen. Noch Merzig kommen noch einige andere Meetings: Düsseldorf, Karlsruhe, das Berliner Istaf-Indoor, die Hallen-DM, Malmö – und natürlich auch unser Meeting in der LAZ-Halle am 28. Februar. Im Zelt, wie in Merzig, bin ich übrigens auch noch nie gesprungen.

Es sind noch eineinhalb Wochen bis Merzig, Aufregung vor dem ersten Wettkampf seit einem halben Jahr?

Nein, es ist mehr Vorfreude als Aufregung. Man weiß ja aus dem Training in etwa, was drin ist für den Wettkampf.

Ist auch die Hallen-Europameisterschaft in der O2-World in Prag ein Thema?

Wenn es klappt, fahre ich auch da gerne hin. Wir wollen alles mitnehmen, was geht. Immer vor dem Hintergrund, dass es uns einen Schritt weiter vorwärts bringt für die Sommersaison.

Haben Sie die Normhöhen für Prag und Peking schon im Kopf?

Ich glaube, es sind 5,65 Meter für die Hallen-EM und 5,70 Meter für die Weltmeisterschaft.

Sie waren gerade wieder in Südafrika im Trainingslager, haben von dort aber etwas getwittert zur ARD-Dokumentation von Hajo Seppelt über die Doping-Praktiken in Russland. Waren Sie schockiert?

Ich wusste gar nicht, dass das im Fernsehen kommt, bin aber von anderen darauf aufmerksam gemacht worden und habe es mir dann in der Mediathek angesehen. Alle Anschuldigungen aus dieser Doku sind sehr hart. Allerdings kann ich jetzt zu diesem Thema noch nix sagen, da gerade nach weiteren Beweisen gesucht wird und lediglich bereits des Dopings überführte Athleten befragt wurden.

Wie oft werden Sie im Jahr von der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) getestet?

Ich werde etwa 15- bis 20-mal pro Jahr getestet. Dazu muss ich im Internet in den Whereabouts angeben, wann ich zu Hause und wann ich im Training anzutreffen bin.

„Ich wollte nach Olympia und WM meinen Bundeswehr-Platz für andere frei machen.“

Sie haben zum Wintersemester 2012 ihr Fernstudium „Internationales Management“ erst mal aufgegeben, Ende 2013 sind Sie auch als Sportsoldat bei der Bundeswehr ausgeschieden. Wie geht’s damit weiter?

An der Uni bin ich richtig exmatrikuliert. Aber da kann ich jederzeit wieder einsteigen. Und ich will das irgendwann auch auf jeden Fall fertig machen. Die Bundeswehr ist für Spitzensportler wirklich eine super Einrichtung. Aber es gibt eben nur wenige Plätze, und die Leichtathletik besetzt schon viele davon. Olympia und der WM-Titel haben schon extrem geholfen, dass ich auch ohne die Absicherung der Bundeswehr sehr gut leben kann. Da wollte ich dann auch meinen Platz frei machen. Wenn ich wollte, könnte ich aber, glaube ich, wieder rein – als Stabsgefreiter mit vielen Streifen auf der Schulter (lacht).

Sie waren schon zweimal bei Olympischen Spielen, haben einmal Olympia-Bronze gewonnen, sind amtierender Weltmeister. Was fehlt noch zum sportlichen Glück? Was sind Ziele?

6,00 Meter zu überspringen ist ein Ziel jedes Stabhochspringers. Im Training legt man schon auch mal so eine Höhe auf, um ein Gefühl dafür zu entwickeln. Die Nahziele sind sicher die WM 2015 in Peking und Olympia in Brasilien 2016. Ansonsten will ich solange springen, wie mein Körper sagt, dass ich das machen kann. Und ein Traum wäre es sicher, bei möglichen Olympischen Spielen 2024 in Deutschland zu springen. Da wäre ich 35, unmöglich ist das auf keinen Fall.

Hätten Sie gedacht, das der Uralt-Weltrekord von Sergej Bubka in diesem Jahr fallen würde?

Renaud Lavillenie hatte einen super Winter, ist vorher schon riesige Höhen gesprungen. Aber den Hallen-Weltrekord von 6,16 Metern muss man wirklich erst mal springen, denn es wurde im Vorfeld schwieriger gemacht. Es ist gut für unseren Sport, dass Renaud gezeigt hat, dass es möglich ist, in die Regionen vorzudringen.

Sie haben in Südafrika hart trainiert, bald geht die Hallensaison los. Wie entspannen Sie gerade zu Hause?

Meistens entspanne ich wirklich vor dem Fernseher. Ich bin aber mehr der Serien-Fan, als dass ich DVDs schaue. Von „Breaking Bad“ oder „24“ habe ich zum Beispiel alle Folgen gesehen.

Wie feiern Sie Weihnachten? Zu Hause bei den Eltern in Zweibrücken?

Ja, da bin ich eigentlich immer zu Hause. Außer 2013, da waren wir noch im Trainingslager in Südafrika. Ein Baum haben wir natürlich, aber ansonsten ist das bei uns ganz locker (lacht).

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
21.–22.02.2015 Deutsche Hallenmeisterschaften 2015 Karlsruhe (Deutschland)
31.01.2015 IAAF Indoor Meeting Karlsruhe 2015 Karlsruhe (Deutschland)
03.01.2015 Neujahrsspringen 2015 Merzig (Deutschland)
06.–08.03.2015 Hallen-Europameisterschaften 2015 Prag (Tschechien)
28.02.2015 Hallenstürmer-Cup 2015 Zweibrücken (Deutschland)
22.–30.08.2015 Weltmeisterschaften 2015 Peking (China)
05.–21.08.2016 Olympische Sommerspiele 2016 Rio de Janeiro (Brasilien)