Das strahlende Lachen ist zurück. Dazu hat Raphael Holzdeppe spätestens seit dem vergangenen Wochenende wieder allen Grund. Der Knoten beim Stabhochsprung-Weltmeister scheint nach dem Seuchenjahr endgültig geplatzt. Mit 5,85 Metern arbeitet sich der 25-Jährige bei der Team-EM in Russland nicht nur ein weiteres Stück an seine Bestmarke (5,91 m) heran, sondern bietet in alter Manier Überflieger Renaud Lavillenie ordentlich Paroli. Ein großer Schritt für das Selbstbewusstsein und zurück zur alten Stärke. Noch vor gut vier Wochen hätten mit diesem so schnell nur wenige gerechnet. 5,40 zum Auftakt in Doha, 5,60 in Rehlingen und 5,56 Meter in Rom lassen nicht unbedingt auf die blitzartige Leistungssteigerung hoffen. Vor allem mit dem vergangenen Jahr im Hinterkopf. Sechs Meter hatte Holzdeppe nach seinem WM-Titel angepeilt, kam im Sommer aber nicht über 5,53 Meter hinaus. Das Gefühl fürs Fliegen, für den angeschlagenen Körper fehlten. Nach dem Saisonabbruch folgt ein harter Winter, der mental sicher einige Spuren bei dem Überraschungs-Weltmeister hinterlassen hat.

Stabhochspringer sind es gewohnt, tief zu fallen. Doch immer wieder Rückschläge bei den Wettkämpfen einstecken zu müssen, bei Weitem nicht an die alte Form sowie an die Höhen der Konkurrenten heranzureichen, kommt einem Fall gleich, der nicht so einfach durch eine weiche Matte abzufedern ist. Trotz hartem Training, der körperlichen Fitness, dem Feilen an Anlauf und Absprung passt es einfach nie hundertprozentig zusammen. In der technisch anspruchsvollen Sportart muss nur ein kleines Detail nicht perfekt sitzen – und das Gefühl fürs Fliegen ist dahin. Dieser kleine Tick, der Holzdeppe noch gefehlt hat, ist seit Eugene zurück. Über 5,80 Meter schraubt sich der 25-Jährige dort und damit an die Spitze der deutschen Bestenliste. Plötzlich ist der Weltmeister wieder da. Mit dem Flug über die 5,85 Meter gibt Raphael Holzdeppe der internationalen Konkurrenz ein deutliches Zeichen. Pünktlich vor der WM in Peking Ende August. Damit beweist der Ausnahme-Athlet einmal mehr, dass man ihn nie abschreiben sollte. Denn mit Höhen und Tiefen kennt er sich aus. Schon als junger Athlet war der Zweibrücker regelmäßig ganz hoch geflogen. 2008 wurde er als 18-Jähriger U20-Weltmeister, stellte mit 5,80 Metern den U20-Weltrekord auf und erlebte seine ersten Olympischen Spiele in Peking, wo er Achter wurde. 2009 gewann er den Titel bei der U23-EM – als 19-Jähriger. Doch der Transfer dieser herausragenden Leistungen gelang ihm danach nicht so einfach. Bis zum Olympiajahr 2012, als er in London Bronze gewann. So eine lange Durststrecke wie nach dem WM-Sieg 2013 war jedoch auch für Holzdeppe neu. In ihn vertraut hat Trainer Andrei Tivontchik, der auch nach vier Wettkämpfen ohne gültigen Versuch im Winter prophezeit, seinen Schützling bis Sommer wieder in die Weltspitze zurückzuführen. Er behält recht. Doch bis zur WM ist es noch lange. Holzdeppe muss es jetzt schaffen, seine Form bis nach China zu retten. Am besten über Nürnberg mit dem ersten deutschen Meister-Titel seiner Karriere.

War einem Anfang des Jahres noch Bange, wie sich Holzdeppe bei der WM, für die der Titelverteidiger ohnehin Startrecht hat, präsentieren wird, erlauben es die Sprünge zuletzt, wieder zu träumen. Raphael Holzdeppe hat sich wieder einmal zurückgekämpft und einmal mehr bewiesen, dass er das Zeug dazu hat, auch in Peking wieder um eine Medaille mitzuspringen.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
22.–30.08.2015 Weltmeisterschaften 2015 Peking (China)