Zweibrücken/Saarbrücken. Der promovierte Diplom-Sportlehrer in Sportpsychologie, Dr. Sebastian Brückner, ist seit knapp sechs Jahren am Olympiastützpunkt Rheinland-Pfalz/Saarland in Saarbrücken beschäftigt. Der 40-jährige Saarbrücker thematisiert den Stellenwert, Einsatz und Nutzen des Mentaltrainings. Merkur-Redakteur Werner Kipper unterhielt sich mit Dr. Brückner, der nach dem Studium in Saarbrücken seine Promotion und sportpsychologische Ausbildung in den USA absolvierte.

Die Athleten werden in den Kadern katalogisiert nach ihren Erfolgen. Sind die Leistungen in Einklang mit ihrer mentalen Stärke zu bringen?

Dr. Sebastian Brückner: Nein, so ein Zusammenhang lässt sich nicht darstellen. Die Bundeskader sind ja zunächst einmal vor allem nach Altersgrenzen festgelegt, dann nach dem Rang internationaler Erfolge. Alle Sportler, die in einem Bundeskader sind, also Mitglied in einer Nationalmannschaft, bringen viele Stärken – auch mentale – mit. Sonst wären sie nicht so erfolgreich.

Kommt der Psychologie im Leistungssportler eine immer größere Bedeutung zu? Ist dazu ein Mentaltrainer sinnvoll?

Dr. Brückner: Zunächst ist es wichtig, zwischen Psychologen, Sportpsychologen und Mentaltrainern zu unterscheiden. Da gibt es auch von der Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie in Deutschland, der asp, klare Definitionen: Ein Mentaltrainer vermittelt Techniken etwa zur Visualisierung, Stressabbau, Entspannung, Konzentrationstechniken. Ein Sportpsychologe vermittelt diese Fähigkeiten natürlich auch, die man als „Krafttraining fürs Hirn“ bezeichnen kann, seine Expertise geht aber deutlich weiter: Hier kann es dann auch um Themen wie Kommunikation, Karriereübergänge, Konfliktmanagement gehen. Und ein guter Sportpsychologe ist auch im Erkennen von Anzeichen von Burnout, Depression oder etwa Essstörungen geschult. Für mich als Sportpsychologe mit einem sportwissenschaftlichen Hintergrund gilt es, dann aber Partner an der Hand zu haben, wo ich bei solchen psychologischen Problemen die Athleten hin verweisen kann: Ein solches Netzwerk an Psychologen und Psychotherapeuten haben wir hier. Es gibt natürlich auch klinisch geschulte und zugelassene Psychologen die eine Sportpsychologie-Ausbildung haben. Die werden zunehmend auch bei Olympischen Spielen für die Intervention in Krisenfällen eingeplant und eingesetzt.

In der Dopingaffäre um die Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle bei den Olympischen Spielen in Sotschi hat der Mentaltrainer eine unrühmliche Rolle gespielt. Spiegelt das auch eine gefährliche Abhängigkeit wider?

Dr. Brückner: Ein Problem bei der oben skizzierten Thematik ist: Der Begriff Mentaltrainer ist nicht rechtlich geschützt, so kann sich jeder nennen. Ich kenne die Person nicht, die hier – wie Sie richtig sagen – eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Wer gut ausgebildete Beratung und Unterstützung will, der wird Kollegen auf der Expertendatenbank im Kontaktportal des Bundesinstituts für Sportwissenschaft finden, und die Ansprechpartner dort stehen einem bei der Suche sicher immer gerne mit Tipps zur Seite. Generell gilt: Bevor ich mit jemandem arbeite, genau schauen was er für Referenzen, was für eine Ausbildung hat.

Wann ist der Punkt gekommen, dass sich der Athlet einer Hilfe von außen bedienen muss?

Dr. Brückner. Alle Athleten bedienen sich ja permanent Hilfen von außen. Das ist ja ganz normal. Jeder Athlet hat einen Trainer, oft sogar mehrere mit Heimtrainer, Bundestrainer. Auch Athletiktrainer als Spezialisten sind seit der WM 2006 und Jürgen Klinsmann nun in Deutschland fest etabliert. Ein Sportpsychologe, der „Krafttraining fürs Gehirn“ anbietet und grundlegendes Wissen und Techniken vermittelt sollte durchaus möglichst früh mit jungen Sportlern arbeiten. Wir versuchen, da auch im Bereich der Eliteschule mit einem Seminarfach Sportpsychologie Akzente zu setzen. Und natürlich auch in der Arbeit mit Trainern und in der Trainerausbildung. Denn wie der Trainer kommuniziert, was für Werte er vermittelt, wie er junge Sportler ermuntert, selbstbestimmt Ziele zu erarbeiten, Lösung zu finden, über Fortschritte, Erfolge und Probleme zu reflektieren – da kommt den Trainern eine ganz wichtige Rolle im täglichen Training zu. Mit der sie dann auch die Grundlage für erfolgreiche, selbstbewusste Auftritte im Wettkampf legen.

Die LAZ-Stabhochspringerin Kristina Gadschiew hat eingestanden, dass sie sich bisweilen eines Mentaltrainers bedient. Nehmen Sie diese Position im Olympiastützpunkt wahr?

Dr. Brückner. Falls Sie danach fragen, ob ich mit Kristina arbeite – Fragen nach einzelnen Athleten kann ich natürlich nicht beantworten. Die Zusammenarbeit beruht zunächst einmal auf Vertraulichkeit. Wobei ich die Aussage auch falsch finde. Es gibt ja nicht zu „gestehen“. Die Idee bei der Zusammenarbeit mit einem Sportpsychologen ist Potenzial für Leistungsverbesserung zu finden bzw. konstanter auf einem unglaublich hohen Niveau abrufen zu können. Daher ist es doch nur verständlich, dass Sportler, die so professionell leben und arbeiten auch im mentalen Bereich, der eine wichtige Leistungskomponente darstellt, sich Unterstützung holen.

Sind Stabhochspringer im Gegensatz zu Weitspringern stärker gefordert, da sie pro Höhe nur drei Versuche haben?

Dr. Brückner: Generell sind die technischen Disziplinen in der Leichtathletik vom Mentalen her eine große Herausforderung. Es geht darum, eine hoch komplizierte Bewegung zu optimieren, sodass ich in einer Drucksituation meine beste Leistung bringe. Das ist extrem schwierig, weil ja von der Technik und athletisch in solchen Teilnehmerfeldern wie in Moskau bei der WM 2013 oder Olympia alle auf sehr hohem Niveau sind. Da geht es genau darum, an dem Tag, zu dem Zeitpunkt, in dem Umfeld die maximale Leistung zu bringen. Natürlich ist da Druck da – und die Frage wie gehe ich damit um. Aber auch ein Weitspringer hat ja zunächst nur drei Versuche in einem Finale.

Wie kommen Sprinter mit dem Druck zurecht, sich nur einen Fehlstart erlauben zu dürfen?

Dr. Brückner: Es kann beim Start nur darum gehen, an das zu denken, was ich tun will. Wenn ich an einen Fehlstart denke, ist die Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich einen zu machen, deutlich höher. Sie denken ja genau an das, was sie eigentlich nicht tun wollen! Folgendes Zitat von Carl Lewis habe ich zu dem Thema gefunden über seine Gedanken vor einem wichtigen Rennen: „Komm schnell aus dem Startblock, renn dein Rennen, bleib entspannt. Wenn du dein Rennen läufst, gewinnst du. Kanalisiere deine Energie. Konzentriere dich.“ Er ist bei den positiven Emotionen und Dingen, die er tun will – das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Erkennen Sie als Sportpsychologe bereits an der Körpersprache, wie es um einen Athleten im Wettkampf steht?

Dr. Brückner: Natürlich spiegeln sich in der Körpersprache Emotionen, Gedanken und Gefühle von Athleten wider. Vor, während und nach dem Wettkampf. Nicht nur ich als Sportpsychologe erkenne da vieles. Ob jemand den Kopf hängen lässt oder mit breiter Brust Selbstbewusstsein ausstrahlt . . . Auch der Gegner merkt und so macht es natürlich Sinn, an seiner Körpersprache, beziehungsweise an den dieser zugrunde liegenden Emotionen zu arbeiten. Man kann seine Gedanken nämlich steuern und das Gute ist: Wenn ich mir meine Stärken und meinen Plan bewusst mache, kann ich gleichzeitig nicht an mir zweifeln, habe keinen Platz für Negatives.

Bieten Sie dem Athleten Ihre Hilfe an, oder kommt er in der Sprechstunde zu Ihnen?

Dr. Brückner: Das kommt immer darauf an. Einige kommen zu mir. Bei anderen ergibt es sich oft auch über den Impuls des Trainers. Generell ist es wichtig, auch den oder die Trainer mit im Boot zu haben. Auch wenn natürlich generell erst einmal die Gespräche zwischen Athlet und Sportpsychologen bleiben – da wo es dann konkret mit Blick auf Übungen im Training Sinn macht, kommt dann der Trainer mit dazu.

Welches sind die Gründe, Sie aufzusuchen? Ist es eine Gemengelage aus Versagensängsten bei Leistungsschwankungen, schweren Verletzungen, oder rühren Verunsicherungen aus dem persönlichen und beruflichen Umfeld her?

Dr. Brückner: Natürlich gibt es Stress, Druck, Versagensängste und gleichzeitig das Phänomen des „Trainingsweltmeisters“. Das sind alles Themen, aber generell Stärken und Potenziale bewusst zu machen ist ganz wichtig. Viele Athleten sind eher auf ihre Fehler fokussiert – da gilt es, den Fokus zu wechseln hin zum Positiven. Das hat viel mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun und die kommt auch im schulisch, universitären oder beruflichen Umfeld zum Tragen. Denn alle Olympia-Kandidaten müssen sich parallel zum Hochleistungssport im Rahmen einer dualen Karriere auf die Zeit nach dem Sport vorbereiten.

Welcher Hilfsmittel bedienen Sie sich und nimmt die Zahl der Hilfe suchenden Athleten zu?

Dr. Brückner: Es gibt natürlich viele Techniken, die ich vermittele, viel zuhören, diskutieren – auch mal Kummerkasten sein, einfach ein offenes Ohr haben ist wichtig. Aber mit dem einen oder anderen Fragebogen kann man auch wichtige Impulse für die Arbeit gegen, einen konkreteren Kontext. Da habe ich auch gute Erfahrungen gemacht. Und auch Biofeedback-Methoden, die etwa durch Rückmeldung von Herzfrequenz-Daten das Training von Entspannungsverfahren unterstützen können, wenden wir mit unseren Sportlern an.

Nehmen Sie bei Problemen auch den Trainer mit ins Boot, und wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Dr. Brückner: Gerade an dem Punkt, wo es gilt, im täglichen Training Wettkampf-Situationen zu simulieren oder ein „Prognose-Training“ zu absolvieren, ist die Unterstützung des Trainers wichtig. Auch wenn es um die Kommunikation vor, während und nach dem Wettkampf sowie die Rückmeldung im täglichen Training geht.

Kommen Ihre therapeutischen Maßnahmen einer Behandlung gleich?

Dr. Brückner: Ganz klar nein. Ich habe keine klinische Ausbildung, kann gar nicht therapieren. Und es ist auch nicht der Handlungsansatz. Es geht um Technikvermittlung und Leistungsoptimierung.

Betrachten Sie Ihren Gesprächspartner als Patienten?

Dr. Brückner. Auch ein klares Nein. Das wäre er ja nur in einem klinischen Kontext. Mit dem hat die Arbeit eines Sportpsychologen aber erst einmal nichts zu tun.

Stabhochsprung-Weltmeister Raphael Holzdeppe wirkt nach außen hin cool, abgeklärt. Ist dies eine psychologische Waffe gegen die Konkurrenz?

Dr. Brückner: Wir hatten ja schon über Körpersprache gesprochen. Ich denke, dass es schwierig ist, Coolness und Abgeklärtheit zu spielen. Wenn ein Athlet selbstbewusst und fokussiert wirkt, dann ist er das in der Regel denke ich auch – und das ist ja zunächst einmal positiv für ihn und seine Leistung. Dass sich der eine oder andere Gegner möglicherweise auch durch diese Ausstrahlung und Körpersprache auch noch beeindrucken und ablenken lässt . . . umso besser für Raphi.

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