Die erst 20-jährige Gina Lückenkemper zeigt sich bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in beeindruckender Form. Sie holt sich über 100 Meter den Titel. Im Diskuswurf fällt das erhoffte Bruderduell aus: Robert Harting sichert sich souverän den Sieg, Bruder Christoph landet auf Platz vier und muss um die WM in London bangen.

Das Beste zum Schluss, oder? Ja und nein. Lokalmatador Julian Reus lief in seinem Wohnzimmer, dem fein umgebauten Steigerwald-Stadion in Erfurt, in 10,10 Sekunden doch noch die WM-Norm über 100 Meter und setzte sich zum fünften Mal die Krone als schnellster deutscher Sprinter auf. Aber nachdem Gina Lückenkemper im 11,01-Sekunden-Vorlauf den 12.300 Zuschauern so viel Appetit auf mehr gemacht hatte, gab’s dann doch kein Sahnehäubchen auf den berauschenden und perfekt inszenierten ersten Meisterschaftstag der Leichtathleten.

„Ich bin da echt rausgestolpert aus dem Startblock. Dumm gelaufen, aber der Rest war noch ganz gut“, sagte das erst 20 Jahre alte Sprintsternchen nach seinem ersten Meisterschaftssieg in 11,10 Sekunden vor Rebekka Haase (11,22) und Titelverteidigerin Tatjana Pinto (11,27). Die Zweibrücker LAZ-Sprinterin Sina Mayer scheiterte mit einem Fehlstart im Vorlauf.

„Es ist nicht das, mit dem ich nach dem Vorlauf geliebäugelt habe, aber es ist jetzt so“, sagte „Prima-Gina“, strahlte und tänzelte schon wieder. Wie cool sie drauf ist! Schrieb nach dem fulminanten Vorlauf Autogramme ohne Ende, ließ sich von ihren Fans Smartphones reichen, um Selfies zu schießen. Und auf den Hinweis „Gina, Katrin Krabbe war die letzte Deutsche unter elf Sekunden“, antwortete sie frech: „Dann wollen wir doch mal schauen, ob wir das ändern können“. Wenn dieser Stolperer nicht gewesen wäre…Dennoch: „Dass es so gut läuft, hat mich selber geflasht, damit hatte ich nicht gerechnet“, sagte sie nach ihren 11,01 Sekunden, „Sprint ist doch nicht nur laufen, sondern hat was mit Technik zu tun. Der Vorlauf war technisch sauber, nahe an der Perfektion, das Finale eben nicht.“

Es gibt keinen größeren Meisterschaftstypen als diesen Matthias Bühler. Ja, es ist unglaublich im Wortsinne: Zum siebten Mal seit 2009 hat er sich den Titel geholt, nur mal von Alex John (2012) und Gregor Traber (2015) geschlagen, der gestern verlor, aber einfach nur froh sein konnte, nach seiner Schambeinentzündung überhaupt wieder so schnell laufen zu können. Der Hürdenlauf hat definitiv seine eigenen Gesetze, und was Titelkämpfe betrifft, da schreibt der 30 Jahre alte Bühler aus Haslach ordentlich an ihnen mit.

Bei den Frauen siegte Pamela Dutkiewicz in 12,82 Sekunden vor der Landauerin Ricarda Lobe. „Mehr war nicht drin“, sagte die 23-Jährige im Trikot der MTG Mannheim, die glücklich mit Silber, aber mit ihren 13,09 Sekunden nicht ganz zufrieden war.

Und dann noch dieses Bruderduell, das ausfiel. Das Duell zweier deutscher Olympiasieger: Robert Harting (65,65 m) gegen Christoph Harting (62,51 m). Sie haben sich immer noch ziemlich wenig im Ring und auch daneben zu sagen, reden auch nicht gerne übereinander. Ein zaghaftes einhändiges Winken ins Publikum und Daumen hoch zu seinen Fans, so verließ Robert vergleichsweise leise das Geschehen, froh, sich nach seinem Kreuzbandriss überhaupt wieder im Ring drehen zu können. Und froh über seinen zehnten Titel seit 2007? „Ich freue mich, aber was soll ich damit anfangen?“, fragte er.

Dafür war der Jüngere ausnahmsweise mal recht gesprächig, trotz verpasster WM-Norm und Platz vier. Ob der DLV den Olympiasieger dennoch mit zur WM nach London nimmt? „Shit happens. Es hat nicht gereicht. Wird’s nichts mit der WM, wird’s ein längerer Urlaub. Und dann wird für die EM in Berlin 2018 aufgebaut“, sagte er gelassen. Und auch das noch: „Das Leben besteht nicht nur aus Sport. Echt nicht.“

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
08.–09.07.2017 Deutsche Meisterschaften 2017 Erfurt (Deutschland)