Während und nach den Olympischen Spielen in London ist sehr oft von „Zielvereinbarungen“ gesprochen worden. Diesen Begriff gibt es seit rund vier Jahren im Sport. Er ist das Ergebnis von Verhandlungen des Olympischen Sportbundes (DOSB), dem Bundesinnenministerium und den jeweiligen Sportfachverbänden, wie etwa der Leichtathletik oder Schwimmen. Dabei mussten die Fachverbände hellseherisch Vorschläge machen, wie viele Medaillen sie bei den Olympischen Spiele 2012 anstreben.

Welche Kriterien dabei zugrunde gelegt wurden, ist bis heute noch unklar. Klar ist allerdings, dass die Leichtathleten nach einer Nullnummer in Peking ihre Ziele mit mehreren Medaillen, darunter die Goldmedaille von Robert Harting im Diskuswerfen oder die Bronzemedaille von Stabhochspringer Raphael Holzdeppe vom LAZ Zweibrücken, erfüllt haben, während die Schwimmer dieses Mal leer ausgegangen sind.

Nun darf trefflich darüber gestritten werden, warum die einen ihr Soll erfüllt haben und die anderen nicht.

Dabei hatten die Leichtathleten im Vorfeld gestöhnt, dass sie innerhalb von sieben Wochen drei Höhepunkte, die Deutsche Meisterschaft, die Europameisterschaft und die Olympischen Spiele zu bestreiten hatten. Also sieben Wochen das Leistungsniveau auf hohem Level gehalten werden musste.

Wenn ich nun den Zweibrücker Raphael Holzdeppe und seinen Trainer Andrei Tivontchik als Paradebeispiel nehme, dann haben die beiden ihre Zielvereinbarungen erfüllt. Sicherlich war der 22-jährige Zweibrücker zu den Medaillenkandidaten bei den Verhandlungen vor vier Jahren, wenn dabei überhaupt Namen zurate gezogen wurden, gezählt worden. Schließlich hatte der zweifache Junioren-Weltrekordler von 2008 mit einer Bestleistung von 5,80 Metern als 18-Jähriger bereits den achten Platz in Peking mit 5,65 Metern belegt.

Demzufolge müsste der Angehörige der Bundeswehrfördergruppe Mainz, der in London seine Bestleistung auf 5,91 Meter gesteigert hat, bei den neuerlichen Zielvereinbarungen einer der heißesten Anwärter auf Edelmetall bei den Olympischen Spielen 2016 im brasilianischen Rio de Janeiro sein. Schließlich gilt Raphael Holzdeppe als der talentierteste Stabhochspringer Deutschlands.

Allerdings hat diese Prognose, die ohne Weiteres von Raphael Holzdeppe verkörpert werden kann, einen Haken. Schließlich müssen sehr viele Rädchen erfolgreich ineinandergreifen. Ähnlich wie in der Wirtschaft, wo die angestrebten Zielvereinbarungen von weltweiten Krisen, von Missmanagement oder dem Auf und Ab bei der Währungseinheit, dem Dollar, abhängig sind.

Ähnlich verhält es sich im Leistungssport. Hier ist nicht die Währungseinheit, sondern der Körper des Athleten das Kapital, das es je nach Erfolg bei den Antrittsprämien oder den Sponsoren zu verzinsen gilt. Derzeit ist Holzdeppe in einer günstigen Ausgangsposition.

Wie sehr Zielvereinbarungen ins Wanken geraten können, hat das LAZ Zweibrücken in diesem Jahr erfahren. Ohne, dass dem Verein ein Vorwurf zu machen ist. Zu Beginn 2012 war bei einem glücklichen Verlauf mit fünf Olympia-Teilnehmern zu rechnen. Neben Raphael Holzdeppe waren Stabhochspringerin Kristina Gadschiew, die Speerwerfer Till Wöschler und Alexander Vieweg sowie Hürdensprinter Marlon Odom mögliche Kandidaten.

Nicht zu rechnen war damit, dass bei Till Wöschler, dem U 23-Europameister 2011 mit einer Bestleistung von 84,38 Metern seine alte Ellenbogenverletzung wieder aufbrechen würde. Damit waren schon vorzeitig alle Olympiaträume zerplatzt. Wackelkandidat Alexander Vieweg hat wohl seine Schulter-Operation aus dem Jahre 2010 auskuriert. Aber der Olympia-Teilnehmer von 2008 in Peking blieb mit 70er Weiten hinter seinen Erwartungen zurück. Kristina Gadschiew hatte wohl die Olympia-Norm zwei Mal geschafft, ehe ihr bei der DM die Nerven versagten. Ähnlich erging es Marlon Odom, der bei der DM auf der Jagd nach der Olympia-Norm verkrampfte. Aus diesen Beispielen, alleine auf das LAZ bezogen, lässt sich erkennen, auf welch wackligen Beinen die Zielvereinbarungen vor vier Jahren mit 86 Medaillen, davon 28 Goldene, standen. Sicherlich werden Medaillen bei den Olympischen Spielen gerne aufgerechnet, ob das Geld in den einzelnen Fachverbänden auch gut angelegt ist. Auch in den kommenden Monaten werden wieder die Diskussionen entbrennen, wie die Fördergelder des Bundes über die Landessportverbände an die einzelnen Vereine verteilt werden. Zugrunde wird ein olympischer Zyklus von vier Jahren gelegt.

Raphael Holzdeppe dürfte demnach dafür gesorgt haben, dass das LAZ im finanziellen Verteilungs-Ranking gute Karten hat. Zudem hat er dem Bundesleistungszentrum seine Existenzberechtigung gesichert. Mit der Bronzemedaille hat Raphael Holzdeppe bei den Zielvereinbarungen eine Punktlandung erzielt.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
05.–21.08.2016 Olympische Sommerspiele 2016 Rio de Janeiro (Brasilien)