Die ersten zehn Tage der Olympischen Spiele in Peking waren mehr oder weniger unreflektiert in der Öffentlichkeit in Zweibrücken und Umgebung abgelaufen. Die Erfolge oder Misserfolge der deutschen Athleten waren wohl zur Kenntnis genommen worden, doch Emotionen wurden nicht geweckt. Dies änderte sich spätestens am vergangenen Mittwoch, als der Stabhochspringer des Leichtathletikzentrums (LAZ) Zweibrücken, Raphael Holzdeppe, für viele ein Nobody zum Qualifikationswettkampf im Olympiastadion, dem so genannten Vogelnest, antrat. Plötzlich war Olympia auch in Zweibrücken und Umgebung ganz nah, wurde lebendig, verkörpert durch den 18-jährigen Junioren-Weltrekordler und U 20-Weltmeister. Das Olympiafieber war ausgebrochen. Keinesfalls eine Pandemie, aber zumindest eine Epidemie hatte er ausgelöst. Denn nicht nur die Leichtathletikfans wurden davon erfasst. Nein, eine ganze Region fieberte mit dem Gymnasiasten des Helmholtz-Gymnasiums. Er stahl so etablierten deutschen Springern, wie Tim Lobinger und Danny Ecker, die Show.

Dabei bedurfte es keiner besonderen Inszenierung, bedurfte es keines Regisseurs. Das Stück schrieb Raphael Holzdeppe in dem dreieinhalbstündigen Wettkampf. Zur Bühne mutierte die Anlaufbahn samt der beiden Ständer mit der Latte. Jede Bewegung wurde von über 90 000 Zuschauern und einem Millionenpublikum an den Fernsehschirmen verfolgt. Hier bewegte sich der Senkrechtstarter der deutschen Stabhochsprungszene fast mit einer schlafwandlerischen Sicherheit. Ausbund des Vertrauens in die eigene Leistungsfähigkeit. Nichts schien ihn aus der Ruhe zu bringen, er blendete alle Nebengeräusche aus, war ganz auf seine Sprünge fokussiert.

Verdienter Lohn: die Qualifikation fürs Finale. Die Eigenwerbung weltweit und ganz nebenbei für seine Heimatstadt Zweibrücken und das LAZ war geglückt. Doch das blieb auch in Zweibrücken, angesichts des einzigartigen Ereignisses, nicht ohne Widerhall. Seine Fangemeinde wuchs stündlich in der Stadt. Wenngleich sie aus der Ferne nur moralischen Beistand leisten konnte. Lauthals machten dies über 200 Schüler seines Gymnasiums beim Public Viewing in der Westpfalzhalle. Erinnerungen an die Fußball-Europameisterschaft wurden angesichts der Begeisterungsstürme wach. Aber auch in unzähligen Wohnzimmern vor den Fernsehgeräten wurden dem Sympathieträger, wie aus dem Nichts aufgetaucht, die Daumen gedrückt.

Urplötzlich war der LAZ-Stabhochspringer in aller Munde, stand im Rampenlicht. Und das zu Recht. Denn der 18-Jährige, mit Abstand der jüngste Teilnehmer des Wettbewerbes, nutzte die Gunst der Stunde, inszenierte ganz ohne Vorhersage seine One-Man-Show, in der lediglich als Souffleur sein Trainer Andrei Tivontchik zwischen den Sprüngen fungierte.

Es war geradezu bewundernswert, wie Raphael die Nervenanspannung während des rund dreieinhalbstündigen Quali-Wettkampfes und auch im Finale meisterte. Aus diesem Holz müssen Weltklasseathleten geschnitzt sein. Derzeit hat der 18-Jährige verständlicherweise noch einige Ecken und Kanten. Doch mit seinem achten Platz bei übersprungenen 5,60 Meter hat er in weltweiten Stabhochsprungszene eine Duftmarke gesetzt. Ihm gehört zweifelsfrei die Zukunft.

Bleibt nur zu hoffen, dass der Überflieger des Jahres 2008 bei aller Publicity, die er mit seinen Leistungen ausgelöst hat, mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt. Abheben muss er nur bei seinen Sprüngen. Doch das beherrscht er schon meisterlich.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
08.–24.08.2008 Olympische Sommerspiele 2008 Peking (China)