Russlands Leichtathleten reagierten auf den Ausschluss durch den Weltverband geschockt, aber auch trotzig. Schließlich birgt die Entscheidung der IAAF viele Schlupflöcher – und ein OlympiaAusschluss ist unwahrscheinlich.

Monaco. Nach der Roten Karte durch den Weltverband IAAF herrscht bei Russlands Leichtathletik-Topstars Katzenjammer, ihre Konkurrenz feiert einen großen Schlag gegen Doping. „Ich bin geschockt, es ist unfair“, sagte Stabhochsprung-Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa nach dem provisorischen Ausschluss ihres Verbandes. Diskus-Ass Robert Harting forderte derweil, mit den nächsten Nationen aufzuräumen. „Wir haben das mit Russland geklärt, jetzt müssen wir nach Kenia und Jamaika rein und die gleiche Untersuchung anstellen“, forderte Harting.

Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, sprach von einer „sportpolitisch einmaligen Entscheidung, die eine heilsame Wirkung haben kann“ und einem „Warneffekt an andere Länder“. Die Verdammung hat immerhin eine historische Dimension: Noch nie hatte die IAAF einen nationalen Verband komplett suspendiert. Doch die IAAF-Entscheidung birgt auch immense Risiken, ein Rohrkrepierer zu werden. Denn Olympische Spiele ohne die Leichtathletik-Nation Russland wären wohl nicht nach dem Geschmack der Ober-Olympioniken um Thomas Bach. Das IOC hatte schon durchblicken lassen, an Aufklärung interessiert zu sein, weniger aber an Boykott und Ausschluss. Bei Russlands Offiziellen hielt sich der Schrecken über die laut WeltverbandsPräsident Sebastian Coe „härteste Strafe, die wir zurzeit verhängen können“ und die ein komplettes Startverbot für russische Leichtathleten bei internationalen Wettbewerben zur Folge hat, in Grenzen. Russlands umstrittener Sportminister Witali Mutko jedenfalls konnte über ein mögliches Olympia-Aus nur schmunzeln. „Die IAAF konnte ja gar keine andere Entscheidung treffen mit dem Druck, der auf sie ausgeübt wurde“, sagte Mutko. Natürlich gehe er davon aus, dass seine Leichtathleten in Rio starten können. Ein Startverbot? „Ich schließe so einen Verlauf der Entwicklung aus“, sagte Mutko am Samstag.

Zwar wären die Russen nach jetzigem Stand durch den Bann, den das Council am späten Freitagabend mit 22:1 Stimmen traf, in Rio und auch bei der Hallen-WM in Portland sowie der Diamond League außen vor. Um wieder zugelassen zu werden, müssten sie weitreichende Reformen durchsetzen und eine Liste von Kriterien erfüllen. Kontrollieren soll dies ein Inspektions-Team um den norwegischen Anti-Doping-Experten Rune Andersen. Als Konsequenz aus dem gigantischen Dopingskandal soll die gesamte Führungsriege im russischen Leichtathletik-Verband ausgewechselt werden. Innerhalb der kommenden drei Monate solle es vorgezogene Neuwahlen geben, kündigte das Sportministerium der Agentur Tass zufolge an. Minister Mutko brachte gestern bereits die Weltklasse-Stabhochspringerin Issinbajewa als „Reformerin“ ins Spiel: „Sie ist eine Bewerberin für ein leitendes Amt.“

Mutko ist sich sicher, „dass es gelingt, die Situation bis zu den Sommerspielen in Rio zu klären. In der russischen Leichtathletik gibt es weder mehr noch weniger Probleme als im Rest der Welt. Ich hoffe, dass binnen 90 Tagen unsere Mannschaft wieder alle Rechte besitzt.“ Dafür werden vorher aber wohl Köpfe rollen.