Amsterdam. Zwischen 13.35 und 14.15 Uhr, zwischen Rijksmuseum und Van-Gogh-Museum, dort auf dem zugigen Museumplein in Amsterdam, spielte sich gestern ein Drama für Christin Hussong ab: Die 22 Jahre alte deutsche Speerwurf-Meisterin scheiterte in der Qualifikation als 17. mit 57,17 Meter. Das morgige Finale findet ohne sie statt. „Im letzten Versuch habe ich alles versucht, aber der ging daneben. Ich habe schon ähnliche Situationen gehabt, auch in Peking. Da ging es gut, jetzt ging es schlecht“, sagte die Sportlerin des LAZ Zweibrücken.

Sie konnte sich in diesem schwierigen Moment nur mit einem trösten: „In Rio bin ich sicher dabei, dort geht es von vorne los.“ 57,17 Meter im zweiten Versuch – das ist weit unter ihrem Niveau. Beim DM-Sieg in Kassel hatte sie 66,41 Meter geworfen. „Es ist passiert. Ich kann jetzt auch nicht gleich sagen, was los war“, sagte ihr konsternierter Vater und Trainer Udo Hussong. Im ersten Versuch wurden 55,19 Meter, im dritten und letzten Versuch, in den sie noch mal alles reinlegen wollte, gar nur 52,37 Meter gemessen. Sie verbarg ihre Enttäuschung hinter beiden Händen. Aber sie stellte sich danach den Interviews mit der ARD und der RHEINPFALZ. „Was will ich machen? Es ist rum, es ist vorbei, so ist das“, sagte die Herschbergerin, die vor zwei Jahren bei der EM in Zürich Platz sieben belegt hatte und im Vorjahr bei der WM in Peking Sechste war.

War es der Wind? Vermutlich schon. Nur fünf Werferinnen haben über 60 Meter geworfen, die anderen bissen sich am Gegenwind die Zähne aus. Die beiden ersten Versuche waren stark, stürzten aber ab. „Möglicherweise haben sie oben eine Böe abbekommen. Ich werfe sowieso eher ein bisschen höher als die anderen. Da ist Gegenwind gar nicht gut“, erklärte Christin Hussong.

Udo Hussong und seine Frau Gabi warteten hinter der Tribüne, bis Christin aus dem von zwei Tribünen eingerahmten „Stadion“ kam. Seelenmassage war bitter notwendig. Tanja Damaske(45), die Speerwurf-Europameisterin von 1998, die als Psychologin für den Deutschen Leichtathletik-Verband arbeitet, meinte: „Jetzt muss sie erst einmal von Mama und Papa getröstet werden, die sind jetzt die wichtigsten Personen. Ich werde später das Gespräch mit ihr suchen.“ Sie zweifelte, ob der Museumplein der richtige Ort für eine EM ist. „Wenn das hier ein Meeting wäre, fände ich das richtig gut. Aber so, ich weiß nicht?!“ Wenngleich die Atmosphäre sehr schön war; die Winde zwischen den Museen waren halt doch ganz anders als im Stadion. Udo Hussong wird noch abends gegrübelt haben. „Was ich sah: Die Würfe waren wirklich nicht schlecht im Ansatz. Die gingen richtig sauber raus, stürzten aber ab. Und das Einwerfen war aus meiner Sicht auch okay“.

Die Familie wird stark genug sein und die 22 Jahre alte vorbildliche Athletin stärken. Ihre große Aufgabe kommt ja noch: Mitte August in Rio feiert sie ihre Olympia-Premiere. Vielleicht kann sie aus der gestrigen Niederlage die richtigen Schlüsse ziehen. Eine wird ihr ganz sicher auch beistehen: Maria Ritschel, die Bundestrainerin. „So ist halt der Sport. Aber Niederlagen haben auch etwas Gutes. Man könnte sagen, warum ist es gerade bei einer EM passiert? Man kann mit Blick auf Rio aber auch sagen: Zum Glück ist es hier passiert.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
06.–10.07.2016 Europameisterschaften 2016 Amsterdam (Niederlande)