Die alte Frau und der Speer: Mit 36 Jahren hat die Tschechin Barbora Spotakowa gestern Abend in London ihren zweiten WM-Titel gewonnen. Mit 66,76 Meter verwies sie die Chinesinnen Li Lingwei und Lyu Huihui auf die Plätze. Katharina Molitor wurde Siebte. Im Stabhochsprung wurde der Amerikaner Sam Kendricks seiner Überlegenheit in dieser Saison gerecht, Raphael Holzdeppe schied bei der Anfangshöhe aus.

Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Den letzten Versuch, als ihr Sieg schon feststand, musste sie noch mal kurz abbrechen und sich von neuem konzentrieren, so überwältigt war Spotakowa von ihrem Erfolg. Sie schlug die Hände vors Gesicht, dann schnappte sie sich das Tuch in den Landesfarben und feierte. „In diesem Stadion bin ich unschlagbar. Da muss etwas Gutes für mich in der Luft liegen. Ich weiß nicht warum, aber als ich hereinkam, war ich total ruhig und entspannt, ich spürte, dass ich gewinnen kann“, sagte Spotakowa.

Nach vorsichtigem Beginn hatte Olympiasiegerin Sara Kolak im zweiten Versuch den Medaillenkampf mit 64,95 Metern eröffnet, Spotakowa konterte sich mit starken 66,76 Meter an die Spitze. Und mit 63,75 Meter spielte Katharina Molitor da noch mit. Aber schon im dritten Versuch mischte sich die Chinesin Li Lingwei (28) mit 66,25 Meter in den Zweikampf ein, und im fünften Versuch verdrängte Lyu Huihui (23) Molitor aus den Medaillen. Das war’s dann auch schon. Nur einmal, 2003 in Paris, ging der Sieg mit einer geringeren Weite weg, an die Griechin Manjani (66,52). Katharina Molitor sagte, dass nach dem dritten Versuch bei ihr „kein Schwung, keine Kraft“ mehr da war.

Barbora Spotakowa ist die wahrhaftig große alte Dame des Speerwerfens. Schon vor zehn Jahren feierte sie in Osaka ihren ersten WM-Triumph, ließ 2008 und 2012 zwei Olympiasiege folgen. Immer in Konkurrenz mit deutschen Werferinnen und mit Maria Abakumowa.

Spotakowa, eine ehemalige Siebenkämpferin, die im Mai 2013 Sohn Janek zur Welt brachte, griff nach der Geburt wieder ins Geschehen ein, aber nicht mehr mit der Wucht ihrer früheren Erfolge. Oder doch?

Auf der anderen Seite des Stadions ein wunderbarer Stabhochsprung-Wettkampf, der ohne den Weltmeister von 2013 und WM-Zweiten von 2015, Raphael Holzdeppe, in die Entscheidung ging. Er erwischte einen rabenschwarzen Tag. Bei der Einstiegshöhe von 5,50 Meter fabrizierte der 27 Jahre alte Zweibrücker einen „Salto nullo“. Das war bitter. „Es ist sehr ärgerlich, ich hatte mir viel mehr vorgenommen, es wäre auch mehr drin gewesen. Ich fühlte mich gut, die Bedingungen waren super“, sagte er. „Im Endeffekt habe ich es nicht hinbekommen. Ich muss das analysieren, aber es ist sehr frustrierend“, sagte der Pfälzer, der jetzt, wie geplant, die Saison beendet und mit Freundin Sosthene Moguenara in Urlaub fährt.

Sieger der Herzen war der Franzose Renaud Lavillenie, der nach dem Pfiff-Debakel in Rio gestern besonders aufmunternd von den 56.000 Zuschauern empfangen wurde, aber mit übersprungenen 5,89 Meter und Platz drei hinter dem Polen Piotr Lisek muss er weiter auf seinen ersten WM-Titel warten. Den holte sich dann aber Sam Kendricks mit 5,95 Meter.

Ratlosigkeit kann man kaum besser illustrieren: Raphael Holzdeppe gestern in London.
Ratlosigkeit kann man kaum besser illustrieren: Raphael Holzdeppe gestern in London. Foto: Iris

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
04.–13.08.2017 Weltmeisterschaften 2017 London (England)