Kassel. Diese Nervenstärke im entscheidenden Moment zu zeigen,und das mit 22 Jahren,das muss man erst mal können: Mit einem Superwurf auf 66,41 Meter und dem deutschen Meistertitel in Kassel hat sich Speerwerferin Christin Hussong vom LAZ Zweibrücken gestern das Olympiaticket gesichert. Mit ihr im Flieger nach Rio: Robert Harting. Er ist fast wieder der Alte im Diskusring.

„Mir fehlen die Worte“, sagte Christin Hussong aus Herschberg direkt nach dem Wettkampf. 15 Minuten später, als sie ihren Coup verarbeitet hatte, fand sie sie:„Ich wusste die ganze Zeit, dass es läuft. Es hat nur nie alles zusammengepasst. Dass es heute passierte, ist perfekt. EM in drei Wochen und dann Rio, ich kann’s gar nicht glauben. Und noch Bestleistung und noch die Weltbeste zurzeit.“

Mit ihrem ersten Versuch auf 62,39 Meter wäre sie am Ende noch Zweite gewesen, aber mit ihrem zweiten Versuch auf die Weltjahresbestweite von 66,41 Meter schockte sie bei schwierigen Gegenwindbedingungen die Konkurrenz. Weltmeisterin Katharina Molitor wurde Zweite (62,86), Dritte wurde Linda Stahl (61,44), die lobte: „Ich habe Christins Wurf gesehen, der war richtig gut, deshalb hat sie den Titel verdient. Respekt vor der jungen Wilden“. Christina Obergföll meinte zu Hussong: „Super, super, super, das war ein großartiger Versuch.“ Nach Ausreden zu ihren 59,93 Metern wollte sie nicht suchen:„Ich hatte heute so schwere Beine, ich war nicht in der Verfassung zu handeln.“ Wer nun zur EM und nach Rio fliegt, ist völlig offen.

Wie schön, wie spannend und mitreißend kann Diskuswerfen sein, wenn die Harting-Brüder das Stadion rocken. Daniel Jasinski legte im dritten Versuch mit 65,18 Meter vor, an die Robert Harting im vierten Versuch bis auf drei Zentimeter herankam. Im fünften ging er selbst mit 65,60 Meter in Führung, die ihm dann sein Bruder Christoph wieder wegschnappte – 66,41 Meter!

„Eigentlich konnte ich in dieser Verfassung die 66,41 meines Bruders nicht werfen, aber ich bin ja nicht blind, hab’ das Windfähnchen gesehen und bin schnell in den Ring“, schilderte Robert Harting. Mit Risiko und einem langen Brüller schickte er die Zwei-Kilo-Scheibe auf die Reise, und die schlug bei 68,04 Meter im Stadionrasen ein. Unglaublich! Denn vor vier Wochen konnte er überhaupt noch nicht werfen.

Da war er wieder, der alte Harting. Sehr emotional schilderte er das Zurückkämpfen: „Hört sich melodramatisch an: Die Verletzung hat ja das Ende meiner Karriere berührt. Ich bin so froh, dass ich heute so leidenschaftlich mitmachen konnte und strategisch und taktisch alles aufging.“ Er sagte aber auch,dass er die EM aus lasse. „Ich muss jetzt durch den Rückstand drei, vier Wochen mehr trainieren als die anderen.“

Den Stabhochsprung gewann Tobias Scherbarth mit 5,70 Meter, Raphael Holzdeppe (Zweibrücken) hatte bereits am Samstag den Wettkampf abgesagt. Er wollte kein Verletzungsrisiko eingehen, steht aber immer noch ohne Sprung in dieser Saison da.

Kämpfen musste Sprintsternchen Gina Lückenkemper (20), um die 200 Meter in 22,84 Sekunden vor der gleichaltrigen Lisa Mayer (22,87) und der Mannheimerin Nadine Gonska (23,03 ) zu gewinnen, die die Olympianorm unterbot. Wie Konstanze Klosterhalfen (19) über 1500 Meter mit Meisterschaftsrekord im Alleingang siegte, so gelang das auch Jackie Baumann (21), die über 400 Meter Hürden mit ihrem Sieg in Kassel (56,87) das Rio-Ticket klarmachte.

„Mein Vater ist mein Vater, er ist familiärer Rückhalt. Mehr nicht. Mit meiner Karriere hat er nichts zu tun, das mache ich mit meiner Mutter und Trainer Sven Rees“ gab Jackie zum besten auf die Frage, ob denn das Thema Olympia daheim ein Thema spiele. „Seit ich ausgezogen bin, eh nicht, ich mach mein eigenes Ding, komme ein paar Mal zum Abendessen heim“,sagt die Tochter des 5000-m-Olympiasiegers von Barcelona 1992.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
18.–19.06.2016 Deutsche Meisterschaften 2016 Kassel (Deutschland)