Zweibrücken. Das Leichtathletikzentrum (LAZ) Zweibrücken hat bei den Olympischen Spielen in London für Schlagzeilen gesorgt. Stabhochspringer Raphael Holzdeppe, der künftig in München trainiert, hat die Bronzemedaille errungen. Merkur-Redakteur Werner Kipper unterhielt sich mit dem LAZ-Vorsitzenden Josef Scheer.

Beim Himmelsstürmer-Cup des LAZ Zweibrücken auf dem Herzogplatz verfolgten die Besucher hautnah die LAZ-Athleten.
Beim Himmelsstürmer-Cup des LAZ Zweibrücken auf dem Herzogplatz verfolgten die Besucher hautnah die LAZ-Athleten. Foto: voj

Herr Scheer, welche Auswirkungen hat die Bronzemedaille von Raphael Holzdeppe in den Verbänden und der Öffentlichkeit hervorgerufen?

Josef Scheer: Öffentlichkeit, Medien, Politik, Sportverbände waren überrascht beziehungsweise interessiert, Informationen und Neuigkeiten zu erfahren. Zweibrücken und Raphael standen für einige Tage im Fokus. Besonders auffällig war das Interesse der Zweibrücker an „ihrem Raphi“, wie sich auch beim Himmelsstürmer-Cup auf dem Herzogplatz und die Ehrung durch die Stadt mit der Eintragung samt Trainer Andrei Tivontchik zeigte. Der Landessportbund hat sich für Raphael eine besondere Ehrung einfallen lassen, und Ministerpräsident Kurt Beck hat in einem persönlichen Schreiben gratuliert.

Zielvereinbarungen sind unkalkulierbar.

Josef Scheer
Josef Scheer
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Es ist bei den Olympischen Spielen sehr viel von Zielvereinbarungen des Innenministeriums gesprochen worden. In der Leichtathletik sind sie erfüllt worden. Was bedeutet die Medaille für Ihren Verein?

Scheer: Zielvereinbarungen im Sport sind unkalkulierbar und zeugen davon, dass die Autoren solcher Vereinbarungen wenig Ahnung von den ständig wechselnden Höhen und Tiefen des Leistungssports haben.

In den vergangenen Jahren musste der Leistungssport unter Mittelkürzungen leiden. Das haben Sie immer wieder beklagt. Widerspricht das nicht der Forderung nach Zielvereinbarungen?

Scheer: Früh und laut verkündete Mittelkürzungen für den rheinland-pfälzischen Sport sind zum Glück nicht wörtlich umgesetzt worden. Ein Superstandort, wie das LAZ in Zweibrücken, wird wegen seiner Leistungsfähigkeit angemessen gefördert. Die Olympischen Spiele haben aber dem britischen Sport erhebliche Erfolge gebracht. Nicht umsonst wurden hier enorme Gelder zur Verfügung gestellt. Sport ist im 21. Jahrhundert nur noch mit Unterstützung möglich.

Erfolge kann man nicht kaufen. Erhoffen Sie sich dennoch bessere finanzielle Bedingungen für das Bundesleistungszentrum Zweibrücken?

Scheer: Wir stehen vor einem neuen Olympiazyklus. Die kommenden Monate werden Hinweise geben. Werden vorsichtige Versprechungen in die Tat umgesetzt, dann kann man für den Bundes- und Landesstützpunkt, den Teil des Olympiastützpunktes in Zweibrücken, optimistisch sein.

Von fünf potenziellen Olympia-Kandidaten des LAZ zu Beginn des Jahres hat Raphael Holzdeppe als Einziger die Fahrkarte für London gelöst. Zeigt das nicht, wie dünn das Eis für den Leistungssportler und die leistungssportlichen Vereine ist?

Scheer: Leistungssport ist eine Gratwanderung, die bestimmt wird durch Leistung, Glück und nicht zuletzt Gesundheit. Darunter hatten auch die Athleten des LAZ zu leiden. Um so mehr ist die einmalige Leistung Raphael Holzdeppes zu respektieren. Für die Westpfalz sehe ich keine großartigen Veränderungen. Auch hier dominiert der Fußball und verbraucht den Löwenanteil der Förderungen, des Sponsorings, entsprechend dem Interesse des Publikums.

Befürchten Sie Auswirkungen im LAZ-Trainerstab, nachdem Kaderathlet Raphael Holzdeppe künftig in München trainieren wird?

Scheer: Keineswegs. Vielmehr hat der Deutsche Leichtathletik-Verband signalisiert, unserem hauptamtlichen Stabhochsprung-Trainer Andrei Tivontchik noch durch eine weitere Person zu unterstützen. Schließlich stehen mit Daniel Clemens, dem deutschen Junioren-Vizemeister und dem WM-Zwölften der U 20, Lukas Hallanzy, hoffnungsvolle Talente in den Startlöchern.

Mit dem „Himmelsstürmer-Cup“ auf dem Herzogplatz hat das LAZ um Ihren Stellvertreter Bernhard Brenner, Speerwerfer Alexander Vieweg und Ann-Katrin Schwarz, die für den Nachwuchs zuständig ist, erfolgreich eine Tradition aufleben lassen. Ist das der Beginn eines Generationenwechsels beim LAZ?

Scheer: Ich habe 2011 bereits angemeldet, dass ich meine zweijährige Amtszeit nicht ausfüllen werde. Ein Rücktritt nach den Spielen in London bietet sich an und wurde von mir so auch publiziert. Zuvor will ich aber noch ungelöste Aufgaben erledigen, zumal die Strukturen für die kommenden vier Jahre gelegt werden. Außerdem hat das Team Ann-Katrin Schwarz, Bernhard Brenner und Alexander Vieweg seine Kompetenz beim „Himmelsstürmer-Cup“ eindrucksvoll demonstriert. Das LAZ Zweibrücken verfügt nun auch in jüngeren Jahrgängen über kompetentes Personal. 2013 wird das LAZ 25 Jahre alt. Ein junger Verein hat mit jungen Kräften positive Perspektiven und schon jetzt eindrucksvolle Erfolge vorzuweisen.

Welche weiteren Nutzungsmöglichkeiten eröffnet der Ausbau des Westpfalzstadions für das LAZ?

Scheer: Die Anzahl und Lage der Sportstätten in Zweibrücken ist für das LAZ einmalig: Partnerschule des Sports, bald sportbetonte Schule Hofenfels-Gymnasium, Gestüt, Allee, Rennwiese, Freibad, Hallenbad, Tennisanlagen, Stadion, Leichtathletikhalle, Rosenweg, Fasanerie, Tagungszentrum Festhalle. Fast alle diese Plätze sind zu Fuß erreichbar, zeitraubende Transporte fallen nicht an. Eine Vielzahl von Sportarten bietet sich an, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ausreichend Perspektiven bieten. Hier ist dringend geboten, dass im Zuge einer verantwortungsvollen Sportpolitik ein Optimum erreicht wird. Zumal der Sport in Zweibrücken besondere Aufgaben zu erfüllen hat: Prävention im gesundheitlichen Bereich, Integration von Menschen, die wir in der Region dringend benötigen, Prävention im politischen Bereich gegen radikales Denken und Handeln und so weiter. Im Zuge der demografischen Entwicklung, besonders in Grenzregionen, wird es eine zentrale Aufgabe sein, Kinder und Jugendliche dem Sport zuzuführen. Dafür werden moderne Sportstätten benötigt, die man gerne aufsucht. Eine solche Funktion wird das erneuerte Westpfalzstadion erfüllen. Mit einem entsprechenden Ambiente, bekannt als Standort und Heimat des LAZ Zweibrücken und seiner Athleten, die nicht nur wegen ihrer sensationellen Leistungen, sondern auch als Multi-Kulti-Truppe überall bekannt sind, kann Zweibrücken beweisen, dass in der Westpfalz für alle Menschen Perspektiven existieren.

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Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
25.07.–12.08.2012 Olympische Sommerspiele 2012 London (England)