Ein Abend zwischen Lust und Frust war dieser Abend der Eröffnungsfeier. Sollten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, daheim des Nachts eingeschlafen sein – macht nichts, Sie haben nichts verpasst. Bunt und vielfältig war sie schon, aber auch zäh und völlig ohne Höhepunkte. Ich habe schon einprägsamere, aufregendere Partys erlebt. Meine Hitliste geht so: Sydney, London, Peking, Athen und – tut mir leid – Rio.

Allein schon die Anfahrt. Dreimal umrundete der wie aus dem Ei gepellte Busfahrer das Maracanã, bis er jene Stelle fand, an der wir Journalisten Zugang zum Stadion fanden. Und dann wieder diese Schlange. Immer wieder. So langsam spielen die Module verrückt. Zum Glück hatte ich mich früh auf den Weg gemacht. Um 16 Uhr. Um halb sechs war ich drinnen auf meinem Platz, um 8 ging’s los.

Ich habe mir erst mal zwei Bierchen gegönnt und gierig einen Hotdog verdrückt, jedes Teil für umgerechnet 4,50 Euro, was okay ist. Hallo, ich war im Maracanã, und nicht irgendwo. Ein zweiter Hotdog, auf den mein Magen sich schon gefreut hatte, war schon ausverkauft. Unglaublich, die Imbissbude war im Nu geplündert.

Jon Alvas Vargas saß neben mir. Ein ruhiger Mexikaner, der, als ich ihm sagte, woher ich komme, doch glatt mit dem 2:2 der deutschen U21 anfing. Ich hörte ihm aufmerksam zu, nickte zustimmend und gestand ihm nicht, dass ich überhaupt kein Fußballer bin, das Spiel nicht gesehen habe und überhaupt Fußball bei Olympia eh an der falschen Stelle wähne.

Jedenfalls: Um Viertel nach zwei lag ich in der Falle, um halb vier hörte ich Bernhard nach Hause kommen. Zusammen mit Anne Hilse, einer Fotografin, die ihm hier für ein Olympiabuch assistiert, und der wir Quartier anboten. Ihr war ihre sauteure Nikon mitsamt Superobjektiv zu Boden gefallen. Untröstlich war sie, als der Wecker um sechs wieder klingelte. Aber gegen elf schickte sie eine Whatsapp und gab Entwarnung. Alles wieder repariert.

Da saß ich dann gerade neben meinem einen Tag älteren pfälzischen Olympia-Mitstreiter Heiner Gabelmann auf der Zuschauertribüne in Deodoro und ließ mir die Schießerei erklären. Er saß alleine da, aber er gewährte mir Platz neben sich. Es ist immer wieder nett mit ihm und vor allem echt hilfreich. Denn mehr als eine Plastikrose an einem Kerwestand habe ich noch nie geschossen. Ich hasse Waffen und Schüsse und schaue mir keinen einzigen Krimi an. Aber das hat ja nichts mit dem olympischen Schießen zu tun. Heiner ist ein wirklich kompetenter Sportdirektor, hoch angesehen bei den Schützen. Und Schnapsbrenner ist er auch. Seinem Hobby geht er mit seiner Frau in Mannweiler-Cölln nach. Alle vier Jahre schaue ich bei den Schützen vorbei und bin jedes Mal von Neuem fasziniert von dieser Wettkampfatmosphäre und trage gerne dazu bei, sie ein wenig aus dem Mauerblümchendasein in der deutschen Sportlandschaft herauszuholen.

Es passiert ja nicht wirklich was, wenn die Athleten, eingezwängt in ihren stabilisierenden Spezialanzügen, hoch konzentriert die Scheibe als Gegner haben. Aber allein die perfekte Inszenierung auf dem Tableau zu verfolgen, ist verdammt spannend.

Jetzt schreibe ich dieses Tagebuch gerade im Bus auf der Fahrt an die Copacabana zum Radrennen. Es reicht, so denke ich, wenn ich das Finale live miterlebe. Es wackelt aber so, dass ich keine Taste auf Anhieb treffe. 13.18 Uhr sagt mir eine digitale Uhr und 29 Grad. Mir fällt grad auf, dass ich außer dem Frühstück noch nichts gegessen und getrunken habe. An der Schießstand-Imbissbude nahmen sie kein Bargeld. Aber meine Visa-Card liegt im Quartier.

Die Vorahnung ist verheißungsvoll. Links schlagen die Wellen an den Strand von Ipanema, noch ein paar Kilometer, dann sind wir dort. Bernhard ist ganz scharf drauf. Wie vermisst er da draußen in Barra die einzigartige Stimmung dieses Traumstrandes, wie er es sagt. Wir wollen mal schauen, was da heute noch so abgeht, denke ich. Da sagt er mir, dass er zum Basketballspiel China gegen USA geht.

Zugehörige Wettkämpfe

Datum Name Ort
05.–21.08.2016 Olympische Sommerspiele 2016 Rio de Janeiro (Brasilien)